23. September 2008

Energieversorgung Die soziale Dimension der Kohleförderung

Eine stärkere Abhängigkeit von der Kohle führt zu oft übersehenen positiven Effekten

Sie bekommen für ihre Anstrengungen zwar wenig Anerkennung. Doch die meisten Unternehmen, die Bodenschätze fördern, Güter oder Energie produzieren, wollen unbedingt als „sozial verantwortlich“ gelten. Dafür weisen sie bei allem, was sie machen, auf Energieeffizienz, die Bewahrung natürlicher Ressourcen, die Eindämmung der Verschmutzung und ihre Arbeitsschutzmaßnahmen hin, obwohl sie Rohstoffe, Güter oder Elektrizität herstellen, die bereits als solche unser Leben bereichern.

Aufgrund ihrer Geschäftsfelder, der allgemeinen Intoleranz gegenüber jedwedem ökologischen Eingriff und der Tatsache, dass die „corporate social responsibility“ (CSR), neudeutsch für die (hypothetische) obligatorische soziale Verantwortung von Unternehmen, von ideologisch motivierten Aktivisten definiert wird, habe sie es dabei nicht leicht. Denn die grünen Aktivisten haben vor allem das Ziel einer „großen Transformation“ unseres Energieversorgungs- und Wirtschaftssystems vor Augen, weg von Kohlenwasserstoff-Treibstoffen, hin zu „öko-freundlichen“ erneuerbaren Ressourcen. Sie wollen unseren Lebensstandard auf ein (nach ihrer eigenen Definition, schon wieder) „nachhaltiges“ Niveau herunterfahren. Für sich selbst streben sie dabei nach der Macht über das, was unsere moderne Gesellschaft am Leben erhält, Energie.

Diese „tiefgrüne“ Version der CSR übergeht weitgehend sozio-ökonomische Bedenken, die vielen Vorzüge fossiler Energieträger und der Kernkraft, die signifikanten negativen Umweltauswirkungen der Windkraft, der Solarenergieerzeugung und der Ethanolproduktion und die ausbeuterischen Effekte der emporschießenden Energiepreise auf die Arbeitswelt und arme Familien.

Nancy Pelosi, als Sprecherin des Repräsentantenhauses eine der wichtigsten Politikerinnen der USA, ordnete am 1. August das Ende einer Parlamentsdebatte an und ließ die Mikrophone abstellen, um eine Abstimmung zur Energiepolitik zu verhindern, die die Demokraten verloren hätten. Kurz danach stellte sie ihren Scharfsinn zur Schau, als sie meinte, „natürliches Erdgas ist eine saubere, billige Alternative zu fossilen Energieträgern.“ Hier kommt ein wichtiger Hinweis: Erdgas ist ein fossiler Energieträger!

Ganz klar: Ein Grundkurs in Energiewirtschaft ist nötig, damit die Mitglieder aller Parteien mit mehr Scharfsinn Gesetze beschließen können, damit sie begreifen, warum der Bergbau und die Kohlenutzung eine sozial verantwortliche Komponente einer gesunden Energiepolitik sind, und damit sie einen Beitrag zur Beendung des unnötigen Abflusses von jährlich 700 Milliarden US-Dollar leisten, der Kosten der Ölimporte.

Energie ist die Schlüsselressource, die Grundlage für all unsere Nahrung, für alles, was wir benötigen oder unternehmen. Eine gesunde Politik sichert ab, daß Energie reichlich, zuverlässig vorhanden ist und bezahlbar bleibt. Die Begrenzung des Angebots vor dem Hintergrund einer zunehmenden globalen Nachfrage treibt die Preise in die Höhe und erschüttert nicht nur Familien und die Wirtschaft, sondern auch politische Gemeinwesen wie Nationen.

Die durchschnittlichen Gesamtenergiekosten für einen typischen US-Haushalt haben sich zwischen 1997 (2.400 US-Dollar) bis 2007 (5.000 Dollar) mehr als verdoppelt. Die Lebensmittelpreise schossen ebenso in die Höhe, während die Löhne mehr oder weniger stagnierten. Mehr und mehr Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen wurden so gezwungen, zwischen Heizen, Ernährung, Fahrtkosten, Medikamenten und Wohnkosten zu wählen. Für Ferienreisen, Notfälle, Alterssicherung, Ausbildung oder karitative Spenden blieb nur wenig übrig.

Zum Glück stiegen die meisten Stromrechnungen weniger stark an, da die Hälfte des US-Stroms von Kohlekraftwerken produziert wird. Der Preis für diesen Energieträger erhöhte sich weit weniger als der für die ebenfalls fossilen Energieträger Öl und Erdgas. Allerdings steigen die Preise weiter, wenn etwa – wie in Florida – Kohle verboten ist, Erdgas zwar beworben, aber seine Förderung nicht gestattet wird, und Wind- und Solarenergie der letzte Schrei sind. Die dortigen Energieversorger haben viermal mehr für Strom aus Photovoltaik zu zahlen als für Kohlestrom, wie das Heartland Institute berichtete. Schulen sind gezwungen, bei ihren Bussen und dem Strom Einsparungen vorzunehmen.

Amerika besitzt Kohle für Jahrhunderte. Unsere Abhängigkeit von diesem Rohstoff hat sich seit 1970 verdreifacht, wobei jedoch Schwefel- und Rußemissionen verglichen mit 1970 um 40 bzw. 90 Prozent zurückgegangen sind. So zumindest der Verschmutzungsexperte Joel Schwartz. Neue Technologien und rechtliche Vorgaben werden die Emissionen von Kohlekraftwerken bis 2020 weiter reduzieren. Doch stellen letztere (einschließlich Quecksilber) bereits heute kein signifikantes Gesundheitsrisiko mehr dar, betont Schwartz.

Radikale Ökologen jammern über rein spekulative Gesundheitsrisiken, um Kampagnen gegen die Kohle zu rechtfertigen. Doch solche Befürchtungen verschwinden meist, wenn die Diskussion auf jene Millionen Afrikaner gelenkt wird, die jedes Jahr aufgrund der Abwesenheit von Elektrizität an echten, vermeidbaren Erkrankungen der Atem- und Verdauungsorgane sterben. Zum Kochen und Heizen, zur Kühlung und Trinkwasserreinigung, für Krankenhäuser und einen menschenwürdigen Lebensstandard steht dort kein Strom zur Verfügung. Wind- und Solarenergie wird nur wenige dieser Leben retten können. Dennoch sind grüne Lobbygruppen vehement dagegen, Energie für Afrika mithilfe fossiler Energieträger, Kernkraft oder Wasserkraftwerken zu produzieren.

Der US-Stromverbrauch wird weiter steigen, mit oder ohne Umweltschutz, denn unsere Bevölkerung und der Einsatz von Technik wird weiter zunehmen. Dennoch wurden 2007 dank dieser Öko-Aktivisten 59 Kohlekraftwerksneubauten eingestellt. Weitere 50 solcher Kraftwerke sollen, ginge es nach ihnen, folgen.

Die Vereinigten Staaten haben heute keinerlei Überkapazitäten mehr. Der Wechsel zu Erdgas als primärem Kraftwerksbrennstoff (und Treibstoff für jene Kraftwerke, die Windstromschwankungen ausgleichen sollen) könnte eine weitere Erhöhung der Strompreise zur Folge haben, „um das Zehnfache“, meint Energieanalyst Mark Mills, besonders, wenn die Gas- und Ölförderung weiter untersagt würde. „Als nächstes kämen vielleicht Zwangsumweltschutz und Abschaltungen im Wechsel zwischen gewerblichen und privaten Stromkunden.“

Energieengpässe und Preiserhöhungen würden Millionen Jobs in der Automobilindustrie, der Flugbranche, beim Tourismus, der Lebensmittel-, Getränke- und Bekleidungsindustrie, bei der Papierherstellung, Kunststoffen, Chemie, Metallen und der verarbeitenden Industrie kosten. Das gilt besonders bei einer Einführung des Emissionshandels durch den Kongress. Davon könnten die meisten nie durch „grüne“ Arbeitsplätze ersetzt werden, von denen manche behaupten, dass sie in der schwankungsreichen, unzuverlässigen Wind- und Solarenergieproduktion entstehen würden.

Der Wechsel zu Hybridfahrzeugen mit Stecker und Steckdose würde das Problem nur verschärfen. Denn die benötigen zum Aufladen ebenfalls ein gut ausgebautes und funktionierendes Stromnetz, und die heutige Energiepolitik stellt sicher, dass es nicht existieren wird.

Die Über-Abhängigkeit von Importen führt nicht nur zu einer problematischen Außenhandelsbilanz. Sie hat zudem substantielle Auswirkungen auf die nationale Sicherheit, woran die Europäer während des russischen Einmarschs in Georgien mit aller Macht erinnert wurden. Die Europäische Union, die aufgrund ihrer Opposition zu Kernkraft, ihrer Furcht vor dem Ende der Welt durch den Klimawandel und ihrer Fixierung auf das Kioto-Protokoll in ihren Handlungsoptionen noch weiter eingeschränkt ist, hat gegen die Aktionen eines aggressiven Bären, der bereits Gaslieferungen an Lettland, Litauen und die Tschechische Republik zur Durchsetzung seines Willens eingestellt hatte, kaum protestiert.

Das alles sollte den Kongress dazu bringen, nüchterner über die Abhängigkeit von Erdöl aus Venezuela, Nigeria, Iran und Russland nachzudenken. Kohle könnte in synthetische Treibstoffe umgewandelt werden, um Öl und Gas zu ersetzen, das wir nicht fördern wollen. Doch auch hier bestehen juristische Hürden, die das behindern.

Eine Schlüssel-Rechtfertigung für diese Anti-Energiepolitik ist die Erderwärmungskatastrophe. Allerdings haben 32.000 Wissenschaftler die Oregon-Petition unterzeichnet und meinen, es seien keine „überzeugenden Belege“ für einen durch Menschen verursachten Klimawandel in Sicht. Es sei auch nicht zu erkennen, dass der Klimawandel in eine Katastrophe münden könnte. Klimamodelle sagen weiterhin Chaos vorher, doch, wie ein Wissenschaftler ironisch anmerkt, der Glaube in diese Vorhersagen ist genauso falsch wie der Glaube an den Inhalt von Emails aus Nigeria, die den Empfänger mitteilen, sie hätten im Lotto gewonnen.

Die globalen Temperaturen sind seit 1998 nicht gestiegen, ungeachtet des ständig ansteigenden Gehalts an Kohlendioxid in der Atmosphäre. Solarphysiker wie Pal Brekke meinen, die Sonnenaktivitäten schwächen sich ab oder gehen zurück, was weltweit zu sinkenden Temperaturen führen könnte.

China und Indien planen oder bauen 700 Kohlekraftwerke. Einige europäische Länder planen den Bau von weiteren 50 in den nächsten fünf Jahren, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Andere Länder erhöhen den Anteil fossiler Energieträger bei Transport und Energieerzeugung ebenfalls.

Ob die USA ihren Energieverbrauch, den Individualverkehr, die Heizung, ihre Klimaanlagen oder den Lebensstandard herunterfährt oder nicht, ob arme Familien bestraft werden oder das Land wirtschaftlichen Selbstmord begeht – all das würde den Kohlendioxidgehalt der Erdatmosphäre nicht verringern oder das Weltklima beeinflussen.

Wir müssen zwar Umweltschutz betreiben und unsere alternativen Technologien für die Energieproduktion weiterentwickeln, die momentan nur 0,5 Prozent unserer Energie produzieren. Doch sind die Erneuerbaren zu diesem Zeitpunkt einfach zu ineffizient, teuer und unzuverlässig, um ein Ende der kohlenwasserstoffbasierten Systeme zuzulassen.

Die „soziale Verantwortung“ und die „ökologische Gerechtigkeit“ Öko-Aktivisten oder linken Demokraten in die Hand zu geben ist daher das gleiche wie ein Maschinengewehr in der Hand eines kleinen Kindes. Wir benötigen Definitionen, die das gesamte Spektrum sozialer Bedürfnisse anerkennen, und eine Energiepolitik, die am Leben in der realen Welt ausgerichtet ist.

Information

Paul K. Driessen ist Energieexperte und Politikberater in den USA und Autor des Buches „Öko-Imperialismus: Grüne Politik mit tödlichen Folgen“ (Jena 2006, ISBN 978-3-00-018838-1, Bezug über info@tvrgroup.de).


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Paul Driessen

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