17. Mai 2010

Anne Will gestern Abend Hinreichende und notwendige Bedingung erfolgreicher Kommunikation

Euro fällt, Kasse leer, Fernseher aus

Es ist 21.45 Uhr am Sonntagabend und eigentlich würde ich entweder ein gutes Buch oder Nachrichten im Internet lesen. Heute hat aber der Verfasser meines Lieblingsbörsenbriefs und regelmäßiger ef-Autor, Claus Vogt, einen Auftritt bei Anne Will. Es geht um den Euro oder vielmehr die Sorge um ihn.

Um es vorweg zu nehmen. Die Sendung ist nicht anders verlaufen als man es von den Talkshows der Wills, Illners und Maischbergers erwarten darf. Gesprächsführung ungenügend, Inhalt mangelhaft und das gute Gefühl am Ende, na klar, mehr Politik wagen, diesmal eben nur die richtige. Auf dem Papier standen die Chancen für Claus Vogt zunächst nicht schlecht. Immerhin komplettierten neben ihm „Handelsblatt“-Chefredakteur Gabor Steingart, FDP-MdB Otto Fricke, SPD-Urgestein Klaus von Dohnanyi und Grünen Fraktionsvositzende Renate Künast die Runde. Beton-Staatsbejahung durfte man also allenfalls von den letzten beiden erwarten.

Abgesehen davon, dass man nach der Sendung sicher sein konnte, dass bis in die Chefredaktion des „Handelsblatts“ und die Prosecco-Fraktion der FDP die Ursache der aktuellen Krise nicht einmal im Ansatz verstanden ist, war sie eigentlich nur langweilig.

Claus Vogt kommt in der ersten Wort-Runde als letzter dran und danach auch nicht mehr ganz so oft. Alles was er sagt trifft wie zu erwarten den Kern. Er beschreibt die Verfehlungen von Zentralbanken und Politik, und dass gerade das System des leichten Papiergeldes Ursache für die aktuelle Misere sei. Dass er wenig Hoffnung habe, dass die Politik den Mut besitze, die notwendigen Schritte zu ergreifen, nämlich einzulenken, Schuldenabbau zu betreiben und gegenüber den Gläubigern einzugestehen, dass man wohl einen beträchtlichen Teil der aufgenommenen Kredite nicht mehr zurückzahlen wird können. Starke Geldmengenausweitung gekoppelt mit galoppierender Staatsverschuldung sei der Nährboden für eine sich anbahnende (Hyper-) Inflation. Hiervor versuche er die Ersparnisse seiner Kunden mit seinen Empfehlungen – zum Beispiel Anlage in Gold – zu schützen.

Hyperinflation. Da steht das Wort nun im Raum. Und da kann es natürlich nicht stehen bleiben. Unverantwortlich. Sagt von Dohnanyi. Das schüre nur Panik und verschlimmere das Problem. Er wolle jetzt mal ein wenig Sachverstand in die Diskussion bringen. Schließlich habe er sich mit allen (!) Experten zu dem Thema unterhalten, die von der Sache wirklich etwas verstehen – und er sagt das sehr glaubhaft. Dass er Vogt nicht dazu zählt, sagt er zwar nicht, meint es aber natürlich. Von Unterauslastung von Produktionskapazitäten, Druck von unten auf die Löhne und Sterilisation von Zentralbankgeldmengen wird im folgenden schwadroniert. Bis auf Vogt sind sich alle einig, dass (Hyper-) Inflation kein Thema sei. Man sei ja nicht in Simbabwe. Absurd. Bei den Erläuterungen, wie eine Inflation denn zu verhindern sei, merkt man schnell, dass sich alle – außer Vogt, der im Grunde nicht mehr zu Wort kommt – auf fachlich sehr dünnem Eis bewegen. Alle scheinen mal so ein paar Begriffe und Zusammenhänge gehört zu haben, die sie jetzt wahllos in die Stuhlrunde werfen. Am Ende komme es aber doch ohnehin nur darauf an, „für den Euro zu kämpfen“, und dass es „nicht leicht wird“, das sei „natürlich klar“. Was nun genau unter dem „Kampf“ zu verstehen ist, bleibt an diesem Abend im Dunkeln. Aber Kampf ist gut, da applaudiert auch das Publikum.

Wie so häufig bei Vertretern des klassischen Liberalismus, macht Vogt inhaltlich vieles richtig, bekommt aber rhetorisch die PS nicht auf die Straße. Und damit die Straße nicht hinter sich. Was seinen Ausführungen fehlt sind einfache markige Sprüche und Bilder, Erklärungen für die Landwirtschaft eben. Spätestens als er beim Zusammenspiel aus Geldpolitik und Spekulantentum zum Begriffspaar der „hinreichenden und notwendigen Bedingung“ greift, fühlt sich wohl die Mehrzahl der Zuschauer unverhofft in den Mathematik-Unterricht zurückversetzt. Offenbar ging es Anne Will – „äh...wie...äh...das hab ich jetzt nicht...kann man das auch einfacher?!“ – da ähnlich.

Wirklich großen Beifall erntet keiner der Gäste. Allenfalls gibt es anfänglich noch ein wenig Achtungs-Applaus für von Dohnanyi, der auf eine lange Politik-Erfahrung zurückschauen kann und ja auch wie gesagt mit allen Experten zum Thema vorher gesprochen hatte. Sein erstes Fazit, alles Panikmache. Das war schonmal gut, denn wer wollte hier schon aufgeregt werden. Spätestens bei einer relativ unverhofft eingestreuten Kurz-Erzählung seinerseits „Ich hab vor vielen Jahren mal...“, die auch für Anne Will nur schwer dem aktuellen Diskussionspunkt zugeordnet werden konnte, war allerdings auch dieser Nimbus verflogen. Jetzt schien man auch im Publikum zu ahnen, dass da einer vielleicht doch nicht mehr so ganz auf der Höhe war. Also vielleicht doch Panik?

Aber lassen wir uns erstmal das mit den Spekulanten erläutern. Die tragen, und da ist man sich bis in die oberste Etage des „Handelsblatts“ einig, einen nicht unwesentlichen Teil der Schuld. Ein kurzer Einspieler zeigt Anja Kohl, ihres Zeichens ARD-Börsenexpertin, vor einer Kurstafel im Frankfurter Handelssaal.

 Zusammengefasst stellt sie folgendes fest: Erstens: Spekulanten erzeugen keine Krisen, sondern legen nur gnadenlos die Finger in die Wunden, die andere verursacht haben. Zweitens: Exzesse am Kapitalmarkt sind in Wirklichkeit nur durch eine über Jahre andauernde Niedrig-/Nullzinspolitik zu erklären. Drittens: Eine größere Regulierung/Besteuerung (Transaktionssteuer) sei nicht sinnvoll und im nationalen Alleingang ohnehin nicht durchsetzbar.

Der Einspieler endet und Anne Will zieht die einzig logische Quintessenz aus dem eben gesehen Beitrag: „Also, Frau Künast, wie lässt sich den Spekulanten denn nun das Handwerk legen?“

Wenn man derlei Situation im Staatsfunk nicht schon oft genug erlebt hätte, würde man sich nun fragen, welchen Beitrag Frau Will denn da gerade gesehen hat. Ob der Einspieler im Studio etwas anderes gewesen war als das, was zu Hause im Fernseher angekommen ist?

Man weiß in diesen Momenten nicht, was wahrscheinlicher ist, ob Frau Will einfach arrogant und publikumsverachtend ihren Stiefel durchzieht, oder ob sie den Inhalt des Einspielers selbst nicht verstehen kann (will). Man muss sich dieses Panoptikum unserer Journalisten- und Polit-Eliten nur sehr kurz anschauen, um zu merken, dass hier mangelnde Intelligenz und ein hohes Maß an Skrupellosigkeit eine unheilvolle Symbiose eingegangen sind. Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen (-wollen) sind ein wunderbarer Selbstschutz, um nach der Äußerung größter Unverantwortlichkeiten auch morgens noch in den Spiegel schauen zu können.

Also doch die Spekulanten. Frau Künast hat das Rezept natürlich parat. Die Transaktionssteuer. „...das macht die Spekulation...also wenn die da immer wieder rein und raus ... und das viele Male ... das macht das teurer.“ Soweit, so gut. Das versteht auch der durchschnittliche Publikumsgast. Doch die scheinbar schnelle Lösung trifft im restlichen Diskutantenkreis – und diesmal ist Claus Vogt nicht alleine – auf heftige Gegenwehr. Otto Fricke, der ein bisschen so aussieht wie eine Mischung aus Konfirmandenschüler und Anlageberater bei der Sparkasse, hat den griffigen Konter parat: „Das trifft am Ende alle und dann genauso den kleinen Riester-Sparer.“ Das sitzt. Ungelenke Versuche von Renate Künast, die Vorteile der Transaktionssteuer aus ihrer Sicht doch noch unterzubringen, scheitern einfach gnadenlos am Format der Sendung. Zu lang sind die Ausführungen, zu knackig war der Riester-Sparer. Gut, dass im Publikum offenbar so einige davon zu finden sind.

Also, Transaktionssteuer, auch keine Lösung. Aber zumindest die Schuldigen sind schonmal gefunden. Claus Vogt versucht es nochmal mit der Rolle der Zentralbanken und der Politik, muss sich aber von Anne Will sagen lassen, dass er bei dem Punkt wohl ziemlich allein dastehe. Vogts Erwiderung, dass er das mittlerweile gewohnt sei, hilft allerdings nur wenig bei der Verbrüderung mit dem Publikum. Kein Wort dazu, dass er seit Jahren die Entwicklungen treffsicher prognostiziert hat, dass alle anderen außer zu nachträglicher Betroffen- und Empörtheit eigentlich zu nichts imstande waren, ja, nichtmal im Nachhinein eine befriedigende Erklärung für das Geschehene liefern können. Die Chance ist vorbei.

Die Sendung plätschert noch ein wenig vor sich hin, bevor von Dohnanyi am Ende noch zum besten geben darf, dass er auf einer Krisenskala von 1 bis 10 die aktuelle Situation nur bei einer 3 verortet. Er, der 1928-Geborene, der ja schon so viele Krisen selbst miterlebt hat. Selbst wenn er vielleicht doch nicht mit allen Experten zum Thema gesprochen haben sollte, gefühlsmäßig muss er das doch beurteilen können. Die Mission der Sendung kann man bei diesem Abschlusswort als erfüllt betrachten: Valiumpille eingeworfen. Patient wieder ruhiggestellt.

Soweit, so wenig neu.

Für den klassisch liberalen Diskussionsstil lässt sich aber etwas festhalten:

Erstens: Es reicht nicht, recht zu haben, man muss sich auch trauen, mit plattesten Vergleichen und farbenfrohen Bildern den Zuschauer abzuholen. Den Riester-Sparer, den Investment-Banker-Hasser, den am Ende ja eigentlich doch auch vor allem Politikverdrossenen.

Zweitens: Auch mit den besten Bildern helfen Sachargumente nicht in einer emotionalen Diskussion. Das schlimme ist, eigentlich hätte man als von der Politik und vom Falschgeld Ausgeplünderter allen Grund, emotional zu werden. Seltsamerweise wird aber meist nur die andere Seite emotional. Warum wird Frau Künast für ihren himmelschreienden Unsinn nicht auch mal hart angegangen?

Drittens: Toleranz gegenüber persönlichen Angriffen ist falsche Toleranz. Wenn der Gegenüber sagt, man mache nur unverantwortlich Panik, man habe kein ausreichendes Fachwissen und man sei ja nur daran interessiert die eigenen Anlageempfehlungen hochzujubeln, dann darf so etwas nicht ungestraft im Raum stehen bleiben. Robert Axelrod würde hier wohl das altbekannte TIT-FOR-TAT empfehlen: Sei immer erstmal freundlich, sei aber nicht nachsichtig – schlag zu wenn der andere zuerst zugeschlagen hat, doch sei nicht nachtragend – einmal Vergeltung reicht, dann bleibt auch die Tür für eine weiterführende Kommunikation offen.

Die richtigen Konzepte sind auf liberaler Seite seit langem vorhanden. Sie für die Lebenswirklichkeit einer breiten Öffentlichkeit angemessen und verständlich vorzutragen, daran darf nie aufgehört werden, weiter zu arbeiten.

Information

Oliver C. Racke, Jahrgang 1976, ist Diplom-Ökonom und Finanzinvestor.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Oliver C. Racke

Autor

Oliver C. Racke

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige