23. März 2012

Afrika und wir Wie Kony 2012 im Wahnsinn endete

Im Herzen der Dunkelheit

Es ist ein paar Wochen her, dass ein Aktivist namens Jason Russell über Nacht berühmt wurde, als ein von ihm gedrehter halbstündiger Propagandafilm namens „Kony 2012“ zum (momentan) meist gesehenen YouTube-Video aller Zeiten hochgeklickt wurde. In dem Film geht es um Joseph Kony, einen grausamen afrikanischen Warlord. Das Ziel des Filmes ist es,  Kony bis Ende 2012 verhaften zu lassen, indem alle die, die das Video sehen, allen ihren Facebook-Freunden schreiben, sich unbedingt das Video anzuschauen und das „Fangt Joseph Kony“-Aktivisten-Set zu bestellen. Dann soll noch die Mannschaft der A-Liga von Hollywood angetwittert werden, um doch bitte über den direkten Draht zu allen verhinderten Schauspielern im Senat dafür zu sorgen, dass das US Militär in Uganda einmarschiert und Joseph Kony fängt. Die A-Liga war auch gleich begeistert  und Mc Cain fing schon an zu grummeln: „Nach Assad kommt Kony dran.“ Denn immer wenn die A-Liga, angeführt von Angelina Jolie und George Clooney, sich für etwas begeistert, heißt es in Deckung zu gehen.

Tatsächlich kam es auch zu einer Verhaftung. Allerdings nicht zu der von Joseph Kony. Vor ein paar Tagen wurde ein vollkommen hüllenloser Jason Russell wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses an einer stark befahrenen Straßenkreuzung in San Diego von der Polizei in Gewahrsein genommen und kurz darauf in eine psychiatrische Klinik überstellt. Wie immer, wenn sich irgendwo auf der Welt jemand nackig und zum Narren macht, ist die Sache kurz darauf bei YouTube zu sehen. Da erkennt man einen offensichtlich psychotischen Jason Russell, der, wie ein aus dem Häuschen geratener Mick Jagger, mit dem Finger herumfuchtelt, Passanten anschreit und mit den Fäusten auf das Pflaster hämmert. Wie Gott ihn schuf. Dabei schreit er mit sich selber. Zu verstehen sind: „... Devil ... Oh my God ... that shit“. 

Nun stellt sich die Frage, wie kam es dazu? Russells Frau und die Führungsebene von „Invisible Children“ (die Organisation, die „Kony 2012“ produziert hat) haben schnell eine Stellungnahme veröffentlicht, in der von Dehydration, Überanstrengung und Unterernährung die Rede ist. Weiter wird gemunkelt, dass Russell die wachsende Kritik an seinem Film zu schaffen gemacht hat. Tatsächlich ist ein paar Tage vor seinem psychotischen Ausbruch eine Open-Air-Vorführung von „Kony 2012“ in Uganda abgebrochen worden. Einige echte Opfer von Joseph Kony hatten protestiert und die Leinwand mit Steinen beworfen. Sie beschwerten sich darüber, dass es in Russells Film gar nicht um sie, sondern um weiße Gutmenschen ginge, die sich selber dafür feiern, wie toll sie sind. Wenn man sich „Kony 2012“ unter diesen Vorzeichen anschaut, kann man nicht umhin, zuzustimmen. Da tun so ein paar weiße, narzisstische, metrosexuelle Jungs, was weiße Ober- und Mittelschicht-Jungs eben so machen, um ihren Status zu demonstrieren und die Paarungsbereitschaft metrosexueller Mädchen zu stimulieren: Sie tun so, als wären sie Schwarze. Dabei denken sie, dass die Schwarzen in Afrika eigentlich genauso sind wie sie selber. Wenn man die Afrikaner von bösen Menschen wie Joseph Kony befreit und an jeder Kreuzung ein Starbucks Cafe aufstellt, bestellen sich alle einen Latte und loggen bei Facebook ein.

Als ich das erste Mal von „Kony 2012“ hörte, dachte ich, das ist Afrika; schon mal von Idi Amin gehört? Oder von „General Butt Naked“, der, bevor er in die Schlacht zog, seine Männer das Herz eines frisch geopferten Kindes hat verspeisen lassen und jetzt evangelikaler Prediger ist? Da laufen tausende Joseph Konys rum. Und die verspeisen jeden dieser weißen „Kony 2012“-Jungmänner zum Frühstück. Wenn sie die Möglichkeit dazu haben, im wortwörtlichen Sinne.

Als ich von Russells Zusammenbruch hörte, musste ich an Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ denken und an die letzten Worte seines Mr. Kurtz: „Der Horror, der Horror, der Horror!“ Mr. Kurtz, der englische Elfenbeinhändler in Afrika, war ein ganz und gar nicht so netter Mensch wie Jason Russell. Aber auch er, beziehungsweise seine Psyche, musste am Ende vor etwas kapitulieren, für dessen Überwindung wir 2.000 Jahre Christenheit benötigten. Russel wird es nicht ausgehalten haben, auf einer tieferen Ebene zu begreifen, dass auch die Opfer eines Joseph Kony, denen er so emphatisch helfen wollte, organischer Teil einer grauenhaften Welt sind.

Unsere Sensibilität für Horror, für Grauen, für Entsetzliches ist Bestandteil unseres Bundes der Zivilisation. Doch die Moral, die eine solche Sensibilität inspiriert, ist nicht universell. Die jeweiligen Schwellen moralischer Empfindlichkeiten sind ganz unterschiedlich bei verschiedenen Völkern. Das Bemerkenswerte an West-und Zentralafrika ist, dass diese Schwellen dort überhaupt nicht zu existieren scheinen. Dort ist Horror ein Teil des lokalen Milieus.

Vielleicht ist es die Bürde des weißen Mannes, den Horror aus diesen Welten zu vertreiben. Aber weiße Gutmenschen mit ihrer Verehrung des „edlen Wilden“ werden eher das Gegenteil erreichen. Inzwischen ist dank ihres „Vielheit ist Stärke“-Enthusiasmus der Horror auch bei uns wieder auf dem Vormarsch. In London sind schon mehrere Leichen rituell geopferter Kinder gefunden worden, welche scheinbar extra für diesen Zweck aus Afrika importiert wurden.

Ein Gutes hat der Zusammenbruch von Jason Russell jedoch. Der erste Versuch, einen Einsatz der amerikanischen Militärmaschine mittels eines YouTube-Videos zu initiieren, ist gescheitert. Warten wir auf den nächsten.


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