11. August 2008

Chronologie unserer Zeit Willkommen im New Age

Romantik, Jazz, Rock and Roll – und dann Sterbehilfe

Macht euch bereit, Leute. Das neue Zeitalter steht vor der Tür. Um zu illustrieren, in was für einer Zeit wir heute leben, werde ich hier eine andere Art der Chronologie verwenden, als in der traditionellen Geschichtswissenschaft üblich. Dabei soll das Konzept von `unterschiedlichen Generationen mit unterschiedlichen Werten´ nicht überstrapaziert werden, wie es so gerne von denen (Poppäpsten und Zukunftsforschern) getan wird, die kulturelle und gesellschaftliche Trends kostenpflichtig für uns interpretieren. Den Kindern der fünfziger Jahre, den so genannten Baby Boomern, ist beispielsweise bekannt, dass der Bruch mit ihren Eltern viel extremer war, als der, den sie zwischen sich und ihren eigenen Kinder erleben. Wenn wir vom wilhelminischen oder viktorianischen Zeitalter sprechen, reden wir von einem 60-Jahres-Zeitraum (1840 bis 1900), in dem drei Generationen durch mehr oder weniger gemeinsame Werte und Bräuche geeint waren. Dieses Zeitalter hätte von dem abgelöst werden können, was jetzt als die Edwardianische Ära oder die romantische Ära des fin de siecle bekannt ist, eine etwas entspanntere Rokoko Phase kaiserlicher Jugendstil-Dekadenz. Wäre da nicht die gewaltsame traumatische Intervention des Ersten Weltkrieges gewesen, welche die Uhr auf Null gestellt hat.

Deshalb ist der nächste Meilenstein erst einmal auch nur im angloamerikanischen Raum voll wirksam gewesen. Ab 45 wurde dann alles im Rest der Welt, und hier nicht zuletzt in Deutschland, mit größter Begeisterung, bei Betonung der nihilistischen Aspekte, nachgeholt und mitgemacht.Es war die Jazz-Zeit, deren offizieller Starttermin die Veröffentlichung von Fitzgerald's `This Side of Paradise´ war, das erste Werk der Literatur, das die reale Macht der Musik und der sozialen Rebellion dokumentierte. Ihre Macht, kulturelle Gebräuche tief greifend zu beeinflussen und zu verändern. Es ist üblich, dieses Phänomen als ein technisches zu betrachten: dass der Aufstieg der populären Musik ermöglicht wurde durch die Verfügbarkeit der Aufzeichnungen, Radiosendungen, und bewegten Bilder. Aber dies ist die Geschichte, wie sie von den Säkularisten dargestellt wird. Man kann ebenso behaupten, dass es die Jazz-Musik war, welche die rasche Entwicklung und Verbreitung von Technologien anfeuerte. Für eine Generation, die hungrig war auf einem Erdrutsch von Veränderungen („Change“ – ein Zauberwort bis heute). Denn Jazz war ein Aufstand gegen Formalität, familiäre Tradition und vorgefertigtes Leben. Es war eine Wiederbehauptung individueller Entscheidungen und spontaner Kreativität zu einer Zeit, da scheinbar traditionelle Verpflichtungen im schlimmsten Blutbad der Menschheitsgeschichte endeten. Monarchien, Aristokratie, Elite, Zugehörigkeiten von Familie und Klasse, das Eintauchen in die Überzeugungen der Vergangenheit – alles wurde verdächtig. Die Jazz-Zeit war der eigentliche Beginn der Bürgerrechtsbewegung in Amerika. Privilegierte weiße Menschen entdeckten, dass ganz (in ihrer Vorstellung) ungebildete schwarze Menschen dazu fähig waren, eine brandneue Form der Musik zu kreieren. Eine Musik, die zugleich intellektuell und leidenschaftlich war.

„The Jazz Zeit“ dauerte 40 und ein paar zerquetschte Jahre: Den ganzen Weg von der Großen Depression, dem Zweiten Weltkrieg, und der Explosion von Wohlstand in Amerika, der zu der Wahl und Präsidentschaft von John F. Kennedy führte. Lange vor dem Rosa-Parks-Moment und den ersten Demonstrationen im Süden war Jazz-Musik eine treibende Kraft der Integration. Sie hatte als elementare Ablenkung von den Entbehrungen der Großen Depression gedient, war der unbekümmerte Soundtrack des Zweiten Weltkriegs, die Brausetabletten-Begleitung der fünfziger Jahre, das Vertrauen in und die Bestätigung aller Dinge, die Amerika in den frühen sechziger Jahren amerikanisch machten: individuell, unermüdlich und im Einklang mit den tiefen Rhythmen der persönlichen Freiheit. Sie war auch – in ihrem Respekt für die einzelne Stimme eines Saxophons, einer Trompete, eines Schlagzeugs oder menschlichen Wesens (Sinatra, Nat Cole) – eine paradoxe Demonstration des amerikanischen Schmelztiegels: individuelle Geister mit ganz unterschiedlichen Hintergründen können irgendwie alle Unterschiede zwischen ihren Wurzeln und Traditionen überbrücken.

Die Jazz-Zeit starb mit JFK und Vietnam. Sie hatte bereits ein Wunder vollbracht – Verzögerung des Nihilismus, implizit in der Rohheit und Wildheit des Ersten Weltkrieges, um 40 Jahre. Aber sie hatte sich aus dem falschen Glauben genährt, dass irgendeine Art von intellektueller Theorie die Kosten für so viel menschliches Versagen legitimieren könnte. Jazz war eine neue Inkarnation des Glaubens an die Rhythmen des Lebens und der Macht von im wesentlichen intellektuellen Ideen, die sich in einen kreativen Bereich manifestieren, um den von Märchen müden Menschen eine neue Form der Erlösung zu bieten.

Das viktorianische Zeitalter repräsentierte die vollständige Amputation der Emotion vom Intellekt. Die Jazz-Zeit war der erste Versuch zur Überbrückung der Kluft. Sie scheiterte schließlich im Absturz der Karrieren von Coltrane, Davis und Byrd. Das Zeitalter des Rock and Roll war ein Spiel hoher Einsätze, um Intellekt vollständig durch Emotion zu ersetzen. Durch Emotion und fleischliche Instinkte.

Das Zeitalter des Rock and Roll dauerte von Anfang der sechziger Jahre bis vor ein paar Jahren. Es bot den Soundtrack für Morde, für den zum Scheitern verurteilten Krieg in Vietnam – und für die Lebensdauer der verdorbensten, von sich selbst absorbierten Generation in mehreren hundert Jahren Geschichte, der Baby-Boom-Generation, oder nennen wir sie auch „die 68er“. Das Zeitalter des Rock and Roll war in seinen Grundlagen noch beschädigter als die Jazz Zeit. Sein wesentlicher Glaubenssatz war, dass wir nicht suchende geistige Kreaturen sind, sondern Tiere. Universeller Frieden und Zufriedenheit sind zu haben, wenn wir endlich erkennen würden, dass unsere Natur bestimmt ist durch das Bedürfnis nach Sex, Endorphinen und dem Fehlen von Regeln.

Jazz war der intellektuelle Schub, ganz in der Nähe zu Bach und Mozart, in seinem Streben, in der Musik einen tonal-basierten Ausdruck des Universums zu schaffen. Die Musik der Sphären, wenn man so will. Rock and Roll war das Gegenteil. Es war die Musik des evolutionären Biologen. Wir sind Tiere. Wir können nichts dafür, wie wir sind und was wir tun. Wir fühlen, wir sind lüstern, wir sind ganz Empfindung, und wir sind überhaupt nicht besorgt über die Bedeutung eines Miles-Davis-Solos oder eines Wortschwalls von Nietzsche.

Der formulierte es so: „‚Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?’ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. ‚Wir haben das Glück erfunden’ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“

Sicher gibt es noch Jazz-Musiker. Und Rock-Bands. Aber ihre Zeit ist abgelaufen. Wir sind zu einer neuen Version des viktorianischen Zeitalters zurückgekehrt. Jetzt haben wir jede echte Hoffnung auf einen Durchbruch aufgegeben und beschlossen, wieder an alt-testamentarische Sünde, aber diesmal ohne Gott, zu glauben. Wir haben beschlossen zu glauben, dass wir uns durch Gesetze und Repressionen und die Verleugnung unserer wahren Menschlichkeit fesseln müssen. Wir möchten die Ermahnung Christi über die Freiheit, an den göttlichen Funken in uns, ignorieren. Und wenn es nichts Göttliches gibt, dann haben wir die Annihilation verdient.

Wenn man die wahren Grünen sieht, die Verehrer von Gaia, diejenigen, die die Menschen für ihre Umwelt-Sünden bestrafen wollen, um sie dann in eine Fantasie-Harmonie mit der Natur zurückzuschicken; eine Harmonie die sie in den Welten der Indianer und Aborigines erblicken, wo die Menschen mit 28 an Skorbut und Hunger gestorben sind, dann sieht man den Preis des Unglaubens an eine höhere Macht.

Nicolás Gómez Dávila formulierte es so: „Wenn Gott gestorben ist, wird der Mensch sterben, weil der Mensch nur der matte Glanz seines Abbildes ist, nicht mehr als seine verworfene und edle Ähnlichkeit. Ein schlaues und einfallsreiches Tier wird dem Menschen vielleicht morgen nachfolgen. Wenn seine leeren Bauten einst einstürzen, wird die zufriedene Bestie in das ursprüngliche Halbdunkel einziehen, wo seine Schritte, mit anderen leisen Schritten vermengt, erneut vor dem Gebrüll des tausendjährigen Hungers fliehen werden.“

Es dauert dreimal drei Generationen von Menschen um die volle Wirkung eines Fehlers zu spüren. Wir sehen heute die endgültigen Auswirkungen dieses Gesetzes der drei. Drei Zeitalter.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Wenn uns die Wissenschaft von der Notwendigkeit befreit hat zu glauben, zum Beispiel an den jüngsten Tag, an Verdammung, Himmel und Hölle, warum sind wir dann als weltliche Menschen so bemüht überzeugt davon, das die Werte von ein paar tausend Tigern oder Eisbären so schwer wiegen, das dieses unbedeutende Nebenprodukt einer zufälligen Evolution, genannt Menschheit, das Dinge wie die Sixtinische Kapelle, die Pyramiden und die Werke von Shakespeare, Newton, Einstein und Jesus Christus geschaffen hat, verschwinden sollte?

Drei Zeitalter. Seid Ihr für das nächste bereit?

Als nächstes kommt die Rückkehr zum Heidentum in einem Furnier von Wissenschaft und Aberglauben.In diesem New Age, wo die Gläubigen der globalen Erwärmung und der Notwendigkeit der Rettung des Planeten vor der Menschheit zur Zeit das Dämmern des Wassermannzeitalters im Angesicht von Barack Obama erblicken, wird sich die Notwendigkeit, an eine höhere Macht zu glauben, in Entsetzlichkeiten manifestieren, von denen man im zwanzigsten Jahrhundert nicht einmal träumen konnte.

Norbert Bolz formulierte es so: „Das Subjekt der Posthistoire ist der Mensch als Haustier des Menschen. Übersetzt in den politischen Alltag heißt das: Die letzten Menschen Nietzsches sind die Gutmenschen. Ihr Paradies ist Schweden. Das ist die Welt des `fröhlichen Roboters´, von dem Helmut Schelsky und Jacques Ellul gesprochen haben. Dass es fröhliche Roboter und glückliche Sklaven gibt, ist kein Huxley-Phantasma, sondern die schlichte Konsequenz eines Utilitarismus, der keinen Sinn für Freiheit hat. Und heute scheint der Schlaf der wohlfahrtsstaatlichen Vernunft das Ungeheuer einer Welt als Kinderkrippe und Altersheim zu gebären. In dieser Welt herrscht das Rentnerideal freiwilliger Knechte, die Nietzsche mit größter Präzision als `die autonome Heerde´ beschrieben hat.“

Das grüne Volk ist sich ziemlich sicher, dass Nietzsche ein Faschist war. Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass sie sein schlimmster Alptraum waren.

Hören wir dazu noch einmal Norbert Bolz: „Diese Formen der neuen Weltreligiosität haben sich in einem langen ‚Emanzipationsprozess’ herausgebildet. Erst störte die katholische Kirche, dann störte Jesus Christus, dann störte Gott – und am Ende bleibt nur das Reich der Gutmenschen. Und hier gewinnt die christliche Lehre vom Antichrist eine skandalöse Aktualität. So wie der Antichrist am Ende der Tage kommen wird, um Christus zu imitieren, so erscheint am Ende der Geschichte ‚Der Mensch’ als teuflischer Nachahmer des Menschensohns.

Für diesen „Menschen“ ist der Mensch ein beliebiger Faktor sozialer Unkosten. Man liebt die Erde und entsorgt den Menschen, wenn seine Ökobilanz nicht mehr nachhaltig ist.

Und was kommt in den nächsten Jahren? Viktorianische Zeiten ohne Wohlstand oder den Glauben an Fortschritt. Politisch korrekt, totalitär, selbstmörderisch und erfüllt von der spirituellen Angst derjenigen, die einen Gott brauchen, aber nicht glauben können. Maschinenstürmer mit dem Wunsch zu bestrafen und zu reduzieren. Was bleibt sind kollektivistische, stalinistische Choräle, die das Leben auf der Erde feiern, während die Menschen „Sterbehilfe“ bekommen.

Ihr werdet es lieben.

 

Literatur

Friedrich Wilhelm Nietzsche: „Also sprach Zarathustra“.

Nicolás Gómez Dávila: „Texte“.

Norbert Bolz: „Das Wissen der Religion“.


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