02. September 2008

Emanzipation Knaben und Knäbinnen

Vom bevorstehenden Ende eines Zwischenspiels

Ein anderes 68. Das wesentliche.

Was sich im Jahr 2008 auch noch in runden Zahlen jährt, sind Beginn (1958) und vorläufiges Ende (1968) der sogenannten Bergbaukrise, die wiederum nichts anderes war als der in Deutschland um einige Jahrzehnte verspätete Ersatz des Hauptenergieträgers Kohle durch das Erdöl.

Das Verschwinden der schmutzigen, wuchtigen Montanindustrie war die Wasserscheide zwischen zwei Epochen, oder aus heutiger Sicht zwischen einer Epoche und einer kurzen, intermittierenden Episode.

Das männliche Projekt der Energieermächtigung hatte sich mit zäher Mühe und technischem Genie durch die Geschichte gearbeitet: mit der Axt im Wald, dem Spaten im Moor, dem Schrämhammer im Berg, mit Windrotoren, gestautem Wasser und gespanntem Dampf. Aber selbst die grundstürzende Kohlerevolution des 19. Jahrhunderts war nur ein Vorspiel zu dem, was darauf folgte.

Im frühen 20. Jahrhundert vollendete sich dieses Projekt der Kraftsteigerung, als die Erdöle in ihren Lagerstätten aufgespürt und aufgeschlossen waren und mit eruptivem Eigendruck, fast wie befreit, aus den Bohrschächten schossen. Es war nichts völlig Neues: Die Schlote rauchten, die Dampfmaschinen stampften kohlebefeuert schon seit 50 Jahren, aber das stetige Fließen dieser neuen Kraftquelle kehrte die bisherigen Verhältnisse völlig um: „Mutter Erde“, vorher von spröder Zugänglichkeit und nur launisch segenspendend, war durch den Einbruch in die Erdöllager in eine induzierte Dauerlaktation gezwungen und ergoss fortan Ströme von schwarzer Milch in die (vorerst: westliche) Welt zur sofortigen Sättigung nicht nur allen Hungers, sondern auch des leisesten oder noch gar nicht verspürten Appetits – und dies in solcher Überfülle, dass fortan an jeder Steckdose die Kraft von fünf Pferden anlag und in Dienst genommen werden konnte, ohne dass nur ein einziges davon gezäumt werden musste.

Eine grandioser männlicher Triumph, zumal er fast mit verschränkten Armen genossen werden konnte: Der neue Stoff krallte sich nicht mehr in Gesteinen fest, sondern schoss in Fontänen aus der Erde und konnte zur weiteren Behandlung „fließend“ den Kreiselpumpen, Rohrleitungen und Destillationskolonnen übergeben werden.

Aber die Geschichte ist ironisch und neigt zu realdialektischen Späßen: Das durch und durch männliche Projekt der Kraftsteigerung nimmt genau im Punkt seiner äußersten Vollendung eine durch und durch weiblich-mütterliche Gestalt an: Die technische Welt in ihrer petrolischen Phase stillt und nährt und wärmt, scheinbar bedingungslos in unbeirrbarer Fürsorge – und wird damit zum technischen Anstoß einer umfassenden infantilen Regression.

Jetzt, da der Mangel behoben ist, scheint endlich alles möglich: die Freiheit jenseits des Realitätsprinzips, jenseits des Zwangs zur Sublimierung, jenseits der repressiven väterlichen Mächte. Man muss Marcuse (wieder) lesen, um noch mal ins Ohr zu bekommen, mit wieviel Pauken und Trompeten das Lied vom „Ende des Triebverzichts“ damals intoniert wurde. Aber schon drei Jahrzehnte vorher hatte der englische Zyniker Wyndham Lewis weit vorausblickend die frohe Regressionsbotschaft der 60er Jahre, auf ihren Kern verschlankt: „Du kannst, wenn Du willst, für immer in der Position eines kleinen, stillen, kichernden, durchtriebenen Kindes bleiben, das nur noch zusieht und dabei vor niedlicher jauchzender Fröhlichkeit platzt.“ Bis dahin, also bis in unsere Tage, gab’s noch ein Intermezzo.

Emanzipation. Die große Travestie.

Der Mann stand also mit verschränkten Armen neben seinem Wunderwerk, durch das die Kräfte rauschten, um an irgendeinem Endpunkt Dinge zu bewerkstelligen, die bis vor kurzem er selbst, und zwar im Schweiße seines Angesichts, verrichtet hatte. „No more cows to be ropin‘, no more strain to be seen…“ Und ein unterbeschäftigter und unterforderter Mann neigt, wie jede Rentnergattin weiß, dazu, das „Kind in sich“ zu erwecken und nach Spielzeug auszuschauen oder aber sich welches zu basteln. Daraus erklärt sich unter anderem der steile Aufstieg, den die Unterhaltungs-, Computer- und sonstigen Spielzeugindustrien seit den 70er Jahren nahmen. Aber auch noch mehr.

Die Frauen. Bewegt und ins Spiel gebracht.

Der schon erwähnte Wyndham Lewis, einer der frühen (und witzigsten) Analytiker der Regression im 20. Jahrhundert, meinte hinsichtlich der zu seiner Zeit sich anbahnenden weiblichen Strebungen: Was die Frauen – aus sich heraus oder von außen – eigentlich bewege, sei der Versuch, sich zu „verknaben“, ihre Weiblichkeit so weit zu reduzieren, „dass sie als verkleinerter, männlicher Heranwachsender durchgingen“. Diese Verwandlung der Frau in eine „Neue Frau“ kam in den 60er Jahren dann in Fahrt. Ihr Profil: weniger erd- und herdgebunden, eher selten ein Kind unter dem Herzen und an der Brust, mit gesteigerten sportlichen Ambitionen, breiterem Rollen- und Kleidungsrepertoire („in Jeans und kleinem Schwarzen“, „Turnschuh und Pumps“), die Frau als Gespielin also, wie gemacht für den unterforderten Mann, der sich gerade mit dem „Kind in sich“ ebenfalls ins Knabenhafte verschnitt. Man kann mit dieser Neuen Frau über Gräben springen, Theater besuchen, durch Kneipen ziehen, auf Berge steigen, sie spielt Soldat und Fußball, und so manche annonciert sogar, dass sie beim Pferdestehlen nützlich sei (was Pferdediebe aber dementieren). Sie hat ihre demetrische Seite mit kontrazeptiver Hilfe durch die Pharmaindustrie stark zurückgedrängt und ihre hetärische üppig ausgebaut, worin flache Köpfe eine „sexuelle Befreiung“, klare (wie Frank Böckelmann) aber die „sexuelle Einberufung der Frau“ zum Dienst an der Promiskuität des Mannes sehen. Die Neue Frau ist also einerseits viel anstelliger geworden, andererseits aber auch im Bett noch dienlich. Und dies, ohne dass dem beteiligten Manne größere und dauernde Pflichten daraus entstünden. Eine riesige Last ist er quitt geworden: Verantwortung, Fürsorge, Ernährungs-, Schutz- und Erziehungspflichten. Heinz Schlaffer hat das 1995 eine „erzwungene Travestie“ genannt und für erfolgreich abgeschlossen erklärt: Das problematische Konzept, die Frauen in Knaben zu verwandeln, dieser „scheinbar aussichtslose, von der Natur zum Scheitern verurteilte Versuch gelang überraschenderweise und in überraschend kurzer Zeit. Landläufig wird diese Anwendung der Päderastie auf das weibliche Geschlecht Emanzipation genannt.“ Der hohe, in der griechischen Knabenliebe nur barbarisch, nämlich unter Ausschluss der anderen Hälfte der Menschheit verwirklichte Gedanke eines Eros, der von der Mechanik der Fortpflanzung befreit ist, sei als Idee erst wahr und wirklich geworden, seitdem die Frauen die Stelle der Knaben eingenommen haben. Insofern war dies alles ein offenbar für beide Seiten höchst glückhaftes Arrangement. Allerdings mehren sich die Zweifel an seiner Dauerhaftigkeit.

Das liegt zum ersten daran, dass im Zeitverlauf das Verständnis für die Grundlagen des Spiels entschwindet: einerseits dem Teil der Männer, die zunehmend eine Benachteiligung, etwa im Scheidungsrecht oder durch berufliche Quoten bejammern, ohne zu veranschlagen, dass man solch mächtige Gewinne nicht einfahren kann, ohne auch ein bisschen investiert zu haben; dem Teil der Frauen andererseits, die vergessen, dass das Ganze als Travestie angelegt war, und sich den Kopf heißmachen mit der verqueren Ansicht, die Geschlechter seien tatsächlich so gleich wie sie in ihren Knaben-Kostümen aussehen. Das ist natürlich völlig lebensfremd, aber da die fixen Ideen dieser Gender-Garde nicht mehr nur Tagungsberichte, sondern mittlerweile auch Gesetzesblätter und Lehrpläne füllen, und ernstlich an der jetzt nachwachsenden Jungen-Generation exekutiert werden sollen, wird die Sache langsam gefährlich und ernst. Auch von daher droht dem Spiel der Abpfiff. Zum zweiten erinnert die Geburtenstatistik inzwischen sehr deutlich daran, dass Mann und Weib als Duo nicht nur dazu da sind, miteinander über Gräben zu springen. Ein ungutes Gefühl über die Folgen dieses Missverständnisses breitet sich – ausgehend von den Rentenkassen – auch in den Köpfen aus. Zum dritten bleibt bei den Frauen ein nicht zu heilender wunder Punkt, ein Ungenügen in dem Spiel der beiden knabenhaften Geschlechter, eine Sehnsucht nach ihrem eigentlichen Gegenpol: dem erwachsenen Mann, der Mut, Tatkraft, gebändigte Aggression, Selbstbeherrschung, Kaltblütigkeit, Risiko- und Opferbereitschaft, Wohlwollen und Härte in sich vereinigt. Es gab ihn ja als eine Prägung von Jahrhunderten und sehr harten Realitäten, ein Kulturprodukt also, aber offenbar ein kostbares: Das Bild ist stark geblieben und hat sich eingepflanzt, obwohl unendlich viel querulantischer Eifer darauf verwendet wurde, es vollständig zu verhängen. Harvey C. Mansfield hat jüngst ein Buch darüber geschrieben. Sie, die Männlichkeit, sei nicht weg, meint er, sondern nur dramatisch „unterbeschäftigt“.

Das aber wird sich wahrscheinlich ändern, denn zum vierten steht das vor Jahrzehnten vermeintlich verrentete Realitätsprinzip in alter Frische wieder vor der Tür, und es gibt eine allgemeine Ahnung davon, dass seine Botschaft ein knappes „Schluss mit lustig“ sein wird. Nicht nur die Kraftstoffe, auch die Illusionen haben ihr Fördermaximum überschritten. Und zu letzteren gehörte die Idee, dass das Erwachsenwerden ein vermeidbares Übel sei, dem man mit der Flucht in eine allgemeine, alters- und geschlechtslose Knabenhaftigkeit entgehen könne. Und insofern ist damit zu rechnen, dass Mansfields „unemployed manliness“ nicht mehr sehr lange brachliegen wird. Und was vom Manne – und vom Weibe – übrigblieb, das wird man erst dann beurteilen können.

Information

Dieser Artikel erschien in eigentümlich frei Nr. 85. Mehr aus dem neuen ef hier.

Literatur

  • Frank Böckelmann: Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit, ça ira 1987.
  • Wyndham Lewis: Die Kunst, regiert zu werden, Manuscriptum 2004.
  • Harvey C. Mansfield: Manliness, Yale University Press 2006.
  • Heinz Schlaffer: „Knabenliebe“, in: „Merkur“ Nr. 557, August 1995.

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Thomas Hoof

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