01. August 2008

Warenterminbörse und Lebensmittelpreise Am Sonntagnachmittag auf WDR2

Information bei den Öffentlich-Rechtlichen

„1000 Dollar für eine Tonne Reis. Ja, Sie haben richtig gehört. 1000 Dollar für eine Tonne Reis. Das ist das Dreifache dessen, was man noch vor etwa eineinhalb Jahren für 1000 Kilogramm Reis auf den Tisch legen musste.“ Nicht jeder Radiohörer der Sendung „Der Sonntag auf WDR2“ wird bereits vorher in hautnaher Kenntnis dieser Preisentwicklung gewesen sein. Selbst der Mann vom China-Imbiss dürfte den Reis-Index wohl nicht so eng verfolgen wie das preisliche Auf und Ab an der Zapfsäule. Trotzdem, selbst dem Nicht-Agraringenieur für Hülsenfrüchte musste nun einleuchten, dass hier Ungeheuerliches vor sich ging. Und Ungeheuerliches folgte in der Tat auf dem Fuße.

Zu Klärung der Lage hatte sich der Sender überlegt, einen investigativen Außenreporter gen Amerika zu schicken, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Nicht etwa nur, weil die USA ein so schönes Urlaubsland wären. Nein, neben dem Grand Canyon, der Harvard Universität oder etwa drei Millionen Starbucksfilialen gibt es dort in der schönen Stadt Chicago auch noch die weltweit bedeutendste Warenterminbörse, die Chicago Board of Trade. Dort handelt man mit in der Zukunft zu einem bestimmten Preis zu erfüllenden Lieferverträgen (so genannten Futures) auf Mais, Sojabohnen, Weizen – und eben auch auf leckeren Reis.

Ganz nach dem altbekannten Motto „Wir haben da mal nachgehört“ erkundet der kluge WDR2-Mitarbeiter also das Zentrum des Geschehens (oder der Ursache?). Die Schlussfolgerung seiner tieferen Erkenntnisse kündigt seine daheim im Aufnahmestudio gebliebene Kollegin vorsichtshalber schon zur Einleitung an. Man weiß ja nie, wie schnell die Leute bei Wirtschaftsthemen so wegschalten. Harry Hirsch „hat nämlich herausgefunden, wie die Händler an der Chicagoer Börse für die ungeheuerlichen Preissteigerungen verantwortlich sind.“

Zack. Das hatte selbst der mitbekommen, der eigentlich schon seit zwei Minuten verzweifelt auf „Can you hear me“ von Enrique Iglesias gewartet hatte.

Der von seinem Aufenthaltsort hörbar beeindruckte Außendienstpraktikant schilderte jedoch zunächst erst einmal seine optischen Eindrücke, „Man bräuchte eigentlich gar keine Tapeten, weil alle Wände voller Displays mit Zahlen hängen.“ Bevor er jedoch ob der visuellen Reize ins Schwärmen geraten konnte, dokumentierte seine Radiokollegin ihre sich steigernde Ungeduld lieber durch unruhige Beschleunigungsfloskeln „hm, ja, hm“. Bis es dann irgendwann aus ihr herausplatzte: „Warum spekulieren die Leute an der Börse überhaupt mit Grundnahrungsmitteln?“ Der Begriff „Grundnahrungsmittel“ wird dabei so betont wie Eltern normalerweise ihrem Kind beibringen, dass man mit eben jenen gefälligst nicht zu spielen habe. Das Treiben auf dem Börsenparkett steht damit schon mal mindestens auf der gleichen Stufe wie eine gepflegte Schlacht mit Kartoffelpüree.

Harry Hirsch erläutert dabei jedoch recht sachlich und neutral, dass Händler ihm erklärt hätten, dass es sich bei dem Börsenhandel in der Regel um Geschäfte/Wetten auf die Zukunft handle, mit denen sich die Produzenten (z.B. Landwirte) gegen zukünftige Preisschwankungen absichern könnten, ihnen demnach also Risiko abgenommen würde. Darüber hinaus sei es so, dass ein Spekulant nicht zwingend von steigenden Preisen profitiere, sondern auch bei fallenden Kursen Gewinne machen könne. Nämlich dann, wenn sein Verhandlungspartner auf eine gegenläufige Entwicklung „gewettet“ habe. Die Händler selbst seien darüber hinaus auch nur eine Art Thermometer. Und jenes mache man ja auch nicht für hohe oder niedrige Temperaturen verantwortlich. Die Preissteigerungen beim Reis seien im Wesentlichen auf die gestiegene Nachfrage in Indien und China zurückzuführen.

Wer nach diesen Ausführungen noch die einleitenden Worte in Erinnerung hatte, wartete nun leicht irritiert auf die noch ausstehenden Erklärungen und unwiderlegbaren Beweise, die doch eindeutig die Börsenhändler der Preistreiberei überführen sollten. Stattdessen verabschiedete Harry Hirsch sich jedoch – vermutlich ins verlängerte Wochenende in Chicago – und ließ Hörer wie Kollegin mit dem unguten Gefühl zurück, dass am Ende noch eine Reise nach Indien und China nötig sein würde, um das Rätsel endgültig zu lösen.

Außer Spesen also nichts gewesen? Nein. Aber Zeit für lange Erklärungen blieb nun auch nicht mehr und Enrique Iglesias wartete ja noch immer auf seinen Auftritt. Daher also Danke an Harry Hirsch, „der sich in der letzten Woche an der Chicagoer Warenterminbörse aufgehalten und uns gerade erklärt hat, wie der dortige Handel mit Grundnahrungsmitteln die Preise nach oben treibt.“

Nanu? Hatte die Kollegin im Studio auf den Kopfhörern anderen Worten gelauscht als der Hörer vor dem öffentlich-rechtlichen Volksempfänger? Natürlich nicht, aber für den durchschnittlichen Gebührenzahler reicht eben diese genial einfache Strategie aus, die sich auch in Schule, Job und Arbeitsamt bewährt hat. Was hängen bleiben soll gibt man am Anfang und am Ende zum Besten. Denn während der Vortragende selbst vielleicht gerade ganz vom Thema gefesselt zum Kern vorstoßen möchte und sich auch der Begeisterung der Zuhörer sicher wähnt, beschäftigen sich jene bereits seit der zweiten Minute mit den unterschiedlichen Sockenfarben des Redners. Ganz schön pfiffig also die Kollegen vom WDR.

Und damit zurück ins Sendestudio.


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Oliver C. Racke

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