04. September 2008

Demographie und Kultur Der säkulare Todeswunsch

Warum Europa sich selbst auslöscht

Der Bericht des Berlin-Institutes für Bevölkerung und Entwicklung über „Die demographische Zukunft von Europa – Die Welt wächst – Europa stagniert“ hat in der Presse einige Wellen geschlagen. Die „Zeit“ wittert Alarmismus und fordert: „Schluss mit dem Drama“.  Irgendwie mögen die Fakten zwar stimmen, aber nicht die Interpretation, denn es handelt sich nur um ein „Übergangsphänomen“ und nicht um ein „Problem, das sich nicht lösen lässt“. Dabei ist der besagte Bericht die politisch korrekteste Interpretation, welche die Datenlage zulässt. Dass lediglich von einer Stagnation gesprochen wird, ist nur möglich, weil die Ursachen dieser angeblichen Stagnation vollkommen ausgeblendet werden. Europa stagniert nicht, Europa stirbt. Und falls unsere verehrten Antialarmisten wissen wollen, was passiert, wenn die Politik anfängt, Demographie ernst zu nehmen, mögen sie doch einmal nach Georgien schauen. Die einzige Region des Erdkreises, in der eine einem bestimmten Kulturkreis angehörende Bevölkerung noch schneller stirbt als in Europa, ist das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Bis 2050 wird die russische Bevölkerung um 21 Prozent geschrumpft sein. Bis zum Ende des Jahrhunderts werden es statt heute 90 Millionen erwachsener Russen nur noch 20 Millionen sein. Nur in Russland gibt es mehr Abtreibungen als Geburten. 2040, spätestens 2050, wird es mehr Muslime in der russischen Förderation geben als Russen. Wladimir Putin hat dieses Problem schon lange erkannt und angesprochen und ehrgeizige bevölkerungspolitische Maßnahmen initiiert. Möglicherweise deshalb ist die Geburtenrate in Russland in den letzten Jahren leicht gestiegen. Demographen haben aber festgestellt, dass dies nicht viel nützt, weil die absolute Zahl der potenziellen Mütter so schnell und stark sinkt, dass auch eine höhere Geburtenrate den Bevölkerungsschwund nicht aufhalten wird. Deshalb kann Russland aus eigener strategischer Sicht nicht auf die 22 Millionen Russen außerhalb seiner Grenzen verzichten. Russland ist sicherlich schwächer als es gegenwärtig scheint, aber vor allem ist Russland verzweifelt. Es kämpft um seine Existenz. Deshalb Georgien. Und deshalb Weißrussland, Ukraine ... schauen wir mal.

Doch zurück nach Europa: Niemals zuvor in der Geschichte haben wohlhabende und im Frieden lebende Nationen beschlossen, vom Angesicht der Erde zu verschwinden. Aber genau das passiert in Europa. Dass es hier bis 2050 bei der absoluten Bevölkerungszahl nicht ganz so übel aussieht wie in Russland, liegt im Wesentlichen daran, dass die Menschen in Europa wesentlich älter werden.

Dass einige Frauen ihre Geburten auf später verschieben, wird an dem Trend zur Selbstauslöschung nichts ändern. Dieses „Übergangsphänomen“ ist bisher das einzige Argument, das den coolen Antialarmisten eingefallen ist. So behaupten sie dann einfach mal, dass „die Veränderungen auch große Chancen bedeuten und darum kein Drama sind“, während die „Dramatiker“ vom Berlin-Institut tolle skandinavische arbeits- und familienpolitische Maßnahmen vorschlagen. In der Kurzfassung ihres Berichtes habe ich das Wort Abtreibung nicht entdeckt. Alleine in Deutschland gab es in den letzten 30 Jahren acht Millionen Abtreibungen. In Europa waren es 2006 fast eine Million und 200.000 Abtreibungen und 2007 wurde fast eine Million weniger Babys geboren als 1980. Familien werden immer später gegründet. Das Durchschnittsalter einer Mutter mit erstem Kind liegt heute bei knapp unter dreißig Jahren. Die Scheidungsrate steigt unaufhörlich auf jetzt über eine Million Scheidungen pro Jahr in Europa. Eine von zwei Ehen scheitert. Ein Haushalt hat heute noch 2,4 Mitglieder. Seit 1980 sind 1,5 Personen pro Haushalt verloren gegangen. 27,7 Prozent aller Haushalte in Europa bestehen nur noch aus einer Person. 54 Millionen Europäer leben jetzt alleine.

Langsam ist es nicht mehr möglich zu verschweigen, dass hier eine Kultur Selbstmord in Zeitlupe begeht. Über das „wie“ darf nun gestritten werden. Aber über das „warum“ wird immer noch nicht gerne gesprochen. Dann müsste man nämlich zugeben, dass Atheismus und Existentialismus, in allen ihren materialistischen Varianten, als Grundlage für einen Gesellschaftsvertrag einfach nicht funktionieren. Kinder sind teuer. Sie verlangen, dass Menschen ihre Zeit, ihre Interessen und ihren eigenen Komfort für sie opfern. Wenn das höchste Gut jedoch das eigene Vergnügen ist, dann kommen Kinder in die Quere. Warum sollte man so viel Geld und so viel Energie auf Kinder verschwenden, wenn das höchste gesellschaftliche Gut einfach materielles Wohlbefinden ist? Das ist die spirituelle Dimension des Problems: Es gibt so wenige Kinder in Europa, weil so wenige Europäer noch an irgendetwas jenseits ihrer eigenen „Wellness“ glauben.

Und neben dem „Wellness“-Götzen herrscht die Faszination des Todes. Nur Rationalisten erster Güte, die ihre natürliche Vitalität in der Sackgasse postmoderner Entfremdung vom eigenen Leben an die Wand gefahren haben, können die offensichtlich super spannende Empfindung der Perspektive menschlichen Aussterbens genießen. Genau das ist der Gral zeitgenössischer Bildung auf allen Kanälen. Wir bekommen ständig spannende Shows über Mega-Tsunamis, Mega-Erdbeben, Mega-Stürme, Mega-Überschwemmungen und – Achtung Orgasmus-Gefahr! – totalen Planetentod durch Asteroiden-Kollision oder zufällig auftauchende schwarze Löcher in unserer rückständigen Galaxis. Tod ist so geil! Sie sind tatsächlich der Meinung, dass sie uns mit dieser Art exstatischer Albträume bekehren können. In Europa ist ihnen das fraglos gelungen.

Nach der zweihundertjährigen Abschaffung Gottes führen uns nun Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) und Christopher Hitchens („Gott ist nicht groß“) und ihr neo-darwinistisches, atheistisches Gefolge in ihre schöne neue Welt, in die dann niemand mehr Kinder setzen möchte. Aber es gibt ein Problem mit ihrer ganzen Präsentation. Was sie an sich selbst so lieben, ist ihre eigene privilegierte Nische in der von ihnen stark manipulierten Geschichte der Zivilisation. Was ist, wenn Religion nicht das Produkt von Zivilisation ist; sondern umgekehrt Religion, das „irrationale Böse“, erst gesellschaftliche Organisation möglich gemacht hat? Wenn Religion die erste Form gesellschaftlicher Zusammenarbeit, jenseits des Tötens einer tierischen Beute, war? Wie entbehrlich wäre Religion, wenn sie nicht die erste Form der Korruption, sondern die erste Ursache menschlicher Zivilisation gewesen ist?

Oder wie Dávila schreibt: „In der Kirche lebt die Verneigung des ersten Primaten vor der Unerschütterlichkeit der Sterne fort.“


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Thomas Fink

Über Thomas Fink

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige