08. August 2008

Sprachtabus Darf man Barack Obama "Nigger" nennen?

Gedanken über die Macht eines Wortes

Ich gebe zu, dass die Überschrift zu diesem Beitrag etwas provokativ klingt. (Ich kann die radikale Linke schon tippen hören: "Arne Hoffmann, der der 'Jungen Freiheit' gerne Interviews gibt und für 'eigentümlich frei' lange darüber sinniert, ob man Barack Obama einen Nigger nennen dürfe ...") Sobald man allerdings einmal das Kindergartenniveau der Diskussion über Sprache, Rassismus und Politik verlässt, stellt man fest, dass sich hier eine komplexe und notwendige Debatte verbirgt.

Einerseits scheint eine enorme Kluft zwischen der rassistischen Vorstellung eines "Niggers" und dem klugen, eloquenten und beliebten Anwärter auf eine Kandidatur zum Präsidenten der USA zu bestehen. Wenn John McCain oder jemand aus seinem Team Obama als "Nigger" herabsetzen würden, könnten die Republikaner ihre Hoffnung auf das Weiße Haus mit einiger Sicherheit begraben. Andererseits blieb es auch Obama nicht erspart, mit diesem Wort in Zusammenhang gebracht zu werden: Dies geschah zum einen in zahlreichen Blogs, in denen man beim Obama-Bashing keinerlei Hemmungen kennt. (Ein Beispiel findet sich unten in der Linkliste.) Zum anderen unterlief dies aber auch dem schwarzen Bürgerrechtler Jesse Jackson, der behauptete, Barack Obama spreche "von oben herab zu den Schwarzen" und versuche, den "Niggern" vorzuschreiben, wie sie sich zu benehmen hätten. Besonders pikant: Jackson hatte in der Vergangenheit die Unterhaltungsindustrie immer wieder aufgerufen, den als rassistisch betrachteten Ausdruck "Nigger" nicht mehr zu gebrauchen. Ebenfalls auffällig war die amerikanische Berichterstattung über diesen Vorfall: Das Wort "Nigger" wurde dabei in weiten Teilen konsequent vermieden und durch "das N-Wort" ersetzt. Fast glaubt man, es mit einem Sprachtabu a la "Jehova" zu tun zu haben.

Mit den vielfachen Problemen, mit denen die Verwendung des Wortes "Nigger" verbunden ist, beschäftigt sich Randall Kennedy in seinem Buch "Nigger. The Strange Career of a Troublesome Word", das zwar schon vor einigen Jahren (2002) erschienen ist, das aber immer noch für alle lesenswert ist, die eine antirassistische mit einer liberalen, möglichst zensurfreien Haltung zu vereinbaren suchen. Hierbei entstehen mitunter überraschend diffizile Probleme, die zu starken Polarisierungen von Meinungen führen.

Zugegeben: Aus deutscher Perspektive gerät die Beschäftigung mit solchen Fragen etwas abstrakt. Das in unserer Sprache verwendete Wort "Neger" lässt sich mit "Nigger" nicht gleichsetzen, auch wenn es heute von Schwarzen ebenfalls als Beleidigung empfunden wird. Professor Engels vom Institut für deutsche Sprache erklärte dazu im Jahr 1992: "Die Aussagen sämtlicher Gewährsleute sind eindeutig (...). 'Neger' kann heutzutage nicht mehr wertfrei verwendet werden. Wenn heutzutage 'Neger' gesagt wird, so ist damit in der Regel eine beabsichtigte oder unfreiwillige Abwertung verbunden." Allzu sehr seien mit diesem Wort Assoziationen wie "Dschungel", "Kral", "Zauberdoktor" usw. verbunden. Im Frühjahr 2008 löste dementsprechend das Magazin "Dummy" mit seiner Ankündigung, eine Ausgabe unter dem Titel "Neger" herauszubringen, im Internet einen kleinen Proteststurm aus. Dennoch ist die Kluft zu "Nigger" groß: Anders als das amerikanische Schmähwort wurde noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Bezeichnung Neger in der Literatur völlig wertfrei gebraucht, dementsprechend finden sich bis heute etliche Ausgaben beispielsweise des "Kindler Literatur Lexikons" mit der unbefangenen Verwendung dieses Wortes in vielen Bibliotheken. Auch andere Wörter wie etwa "Zigeuner" (vom griechischen "athinganoi", "die Unberührbaren") werden zwar vom Zentralrat deutscher Sinti und Roma als "diskriminiernd" abgelehnt, besitzen aber lange nicht dieselbe Wucht wie "Nigger". Trotzdem halte ich Kennedys Buch auch für Deutsche lesenswert, zum einen weil wir stark von der amerikanischen Politik und Kultur geprägt werden, zum anderen weil es bei dieser Debatte auch um grundsätzliche Fragen geht.

Kennedy ist ein hochrangiger amerikanischer Jurist und Wissenschaftler und selbst ein Schwarzer. Letzeres sollte selbstverständich mit der Wirkungskraft seiner Argumente nichts zu tun haben, aber ebenso selbstverständlich ist das ganz gewiss der Fall. Sein Buch wurde in vielen Zeitungen hingerissen besprochen, prominent in David E. Kelleys Fernsehserie "Boston Public" vorgestellt und landete in mehreren Bestsellerlisten. Gleichzeitig gab es in Radiosendungen Anrufe, dass dieses Buch verbrannt werden sollte (insbesondere von Leuten, die es nicht gelesen hatten). Kennedy wurde von manchen Autoren heftig dafür angegriffen und bei Vorlesungen fragten ihn immer wieder Studenten, ob ein Harvard-Professor nichts besseres zu tun habe, als solchen Dreck zu schreiben, woraufhin diese Studenten sich, noch während Kennedy zur Antwort ansetzte, demonstrativ umdrehten und gingen. Ja, es handelt sich ohne Zweifel um ein polarisierendes Buch.

Im Vorwort seines Buches schildert Kennedy einige Fälle, als er selbst als "Nigger" bezeichnet wurde; im ersten Kapitel nennt er Vorkommnisse aus früheren Zeiten – Vorkommnisse, aus denen schnell klar wird, warum dieses Wort heute noch wesentlich aufgeladener ist als jede andere Beschimpfung. In all diesen historischen Fällen geht die Verwendung dieses Wortes damit einher, dass Schwarze als Untermenschen behandelt wurden. Dass sich die damit verbundene Einstellung bei manchen bis heute gehalten hat, macht Kennedy anhand einiger Websites deutlich, beispielsweise einer mit rassistischen Scherzfragen wie diesen: "Was haben Nigger und Spermien gemeinsam? Einer von zwei Millionen arbeitet"; "Was ist der Unterschied zwischen einem Straßenloch und einem Nigger? Du würdest um ein Loch in der Straße herumfahren, oder?"; "Wie hält man seinen Hinterhof von Niggern frei? Man hängt einen auf im Vorderhof"; "Wir hält man fünf Nigger davon ab, eine weiße Frau zu vergewaltigen? Man wirft ihnen einen Basketball zu", undsoweiter undsofort.

Schwarze als "Nigger" zu bezeichnen, war selbst unter Politikern bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein problemlos möglich. Randall Kennedy zitiert hierzu als Beispiel die Reaktion des US-Senators Benjamin Tillman aus North Carolina auf die Nachricht, Präsident Roosevelt habe im Weißen Haus den Schwarzenrechtler Booker T. Washington zu Gast gehabt: "Dass Roosevelt diesen Nigger empfangen hat, macht es notwendig, dass wir im Süden wieder tausend Nigger umbringen, bis sie wieder gelernt haben, wo ihr Platz ist." Bemerkenswert sei allerdings, dass auch Politiker wie Harry S. Truman und Lyndon B. Johnson, die sich für eine Verbesserung der Situation von Afroamerikanern einsetzten, in privaten Unterhaltungen das Wort "Nigger" verwendeten. Im Lauf der Jahrzehnte indes, erklärt Kennedy, wurde "Nigger" ein so mächtiges Schimpfwort, das es sich zum Stammvater einer ganzen Reihe abgeleiteter Herabsetzungen entwickelte, beispielsweise "Sandnigger" für die Araber und "Nigger des Nahen Ostens" für die Palästinenser. Alles in allem erklären die von Kennedy gelieferten Hintergrundinformationen sehr gut, warum in den USA das Wort "Nigger" heute als dermaßen tabu gilt, dass es selbst in Zitaten durch das "N-Wort" ersetzt wird.

Dann wäre also alles klar? Nein. Tatsächlich gibt es ziemlich viele Streitfragen, die Kennedy in seinem Buch diskutiert. Hier nur einige Beispiele:

- Macht es überhaupt Sinn, "Nigger" als das Über-Schimpfwort (das verletzendste, das furchteinflößendste, das gefährlichste, das verheerendste) zu stilisieren? Oder ist diese Ausnahmestellung nicht das völlig perverse Resultat eines Widerstreits von Opfergruppen, bei der jede die ultimative Opfergruppe sein möchte? Kennedy illustriert das am Beispiel des Holocausts, der ja ebenfalls in einen Status des absolut Unvergleichbaren gerückt wird, wobei aber beispielsweise die schwarze Autorin Tony Morrison insofern widersprach, als sie ihren Roman "Beloved" den "sechzig Millionen und mehr" in den USA versklavten Schwarzen widmete. Dass Morrison sich für exakt die zehnfache Zahl der bekannten "sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden" entschied, argumentiert Kennedy, sei kaum ein Zufall gewesen. Ist so ein Streit zwischen den Opfern geschmacklos, unsinnig und destruktiv? Oder ist es historisch nicht doch von Bedeutung, zum Beispiel zwischen einem Massaker mit fünfzig Opfern und einem mit fünftausend Opfern zu unterscheiden?

- Ist die Bedeutung des Wortes "Nigger" wirklich so als Schmähwort festgelegt, wie es scheint? Kennedy führt eine ganze Reihe Zitate von Schwarzen an, die versucht haben, das Wort "Nigger" umzuwidmen, indem sie ihm untereinander eine positive Bedeutung verliehen. "Nigger" wurde in diesen Fällen verwendet, um einen Schwarzen zu bezeichnen, der authentisch, stolz und nicht von der weißen Mehrheitsgesellschaft assimiliert war. Die Verwendung des Wortes "Nigger", gerade weil Weiße das nicht "dürfen", diente vielen Schwarzen dazu, sich von Weißen abzugrenzen. An einer anderen Strategie versuchte sich der weiße Komiker Lenny Bruce in den sechziger Jahren, als er in seiner Show argumentierte, "wenn Präsident Kennedy im Fernsehen auftreten und sagen würde 'Heute möchte ich Ihnen die Nigger aus meinem Kabinett vorstellen', und wenn er rufen würde 'Niggerniggerniggerniggerniggernigger' bei jedem Nigger, den er sah ... bis 'Nigger' nichts mehr bedeuten würde ... dann würde man nie wieder einen vierjährigen Nigger weinend aus der Schule heimkommen hören". Randall Kennedy gibt allerdings zu bedenken, dass Lenny Bruce ein Ausnahmefall war und all seine Kollegen der fünfziger und sechziger Jahre zwar sexuell schlüpfrige Schoten oder politisch bissige Kommentare erzählten, aber "Nigger" auch bei ihnen tabu blieb.

- Andererseits gibt es auch viele Schwarze, die "Nigger" als Schimpfwort benutzen – für diejenigen Schwarzen, von denen sie nichts halten. Natürlich werden sie davon von anderen Schwarzen scharf kritisiert – und setzen sich dagegen zur Wehr. Hier zitiert Kennedy Chris Rock, einen schwarzen Komiker der Gegenwart, der seine Show gerne mit den Worten "Ich liebe schwarze Menschen, aber ich hasse Nigger!" eröffnet und dann sehr eindrücklich schildert, welche Leute er damit meint. Seinen Kritikern entgegnet er: "Ich weiß, was ihr schwarzen Zuhörer denkt. Mann, warum musst du das alles sagen? Das sind nicht wir, das sind die Medien. Die Medien stellen uns verzerrend dar, damit wir schlecht aussehen. O bitte, hört auf mit dem Scheiß. Wenn ich nachts zum Geldautomaten gehe, dann schau ich doch nicht über die Schulter, weil ich Angst vor den Medien habe. Ich halte Ausschau nach Niggern. Ted Koppel hat mir nie irgendwas weggenommen. Nigger schon. Glaubt ihr, ich hab drei Knarren in meiner Wohnung, weil die Medien versuchen, bei mir einzubrechen?" Fördert oder bekämpft Rock mit solchen Auftritten den Rassismus?

- Ist es okay, wenn Schwarze das Wort "Nigger" benutzen, Weißen das aber durch sozialen Druck untersagt ist? Der Rapper Ice-T singt "I'm a nigger not a colored man or a black or a Negro or an Afro-American." Als aber die Latina-Sängerin Jennifer Lopez in einem ihrer Songs das Wort "Nigger" benutzte, angeblich weil sie es aus der Musik, die sie hörte, so gewohnt war, geriet sie heftig ins Kreuzfeuer. Und weil Quentin Tarantino als einziger weißer Regisseur in seinen Filmen das Wort "Nigger" des öfteren verwendet, wurde er von seinem Kollegen Spike Lee scharf angegangen – obwohl dieser das Wort in seinen eigenen Filmen häufig benutzt. Ist das Heuchelei und Messen mit zweierlei Maß? Sollte es in einer freien Gesellschaft nicht auch im kulturellen Bereich einen freien Wettbewerb geben – einschließlich eines Wettbewerbs darüber, wie man das "N-Wort" dramaturgisch am besten in seinen Texten verwendet? Oder lässt sich die Tatsache, dass Schwarze "Nigger" ungestraft verwenden dürfen und Weiße nicht, schlicht damit vergleichen, dass ich zu Mitgliedern meiner eigenen Familie Sachen sagen darf, für die ich Fremden eins auf die Nase geben würde? Dabei wird die Debatte noch dadurch erschwert, dass Weiße in Detroit mittlerweile ihre weißen Nachbarn abschätzig als "Nigger" bezeichnen und sich auch Studenten asiatischer Abstammung in San Francisco gegenseitig als "Nigger" titulieren.

- Macht man nicht einen wahren Fetisch aus dem Wort "Nigger", wenn man es nur noch als "N-Wort" umschreibt und seine Verwendung selbst im Zitat zwanghaft umgeht? In zahlreichen Gemeinden der USA gab es Proteste gegen Bücher, die dieses Wort enthielten, so etwa Mark Twains "Huckleberry Finn". Viele besorgte Eltern hatten das Buch offenkundig selbst nicht gelesen und hatten dementsprechend keine Ahnung, in welchem Kontext und mit welchem Sarkasmus Twain dieses Wort benutzte, um die weiße Gesellschaft seiner Zeit bloßzustellen. (Ein typischer Dialog aus Twains Buch: "Uns is' 'n Zylinderkopf hochgegangen." – "Lieber Gott! Is' jemandem was passiert?" – "Nee, Mam. Ham nur'n Nigger gekillt." – "Na was'n Glück! Weil, es kommt manchmal vor, dass Leute bei sowas verletzt werden.") Andererseits gibt es Argumente dafür, das Sprachtabu so weit wie sinnvoll möglich beizubehalten: Bei einem Experiment der Sozialpsychologen Jeff Greenberg und Tom Pyszczynki bezeichneten in mehreren Debatten heimliche Helfer der Versuchsleiter Schwarze mal als "Nigger", mal nicht. Es zeigte sich, dass die Versuchspersonen Schwarze, die als "Nigger" bezeichnet worden waren, negativer einschätzen als in Debatten, in denen das nicht vorkam. Das Wort "Nigger", schlussfolgerten die Wissenschaftler, war offenbar in der Lage, latente Vorurteile freizulegen oder Rassismus dort zu schaffen, wo zuvor keiner existierte.

- Wie gerechtfertigt ist die Entlassung von Leuten, die das Wort "Nigger" verwenden? Kennedy nennt hier eine Reihe von Beispielen, aus denen ich einmal drei herausgreife: David Howard, weißer Direktor einer Kommunalbehörde, teilte öffentlich mit, aufgrund von Budgetkürzungen müsse er mit dem Verteilen von Geldern "niggardly" umgehen. Nun bedeutet "niggardly" soviel wie "knausrig" und ist mit dem Wort "Nigger" in keiner Weise verwandt. Dem unbenommen gab es einen öffentlichen Aufschrei, weil der Gleichklang dieser Worte doch unüberhörbar sei. Keith Dambrot, Trainer einer weit überwiegend aus Schwarzen bestehenden Basketballmannschaft an einer Universität, forderte seine Spieler, nachdem diese ihm die Erlaubnis erteilt hatten, das "N-Wort" zu benutzen, dazu auf, "härter und mit mehr Kampfgeist zu spielen – wir brauchen mehr Nigger in unserem Team". Er tat dies, nachdem er gemerkt hatte, dass seine schwarzen Spieler das Wort "Nigger" verwendeten, um jemanden zu kennzeichnen, der furchtlos, willensstark und zäh ist. Als Außenstehende von Dambrots Verwendung des Wortes "Nigger" erfahren hatten, protestierten sie so scharf, dass Dambrot von der Universitätsleitung zunächst zu einem "Sensibilitätstraining" verpflichtet, schließlich aber doch entlassen wurde – und das, obwohl seine Spieler ihn so weit unterstützten, dass sie ihrerseits die Universität verklagten (der Sprachcode verletze ihr Verfassungsrecht auf freie Meinungsäußerung). Collegeprofessor Ken Hardy schließlich sammelte in einem Kurs über Tabuwörter Vorschläge seiner Klasse. Darunter war das Wort "Nigger", Hardy wiederholte es. Eine Schülerin von neun schwarzen Schülern der Klasse erhob Einspruch gegen die Nennung dieses Wortes, was zu einer heftigen Debatte in der Klasse führte, zu deren Ende sich Hardy auf die Seite der sensiblen Schülerin schlug. Trotzdem endete auch dieser Fall mit einer Entlassung.

Nun wäre ich von Kennedys Buch nicht sehr angetan, wenn er bei jeder Streitfrage nur die verschiedenen Pro- und Contra- Argumentationsstränge einander gegenüber gestellt hätte, um die Entscheidung allein dem Leser zu überlassen. Ich erwarte von dem Autor eines Buches, dass er mir sein eigenes Urteil mitteilt; ob ich mich dem anschließe, kann ich danach immer noch entscheiden. Erfreulicherweise hält sich Kennedy mit seinem Urteil nicht zurück und landet – bei aller Notwendigkeit, Rassismus zu bekämpfen – auf der liberalen Seite der Debatte. Schon ein von Beamten in den USA gerne verordnetes "Sensibilitätstraining" bezeichnet er ohne Umschweife als "an George Orwell erinnerndes, übersteigertes Vorgehen, das unglücklicherweise das Ansehen von multikulturellen Reformen schwer beschädigt hat". Insgesamt gelangt er zu der Einschätzung: "Fortschritt bringt immer wieder neue Probleme mit sich, und unser Thema ist keine Ausnahme. Eben jene Bedingungen, die geholfen haben, das Wort 'Nigger' negativ zu brandmarken, haben auch zum Entstehen beunruhigender Tendenzen geführt. Darunter fallen ungerechtfertigte Verschleierungen, ein Übereifer, Beleidigungen aufzuspüren, die Unterdrückung positiver Verwendungen des Wortes 'Nigger' und die übertrieben harte Bestrafung jener, die das N-Wort unüberlegt oder falsch verwendet haben."

Ein Argument, das in Kennedys Buch fehlt, ist, dass man sich selbstverständlich vollständig den geltenden Sprachtabus unterwerfen und trotzdem rassistische Botschaften verbreiten kann. Eben jenes wurde John McCain in der vergangen Woche vielfach vorgeworfen, weil er in Werbespots Barack Obama als arrogant und überheblich darstellte und mit weißen, sexuell ansprechenden Frauen wie Britney Spears und Paris Hilton zusammenschnitt. John McCain verwende einen Code, der von seinen Anhängern durchaus verstanden werde, argumentiert der langjährige Washington-Insider, CNN-Journalist und Harvard-Professor David Gergen: "Es gab sehr bewusste Anstrengungen, um zu zeigen, dass Obama 'nicht einer von uns' ist. Das Kampagnenbüro von McCain achtete gewissenhaft darauf, es nicht direkt zu sagen, aber das ist der Subtext der Kampagne." Es gebe bestimmte Signale, die man insbesondere als Bewohner der US-Südstaaten erkennen könne. Viele Blogger griffen diese Ausführungen auf und spitzten sie zu: Was McCain der weißen Arbeiterschaft vor allem vermitteln wolle, sei: "Dieser Nigger da glaubt, er ist besser als ihr."

Literatur

Randall Kennedy: Nigger. The Strange Career of a Troublesome Word


Blogs

Gergen: McCain Uses Code Words To Attack Obama As "Uppity"

The Uppity-Nigger-Attack

Running While Black

Obama Is a Nigger


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