26. August 2008

Der Gutmensch Die Inkarnation des Übels

Und eine Anmerkung in eigener Sache

Ob nun „Querdenker“, Anhänger einer modernen Bastelreligion, postmoderner Kulturrelativist und/oder Multikulti-Aktivist, sein Lieblingssatz ist stets: „Ich habe keine Vorurteile und sehe dieses und jenes ganz vorurteilsfrei.“ Der Hinweis, dass diese Aussage gleichwertig ist mit „ich lasse denken“ erntet verständnisloses Blinzeln. Natürlich können auch nur Leute, die glauben sie hätten keine Vorurteile, sich in ihrer Selbstwahrnehmung als die tolerantesten Verfechter gesellschaftlicher Toleranz sehen. Ertappt man sie dann bei einer Intoleranz, wird mit formaler, geistloser  Dialektik gekontert: „Sind Sie denn etwa nicht intolerant, wenn etwas Ihren eigenen Maßstäben widerspricht?“ Ja, vermutlich bin ich das. Aber ich verkaufe meine Intoleranz nicht unter dem Deckmantel der Toleranz. Und es ist genau dieser blinde Fleck, der die intoleranten „Toleranten“ fähig macht zu Unaussprechlichkeiten und Massenschlächtereien, von denen unaufgeklärte Jahrhunderte nicht einmal träumen konnten. Wie Botho Strauß in einem Aufsatz über Rudolf Borchardt schrieb: „Schuld daran ist allein der (im 19. Jahrhundert als politische Kampfformel entstandene) Begriff der Emanzipation, die ursprüngliche Quelle aller unserer fortzeugenden Irrtümer, da soziale Emanzipation stets nur Freigelassene und niemals Freie schaffen kann und auf den Gräbern aller geschichtlichen Kulturen steht, dass Epochen der Freigelassenenherrschaft nicht der Beginn der Freiheit sind, sondern das Ende der Freiheit. Der Grundsatz der Emanzipation ist nämlich die unendliche Emanzipation, sie muss immer neue Quanten von Emanzipierbaren finden. Dem Fortschrittsradikalismus – der Herrschaft des Chronos, der seine Kinder verschlingt – fallen nicht nur Religion und Brauchtum, sondern fällt unvermeidlich auch die Erinnerungskraft zum Opfer“. Das Nachlassen der Erinnerungskraft ist gegenwärtig bei der einsetzenden Verklärung der „es war doch irgendwie alles ganz lustig und absurd“ DDR zu beobachten. Oder fragen Sie mal einen Abiturienten nach dem GULAG und den hunderten von Millionen Opfern aller großen Sprünge „nach vorn“.  „Da hab ich ja noch nie was von gehört.“ Alle diese großen Sprünge nach vorn mit ihrer Ausrottungspolitik gegenüber „Klassenfeinden“ und „Volksschädlingen“ waren ja auch irgendwie Teil der großen Emanzipation des Menschengeschlechts. Deshalb vergisst man die unangenehmen Details besser, um „Auschwitz nicht zu relativieren“. Oder wie Dávila bemerkte: „Nach jeder Revolution lehrt der Revolutionär, dass die wirkliche Revolution die von morgen sein wird. Der Revolutionär erklärt, dass ein Elender die Revolution verraten hat.“ Und so weiter und so weiter.

Das vorläufige Endprodukt von 200 Jahren Emanzipation ist der Gutmensch. Er ist Nietzsches blinzelnder letzter Mensch. Anders als ein Gläubiger, der sich zu seinem Glauben bewusst bekennt, ist er als Ungläubiger Sklave seines Glaubens. Seiner Ersatzreligionen sind viele: Feminismus, Pazifismus, Klimaschutz, Antispezieismus, Konsumismus – und über allem thronend die Political Correctness.

Wenn es wirklich etwas zu fürchten gibt, ist dies die Intoleranz der Toleranten und der Glaube der Ungläubigen. Da sie sich fortwährend selbst belügen und beruhigen müssen, erreicht ihr Glaubenseifer und ihre Intoleranz schnell hysterische Dimensionen. Damit dabei nicht allzu schnell sichtbar wird, wie reif für die Klapse sie eigentlich sind, flüchten sie sich gerne in eine Attitüde von Überlegenheit und erfinden dabei die „teuflische Rhetorik der Gutmenschen“. Wie Norbert Bolz schreibt: „Soziale Gerechtigkeit ist die Maske des Neids, Teamfähigkeit ist die Maske des Hasses auf die Ehrgeizigen und Erfolgreichen, Dialog der Kulturen ist die Maske der geistigen Kapitulation. Überhaupt das was man Political Correctness nennt, ist die aktuelle Rhetorik des Antichristen. Ich sage nirgendwo, wir müssen zurück zu einer christlichen Religion. Das Christentum steckt nicht mehr in den Köpfen und Seelen der meisten Menschen, aber so, wie eine Maschine mit den Worten Max Webers nicht nur Mechanik, sondern geronnener Geist ist, steckt das Christentum in unserer Kultur, und die ist wahrscheinlich besser als jede andere. Ich sage: es ist geistiger Selbstmord, eine solche Tradition aufzugeben.“

Nun noch eine Anmerkung in eigener Sache: Die ziemlich lebhafte Diskussion aufgrund meines letzten Beitrages „Der Hass von Links“ fokussierte sehr stark darauf, ob der PI-Blog nicht doch den Hass verdient, den er bekommt. Zur Klarstellung: Ich schreibe hier als ein Renegat der Linken. Ich war in derselben K-Gruppe aktiv wie ein Jürgen Trittin, eine Ulla Jelpke, ein Knut Mellenthin oder der Chefredakteur des ‚Neuen Deutschland’ (die Liste ist erheblich verlängerbar). Jede dieser Personen hat Mörder als Befreiungskämpfer gefeiert und Personen und Organisationen unterstützt, die als terroristisch eingestuft werden. Der verehrte Leser kann einfach mal folgenden Versuch machen: Geben Sie die genannten Personen in die Suchmaschine. Geben Sie dann Stefan Herre, den Gründer von PI, in die Suchmaschine. Vergleichen Sie die Ergebnisse. Wenn Sie keinen qualitativen Unterschied bemerken, sind sie meiner Ansicht nach gutmenschenmäßig erblindet. Da findet man ein sachliches bis unsachliches pro und contra, dort wird eine Person zum Abschuss freigegeben. Wie ich schon im letzten Beitrag schrieb, von PI mag man halten was man will, aber die Mentalität, politische Gegner zum Abschuss freizugeben und sich dabei noch als das Opfer zu gerieren, die findet man links. Beweisen Sie mir das Gegenteil! Und bevor Sie mir dann mit irgendwelchen „rechten“ mörderischen Zitaten kommen, denken Sie mal über den folgenden Satz von Dávila nach: „Wenn die Rechten morden, schreit die Linke empört auf wie angesichts eines usurpierten Privilegs.“ Wenn ich hier über die Linke schreibe, mache ich das nicht als Tourist, sondern wie jemand, der aus einer Gegend berichtet, in der er heimisch war. Außerdem sollte die Tatsache, dass ich die Linke kritisiere, niemanden zu der Annahme verleiten, ich würde die Rechte von allen Übeln freisprechen. Auch bei den Rechten gibt es Strömungen, die Politik als Religionsersatz betreiben. Und auch bei den Rechten wütet der gnostische Virus, diese geistesgeschichtliche Ursache der tiefgreifenden Verderbnis des modernen Menschen, der meist irgendeiner Spielart gnostischer Ideologien anhängt. Also dem Glauben an die Möglichkeit der Selbsterlösung des Menschen. Die Virulenz dieses gnostischen Virus, links wie rechts, ist eines der Metathemen meiner Ausführungen. Allerdings finde ich bei der Rechten etwas, das mir die Linke nie bieten konnte: Geist, Geistigkeit. Im Gegenteil: Angst vor Geist, vor Geistigkeit ist das (meist verdrängte) Metathema der Linken. In der Hohlheit noch hinter den pompösesten Formulierungen ihrer Philosophen schimmert die Angst, dass der Mensch mehr sein könnte als ein Zufallsprodukt der Evolution und sich nicht auf essen, ficken und schlafen reduzieren lässt.


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