30. August 2008

Fundamentalismus Welle von Morddrohungen von religiösen Fanatikern

Bringt ein Heiliger Krieg das Ende der Aufklärung? (Eine Parodie)

Ein Student aus dem US-Bundesstaat Florida hat Morddrohungen von religiösen Fanatikern erhalten, nachdem er eines ihrer obskuren Rituale störte. Dies meldete der amerikanische Nachrichtensender FOX. Der fragliche Student, Webster Cook, hatte bei einem als "Heilige Kommunikation" bezeichneten Ritus in einer christlichen Kirche die dafür verwendete Speise (in diesem Fall offenbar einen Keks) nicht gegessen, sondern aus der Veranstaltung herausgeschmuggelt. Schon dabei kam es zu gewaltsamen Versuchen von einem anderen Kultmitglied, Cook am Verlassen des Gebäudes zu hindern.

Das Christentum ist eine vor etwa 2000 Jahren gegründete Religion, die heute noch vielfach praktiziert wird, und deren Anhänger an dem vor-aufklärerischen Wunderglauben festhalten, dass der mit einem religiösen Zauber besprochene Keks sich dadurch buchstäblich in den Leib ihres angeblich vor zweitausend Jahren getöteten Gurus Jesus Christus verwandelt (ja, jeder einzelne Keks!). In den Augen der Christels machte sich Webster Cook mit seiner Tat also der Entführung schuldig. Und möglicherweise der Leichenschändung, wobei die Christels allerdings glauben, dass ihr Führer auf irgendeine ominöse Weise immer noch lebt. (Womit das Verspeisen des Kekses eine Form von Kannibalismus am lebenden Menschen wäre, aber ich schätze, DAS ist okay für die Christels!)

Es dürfte kaum überraschen, dass Mitglieder einer Weltanschauung, die einem dermaßen bizarren Glauben anhängt, auch anderweitig zu Handlungen jenseits aller Vernunft fähig sind. Die massenmörderische Gewaltbereitschaft dieses vorzeitlichen Kultes ist nur allzu bekannt: Zwar wiegeln viele Gutmenschen aus Feigheit und Duckmäusertum gerne ab mit Sprüchen wie "Das hat nichts mit dem Christentum zu tun". Aber es fällt schon auf, dass es ausgerechnet ein fundamentalistisch christlicher Präsident war, der in den vergangenen Jahren zwei nicht-christliche Länder überfiel, was zu Hunderttausenden von Toten führte. In heldenhaftem Widerstand versuchte Cook nun, den Wahn dieser Politreligion zu demaskieren - und erntete dann auch tatsächlich die erwarteten Reaktionen: "Weltweit wurden Katholiken wütend" berichtet FOX. (Katholiken sind eine Untergruppierung der Christels, die offenbar nicht mal mit ihren Glaubensbrüdern ohne Zank und Zerwürfnisse in Eintracht existieren können.) Die katholische Liga, eine nationale "Wachhund-Organisation" dieses Kultes, suhlte sich in lustvollem Beleidigtsein: "Wenn es jemals etwas gab, das ein Hass-Verbrechen darstellt, dann dieses." Die Universität und die gesamte Gemeinschaft müsse Cook zeigen, dass sein Verhalten nicht toleriert werde. Dermaßen aufgehetzt sendeten die Christels Morddrohungen an Cook.

Währenddessen gossen ihre Führer immer mehr Öl ins Feuer: "Es ist verletzend", klagte der christliche Würdenträger Miguel Gonzales in einem Gespräch mit einem Fernsehsender Floridas. "Stellen Sie sich vor, man hätte jemanden gekidnappt, und jetzt flehen Sie, dass dieser Mensch bitte wieder zu seiner geliebten Familie zurückkehren kann." Cooks Tat stelle eine "Todsünde" dar. Welchen versteckten Aufruf diese Äußerung impliziert, dürfte jedem klar sein, der sich nur ein wenig näher mit dieser Religion beschäftigt hat.

Cook erklärte zunächst, er überlege, Christus/den Keks zurückzugeben, wenn er eine Entschuldigung für die Übergriffe gegen ihn erhalte sowie eine Möglichkeit, in einem Treffen mit dem obersten Würdenträger der Gemeinde über deren Gewaltbereitschaft zu sprechen. Durch die Morddrohungen sah er sich jedoch gezwungen einzuknicken und den Keks/Christus ohne Vorbedingungen zurückzugeben. Mit seiner Verbitterung darüber, dass 40.000 Dollar der studentischen Gelder für diesen bizarren Kult abgezweigt werden, muss Cook jetzt alleine fertig werden.

Diese Ereignisse werden seit einiger Zeit in der Blogosphäre diskutiert. Einer, der darüber schrieb, war der Biologieprofessor Paul Zacharias Myers, dessen Blog von dem renommierten Magazin "Nature" zum Wissenschaftsblog Nr. 1 gekürt worden war. Und auch Myers berichtet davon, mehrere Morddrohungen erhalten zu haben – "alle, weil ich unhöflich gegenüber einem Keks gewesen bin". 34 weitere Hassmails verlangten, dass er gefeuert werden solle. "In 25 davon wurde mir gesagt, ich solle stattdessen eine Kopie des Korans entweihen oder auf ähnliche Weise Muslime beleidigen, weil anscheinend nur einige religiöse Ikonen geschützt werden müssen, und ich würde ja nur Katholiken beleidigen, weil sie alle so nett wären und mir keiner von ihnen je ein Leid wünschen würde. Ich habe sogar eine Mail erhalten, in der stand, ich sollte gefeuert werden, dass ihr Verfasser mich gerne umbringen möchte UND dass ich nur Katholiken kritisiere, weil diese so sanftmütig und nett seien." Das Christentum selbst beschreibt sich – ohne jede Ironie – als Religion der Liebe und des Friedens.

Am 1. August meldete der humanistische Pressedienst unter der Überschrift "Katholiken fanatischer als Muslime?", wie die Geschichte weiterging: Myers habe inzwischen "einen rostigen Nagel in eine gesegnete Hostie gesteckt, sie zusammen mit rausgerissenen Seiten des Koran und Dawkins 'Gotteswahn' in den Müll geworfen, und das moderne Kunstwerk mit Kaffeepulver und einer Bananenschale verziert. (...) Die Reaktionen von religiöser Seite sind jedoch nicht wie erwartet. Man hätte angenommen, dass der Religionskritiker zumindest ein paar Todesdrohungen von aufgebrachten Muslimen erhält, oder dass eine Flagge mit seinem Pharyngula-Embryo verbrannt wird. Nichts dergleichen ist geschehen. PZ Myers hat bis zum heutigen Tage nicht einmal eine höfliche Beschwerde von Muslimen erhalten (nicht eine!), obwohl er das heiligste Heiligtum des Islam zerrissen und in den Müll geworfen hat. Stattdessen erhielt er hunderte von Todesdrohungen von aufgebrachten römischen Katholiken." Auch der Inhalt einer Mail wird beispielhaft zitiert: "Ich wollte dir nur eine Nachricht schicken, dass wenn jemand bekannt gibt, er habe deine Frau, Mary, und deine Kinder, Alaric, Connlann und Skatje entführt, sie brutal vergewaltigt, getötet und sie in eine Mülltonne geworfen und dann darüber gelacht und damit angegeben, dann wirst du einen ersten Eindruck davon haben, welchen Zorn du bei vielen guten Menschen erregt hast." In einer anderen Mail heißt es: "Du bist ein Drecksack, sollen deine Eingeweide verrotten, jemand soll dein Genick mit einem Stiefel mit Stahlkappe am Bordstein zerbrechen, ich hoffe für eine Welt ohne Liberale, wir können mit dir anfangen". Ja, so spricht die Religion des Friedens und der Liebe ...

Weltweit 2,1 Milliarden Christen, die zu unvorhersehbaren Reaktionen neigen, sind eine machtvolle Drohkulisse. Und so überrascht es kaum, dass sich die öffentlichen Einrichtungen dem unverschämten Druck der dauerempörten Kultisten beugten: Von der Universität wurde inzwischen nicht nur der Entführer des Kekses mit dem Rauswurf bedroht, sondern auch sein Freund, der dabei ebenfalls zugegen war, selbst aber gar nichts getan hatte! Inzwischen verurteilte auch die "Bruderschaft des katholischen Klerus" die Tat von Professor Myers scharf. In ihrer Erklärung heißt es: "Religionsfreiheit bedeutet, dass niemand das Recht hat, eine religiöse Tradition anzugreifen, sie bösartig oder auf widerwärtige Weise zu beleidigen, von der er kein Mitglied ist oder der er keine Loyalität schuldig ist."

Ende Juli verlangte die aus 600 Priestern und Diakonen bestehende Vereinigung "Confraternity of Catholic Clergy" Reparationen für die Entweihung des Kekses durch Professor Myer, da diese Handlung die Freiheit der Rede, der Religion und der Wissenschaft überschreite: "Die heiligsten Sakramente einer Religion anzugreifen ist genausowenig Meinungsfreiheit wie es Meineid vor Gericht oder Verleumdung in einer Zeitung wäre. Lügen und Hassreden, die zur Gewalt anstacheln, werden nicht von dem Gesetz geschützt. Aus diesem Grund ist es genausowenig von der Verfassung gedeckt, wenn jemand Hakenkreuze an eine Synagoge pinselt oder öffentlich Exemplare der Bibel oder des Korans verbrennt."

Die Geschehnisse in Florida sind kein Einzelfall. Auch in Deutschland – in Wiesbaden – griffen Ende 2007 Gläubige einen Mann an, weil er eine bei dem geschilderten Ritual verteilte Oblate nicht augenblicklich verzehrte. Der Dekan verprügelte ihn so, dass der Mann ins Krankenhaus musste. Von Amts wegen gab es – gegen den Verprügelten! – eine Anzeige wegen "Störung der Religionsausübung". Der Wiesbadener Stadtdekan Johannes zu Eltz erklärte in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk: "Für den Schutz einer Hostie würde ich mich, wenn es sein muss, umbringen lassen." Und vor diesem Irrsinn kapituliert unser Staat!

Dabei müsste bekannt sein, welche Folgen diese Kapitulation hat: Im Mittelalter, so kommentiert der humanistische Pressedienst die Geschehnisse, habe der christliche Verfolgungswahn und Aberglauben in Form des Hostienfrevels zahllosen "Hexen" und Tausenden von Juden das Leben gekostet. (Auch der Judenhass ist eine Tradition, von der sich dieser Glaube nie richtig gelöst hat: Nach dem Antisemiten Martin Luther sind noch heute etliche christliche Kirchen benannt.) Dass es in den modernen USA zu Todesdrohungen wegen solcher Wahnvorstellungen komme, zieht der humanistische Pressedienst ein erstes Fazit, stelle einen Angriff auf den liberalen Rechtsstaat dar.

Doch die Zivilgesellschaft schweigt. Es gibt abgesehen von einigen atheistischen Bloggern um Richard Dawkins keine Solidaraktion mit Webster Cook, und die deutschen Journalisten scheuen sich augenscheinlich, auch nur darüber zu berichten. Besonders ohrenbetäubend wird dieses Schweigen, wenn man seine Wahrnehmung auf die Christels selbst richtet. Von keinem einzigen von ihnen war auch nur irgendeine Form von Distanzierung zu hören gegenüber Terror und Gewalt. Wir brauchen uns keine Illusionen mehr darüber zu machen, mit wem wir es zu tun haben. Wir müssen nur daran zurückdenken, dass etwa die dänische Zeitung, die die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, Jesus-Karikaturen abgelehnt hatte, weil sonst der öffentliche Aufschrei zu groß gewesen wäre. Letzten Endes handeln wir nach dem Prinzip "Nur nicht provozieren, die Verrückten könnten böse werden." Vermutlich werden uns unsere Kinder einmal fragen, warum wir gegen die Christels nichts unternommen haben, als das noch möglich war. Aber dann wird es zu spät sein.


Links:

Student Who Took Religious Icon Getting Death Threats

Body of Christ Snatched From Church, Held Hostage by UCF Student

Body of Christ Returned to Church After Student Receives Email Threats

Christian Lunatics Issue Death Threats Over a Cracker

Auch Biologieprofessor berichtet von Morddrohungen

Catholic Clergy Call for Reparation in Response to Communion Desecration

Katholiken fanatischer als Muslime?

Gerangel um eine verschwundene Hostie

"Würde mich für Hostie umbringen lassen"

"Jyllands-Posten" lehnte Jesus-Satire ab

Hinweis

Der vorstehende Beitrag des Autors Arne Hoffmann ist eine satirische Aufarbeitung einer bestimmten Art von „Kritik“ an Muslimen. Keinesfalls möchte der Beitrag Christen oder den christlichen Glauben beleidigen! (Die Redaktion)


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