08. Oktober 2008

Finanzkrise Der Anfang vom Ende der amerikanischen Vorherrschaft?

Von Europa ganz zu schweigen

Wer die diesjährigen Anlagekommentare von Wegelin & Co., dem ältesten privaten Bankhaus der Schweiz, liest, wird bemerken, dass in Kreisen konservativer Bankiers schon seit Monaten keine Illusionen über „die Gefährlichkeit der sich zusammenbrauenden Unwetterfront“ (KH) geherrscht haben. Auch gibt es klare Vorstellungen über die Ursachen der Misere. Auf der pekuniären Ebene ist die gegenwärtige Krise Folge einer viel zu hohen Fremdkapitalaufnahme der Banken im Verhältnis zur Eigenkapitaldecke. Und wenn das Fremdkapital dann überproportional auf faulen Krediten basiert, haben wir die Bescherung. Die Geisteshaltung, welche uns in dieses Schlamassel geführt hat, aber auf eine so allzu menschliche Emotion wie Gier zu reduzieren, ist wenig präzise und hilfreich. Folgende Diagnose führt uns schon eher in das Gehirnzentrum des Crashs: „Wer sich im Grundsatz gegen genügend (Eigenmittel) stemmt, steht mentalitätsmäßig auf derselben Ebene mit all denjenigen, die von den hoffungslos überforderten öffentlichen Institutionen Vorsorge für alles und jedes, selbst für privateste Belange erwarten. Dies alles entspricht der typischen Denkweise der Achtundsechziger, jener Generation, die die Autorität der Väter durch die Erwartung an eine grenzenlose Leistungsfähigkeit der Öffentlichkeit ersetzte. Erstaunlich ist lediglich, dass diese Denkweise vor Führungsetagen kapitalistischer Unternehmungen nicht haltmacht.“(KH) In der Tat, und auch erstaunlich, dies von einem Bankier zu hören. (Alle mit KH gezeichneten Zitate stammen von Dr. Konrad Hummler, dem geschäftsführendem und unbeschränkt haftendem Teilhaber von Wegelin & Co und Autor des Anlagekommentars.)

Im Finanzsystem wurde bisher die „Zero Accident“ Strategie verfolgt: eine bedeutende Bank darf nicht pleite gehen, „und das Bekenntnis zu dieser Null-Unfall-Politik wurde dermaßen oft unter Tatbeweis gestellt, dass daraus die enorm tiefen, ja beinahe inexistenten Risikoprämien resultierten. Die Kausalität entspricht mit anderen Worten einem Teufelskreis: Man wollte quasi um jeden Preis Unfälle im Finanzsystem vermeiden, und weil man das während langer Zeit mit großem Erfolg tun konnte, führte das zu einer Preissituation für Banken, die es erst recht ermöglichte, unfallträchtige Positionen aufzubauen. ... `Zero Accident´ ist gleichbedeutend mit `Zero Cost´ für Geld. ... Mit der unentgeltlichen impliziten Staatsgarantie, die dem Finanzsystem zur Verfügung gestellt wird, lassen sich unschwer die meisten verzerrenden Effekte wie überrissene Boni und Managerlöhne, unverhältnismäßig großzügige Bürogebäude und dergleichen mehr erklären. Im Rest der Wirtschaft, das heißt außerhalb des Finanzsystems, gibt es sie kaum. “ (KH)

Ob es sich nun um ausufernde, nicht mehr finanzierbare Sozial- oder Finanzsysteme handelt; hinter ihrer Schaffung und Aufrechterhaltung steht eine Strategie der Schmerzvermeidung, deren Resultat zwangsläufig der große Schmerz sein wird. Konrad Hummler sieht hier statische, eine illusionäre „Stabilität“ beschwörenden, Sichtweisen am Werk, die nun allmählich gegenüber dynamischen Sichtweisen unterliegen: „Das heißt, unter Stabilität wird häufig das Nichteintreten von Folgen durch externe und interne Schocks, ja konsequenterweise die Vermeidung solcher Schocks ganz allgemein, verstanden. Bezog auf das Finanzsystem eben die Verhinderung von Bankeninsolvenzen, bezogen auf die Wirtschaft die Vermeidung von Rezessionen. Im Auftrag der amerikanischen Notenbank ist eine solche konjunkturpolitische Zielsetzung sogar explizit vorgegeben. Kann eine Notenbank, können Aufsichtsbehörden das überhaupt? Friedrich August von Hayek wurde nicht müde darauf hinzuweisen, dass das Erreichen einer derart absoluten Zielsetzung eine umfassende Kenntnis aller Gegebenheiten voraussetzen würde, dass eine solch umfassende Kenntnis aber selbst für die mächtigste Instanz unerreichbar sei. ... Vorzugeben, man könne etwas bewerkstelligen, was letztlich aber unmöglich zu erreichen ist, führt zu gefährlichen Verzerrungen, wie die `Zero-Accident´-Strategie im Finanzsystem aufgezeigt hat. ... Hayek unterschied zwischen der Verfolgung von abstrakten Regeln – im Fall einer Notenbank etwa denjenigen zur Erhaltung des Geldwertes – und dem auf einen spezifischen Zweck ausgerichteten Eingriff. `Nomos´ versus `Thesis´. Die abstrakte Regel benötigt keine umfassende und die ganze Komplexität verstehende Vorkenntnis, führt aber auch nicht zu konkret vorhersehbaren Resultaten. Unfälle, Rezessionen können passieren. Aber weil sich niemand darauf verlassen wird, dass sie nicht passieren können, werden sie vergleichsweise glimpflicher ablaufen als im Falle einer illusionären Garantie für `Zero Accidents´. Nicht nur das Fed, nicht nur das Finanzsystem, in der westlichen Welt ganz generell beginnt das Übermaß an illusionären Garantien negative Auswirkungen zu zeitigen. Es gibt zu viele Instanzen, die, anstatt abstrakten Regeln zu folgen, von einer konkreten Maßnahme in die andere stolpern und bald nur noch negative Nebenwirkungen produzieren. Die `Anmaßung´ (Hayek) illusionärer Garantien übersteigt am Ende jegliche finanzielle Leistungsfähigkeit. Das Finanzsystem kam nun an diese Grenze; die nicht mehr finanzierbaren Strukturen des Wohlfahrtsstaates, ausgedacht, damit keine sozialen Unfälle entstehen können, stehen aber gewiss an noch prominenterer erster Stelle. Wir vermuten, dass wir insofern an einem Wendepunkt stehen, als wir beobachten müssen, wie der westlichen Welt nun die Felle davonschwimmen. Unsere stolzen Großbanken müssen sich aus Asien und Arabien rekapitalisieren lassen, ein wesentlicher Teil unserer industriellen Produktion ist eh schon weg, was dem Westen vorderhand noch zu verbleiben scheint, sind die Markennamen von Produkten, die allerdings längst irgendwo auf der Welt hergestellt werden. An die Stelle der auf absolute Schmerzvermeidung und statische Sicherheit ausgerichteten westlichen Systeme treten nach und nach Menschen und Denkweisen mit wesentlich dynamischerer Sichtweise.“ (KH)

Dass „der westlichen Welt nun die Felle davonschwimmen“, wie Hummler bemerkt, könnte man als die ökonomisch analytische Fundierung der These vom Ende der amerikanischen Vorherrschaft betrachten. Diese These hat momentan viele begeisterte oder auch besorgte Fürsprecher. 

Die Finanzkrise hat ihren Ursprung in Amerika und inzwischen auch Europa und Asien im Griff.  Trotzdem ziehen die Asiaten (im wesentlichen China und Japan) die immensen Summen, die sie in den USA geparkt haben, nicht ab. Im Gegenteil scheinen sie ihr finanzielles Engagement in Amerika eher noch auszuweiten, wie Spengler auf Asia Times Online bemerkt. Warum können die asiatischen Finanzmärkte die asiatischen Ersparnisse nicht absorbieren? Eine Ursache liegt in der Rechtsunsicherheit  und dem mangelndem Eigentumsschutz in weiten Teilen Asiens (wahrscheinlich mit Ausnahme Japans). Bankinstitute weltweit rechnen sich sogar eine Chance aus, schon abgeschriebene Forderungen langfristig in den USA auf dem Rechtsweg wenigstens teilweise zu realisieren. Aber die wesentliche Ursache, warum Kapital in die USA strömt und weiter strömen wird, ist demographischer Natur. Wie Hummler schreibt: „Völlig zurecht bemerkte der ‚Economist’ vor ein paar Wochen, ohne Rezession seien die Amerikaner wohl nie vom Konsumieren zum Sparen zu bewegen.“ Und in den USA sind und werden noch genug Sparer da sein, in die es sich lohnt zu investieren. Die USA rechnen, wie Gunnar Heinsohn bemerkt, mit 130 Millionen Neubürgern bis 2050, mehr als ein Drittel davon ausgesuchte Einwanderer. Das entspricht der kombinierten Bevölkerung von Frankreich und Großbritannien oder einem knappen Russland. Die momentan leerstehenden, nicht bezahlten Häuser werden sich füllen. Anders als in Europa. „In vielen Gebieten Russlands, Osteuropas und Ostdeutschlands fallen die Häuserpreise von 100 auf 20 oder gar null Prozent, weil diese Regionen – ohne qualifizierte Einwanderer und mit 1,3 Kindern je Frauenleben (gegen 2,1 in den Vereinigten Staaten) – mitten in der demographischen Kernschmelze stecken. Das Gebiet zwischen Elbe und Wladiwostok wird von 360 Millionen Einwohnern im Jahr 2005 auf höchstens noch 240 Millionen im Jahr 2050 schrumpfen. Das ist allerdings optimistisch geschätzt. Denn die Jungen und Gescheiten in diesen insgesamt 23 Ländern werden ja nicht bis zum Ende der Implosion still warten. Zigmillionen von ihnen werden – neben den 130 Millionen Neubürgern der Vereinigten Staaten – zwischen New York und San Francisco nach einer Unterkunft suchen. Deshalb liegt die obere Schätzung für die amerikanische Bevölkerung im Jahre 2050 auch nicht bei 440, sondern sogar bei 520 Millionen. Amerikanische Häuserpreise mögen von 100 auf 90 oder 80 Prozent sinken. Doch sobald sie gegen 70 Prozent tendieren, geht die halbe entwickelte Welt – einschließlich der „schrumpfvergreisenden“ Ostasiaten (Japan, Korea, Taiwan und selbst China) – auf die Internetseite von Google und sucht nach einem Schnäppchen.“ (Heinsohn)

Es ist also noch ein wenig früh, das Ende Amerikas zu besingen. Aber ob die USA und auch Kanada in Zukunft noch in einer Weise zur westlichen Welt gehören, wie wir es gewohnt sind, darf bezweifelt werden. Denn die hochqualifizierten Einwanderer werden vor allem Chinesen sein. Die „Piano moms“ schicken ihre jungen und gescheiten Töchter und Söhne zu den „Hockey moms“. Die „Piano moms“ sind die Mütter von 30 Millionen klassischen Klavier-Studenten in China – eine der zwei großen heutigen Volksbewegungen. Die andere ist die Haus-Kirchen-Bewegung des chinesischen Christentums. Und die „Hockey moms“, für die als Metapher Sara Palin steht, sind die Mütter der konservativen, religiösen, waffentragenden, werteorientierten Einwohner des republikanischen Amerikas. Kinder, die Hockey spielen, werden aufwachsen, um Kindern, die ein Klavier-Studium absolvieren, Kaffee zu servieren. Nichts ist mit dem Pool von Talenten zu vergleichen, der sich im gebildeten Segment der ostasiatischen Bevölkerung herausbildet und der die westliche Kultur dabei aufsaugt und meistert.

Leider werden wir in Europa davon nicht viel mitbekommen.

Internet

Spengler auf Asia Times Online

Gunnar Heinsohn  zum Thema

Literatur

CSIS, The Graying of the Great Powers, Washington DC, 2008


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