09. Februar 2009

Frei nach Dostojewski Die Herrschaft des Gutmenschen

Über die Infantilität an der Macht

In seiner „Rede über Puschkin“ am 8. Juni 1880 geht es Dostojewski um eine Art neuen Menschentypus, den er bei Puschkin zum ersten Mal „fehlerlos erfasst“ sieht. Für Dostojewski setzt dieser „’Skitaletz’ aus den höheren Gesellschaftskreisen auch heute noch sein Leben fort“ und  „wird so bald nicht aussterben“. „Skitaletz“ bedeutet übersetzt „ein Mensch, der keinen Verbleib hat“. Waren die Skitaletze zu Puschkins Zeiten noch romantische Schwärmer, die Zigeunerlager aufsuchten, „um in der eigenartigen Lebensweise der Nomaden ihr Ideal und im Schoße der Natur Ruhe und Erlösung von dem sinnlosen, verwirrenden Leben der Gesellschaft zu finden“, so werfen sie sich zu Dostojewskis Zeiten dem Sozialismus in die Arme, davon überzeugt, wie er sagt, „dass sie auf diesem ihrem phantastischen Arbeitsfeld das Glück nicht nur für sich selbst, sondern zugleich für die ganze Welt erlangen werden. Denn dieser Heimatlose bedarf nun einmal des allmenschlichen Glücks, um mit sich in Ruhe kommen zu können.“ Hier finden wir sie, unsere Lenins, Trotzkis, Stalins, die Bolschewiki, bis hin zu ihren Karikaturen in den K-Gruppen der 70er Jahre, „losgelöst vom Volk immerfort vom Volke schwafelnd, kaltblütig schwärmerisch entschlossen, sich mit Gewalt aus dem Text zu erheben“, wie Volker Braun in seinem Essay zu Dostojewskis Rede treffend bemerkt. Hier begegnet uns auch Robespierre, einer der Führer der ersten totalitären Revolution auf diesem Planeten. Auch er ein Verehrer des „Volkes“. Es müssen immer Völker, Klassen, Rassen, Massen sein, deren „wahre Interessen“ man vertritt. Oder um es mit Robespierre zu sagen: „Das Volk ist immer mehr wert als der Einzelmensch, das Volk ist erhaben, Individuen sind schwach.“  Oder auch entbehrlich, reif für die Guillotine, den Gulag oder das KZ, wenn sie sich nicht dem „allgemeinen Willen des Volkes“ fügen. Und dieser „Volkswille“ wird natürlich definiert von einer Elite erhabener Volksversteher.

Unsere Gutmenschen sind die Kinder der Revolutionäre, der Robespierres, der Bolschewiki und, nicht zu vergessen, der Faschisten. Sie machten sich auf den Marsch durch die Institutionen und konnten dabei gar nicht mehr anders, als Kinder zu bleiben. Sie sind die Erben und die Produkte der „Errungenschaften“ ihrer Väter. Kinder eines allmächtigen Übervaters, des Staates: „Jeder von ihnen ist auf sich selbst konzentriert und verhält sich dem Schicksal der anderen gegenüber wie ein Fremder. Über ihnen allen aber erhebt sich eine ungeheure Vormundschaftsgewalt.“ Diese „sorgt für ihre Sicherheit, sieht ihre Bedürfnisse voraus und sichert sie, fördert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Angelegenheiten, leitet ihre Arbeit, regelt ihre Nachfolge, verteilt ihre Erbschaften“, so sieht es Alexis de Tocqueville in seinem Werk „Die Demokratie in Amerika“ ganz akkurat voraus. Aber schauen wir uns doch noch die Großväter des Gutmenschen an. Seine Geisteskrankheit hat wahrlich Wurzeln, die einige Jahrhunderte zurückreichen. Denn auch die Revolutionäre, die heimatlosen Apologeten der irdischen Glückseligkeit, deren vermeintliche Paradiese den Gutmenschen gebaren, brauchten einen Dünger, der sie hervorbringen konnte. Es war der Humanismus, jene Strömung, die in die Reformation mündete, die all das zusammenbrachte, was nötig war, um die Säkularisierung der Welt einzuleiten. Gruppen von Menschen, die zusammenkamen um zu disputieren und Pläne zu schmieden, um eine Antike edler Griechen und Römer zu beschwören, die es so nie gegeben hat, und um letztendlich zu dem Schluss zu kommen, dass nicht Gott, sondern „der Mensch“ die größte Freude des Menschen ist.

Als nun der Mensch sich an die Stelle Gottes setzte, wurde der Unmensch geboren und dem Kult um das Individuum entsprang der Massenmensch. Nietzsches letzter Mensch: „Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. Wir haben das Glück erfunden – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“

Individualität wurde zur Marke. „Unterm Strich zähl ich.“ Die Unterscheidung zwischen Mensch und Unmensch löste die Unterscheidung von Freund und Feind ab, wie Carl Schmitt bemerkte. Einem Feind konnte man immer noch Ehre zubilligen und ihn dementsprechend behandeln, einen Unmenschen schießt man ab. Man entfernt ihn aus dem öffentlichen Leben, solange er seine Leugnung „unbestreitbarer Tatsachen“ nicht durch eine Unterwerfungsgeste wieder gutmacht. Wenn der Gutmensch über vermeintliche Opfer weint, gegen imaginäre Schurken wütet und sich vor allem bemüht, das Leben von Leuten zu bestimmen, die durchaus in der Lage wären, ihr Leben selbständig zu führen, tritt seine Infantilität nur allzu deutlich hervor. Der Gutmensch schürt und verstärkt Gefühle von Benachteiligung, Neid und ein kindliches Anspruchsdenken, weil man doch ein „Opfer ungerechter Verhältnisse“ sei. Leider sind die Gutmenschen von heute nicht nur vor Empörung hyperventilierende Claudia Roths; sie sind tatsächlich an den Schalthebeln der Macht angekommen. Die 68er-Mentalität, wonach der Staat letztendlich alles regeln kann und wird, ist auch in den Führungsetagen von Finanzinstituten und Wirtschaftsunternehmen zur herrschenden geworden. Anders ist die Finanz- und Wirtschaftskatastrophe der letzten Monate und der kommenden Jahre nicht zu erklären. Wie Konrad Hummler im neuesten Anlagebrief von Wegelin & Co. bemerkt: „Wer es angesichts der Milliardenbeträge, die in den letzten Wochen quer über die ganze Welt durch die Regierungen zur angeblichen Stützung des Bankensektors und zur Belebung der Konjunktur gesprochen worden sind, nicht mit der nackten Angst zu tun bekommen hat, muss irgendwie im Stadium des kindlichen Glaubens an die Möglichkeit der automatischen Geldvermehrung steckengeblieben sein.“

Nun tritt dem Gutmenschen der Schweiß auf die Stirn. Es braucht wieder einen Führer, der ihn aus dem Schlamassel holt. Schon bei den Begeisterungsschreien für Obama waren die hysterischen Untertöne nicht zu überhören. Das wird diesmal nicht so leicht für den Führer. Wir hatten alles schon: Faschismus, Kommunismus, New Deal. Hat alles nichts gebracht.

Und so versinkt das Selbst immer weiter im Nebel. Jenes Selbst, das Nietzsche ein unbekanntes Land, eine Terra incognita nennt und an dem gemessen Geist und Sinn nur „Werk- und Spielzeuge sind“, wie er schreibt; jenes Selbst, das der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig als „eine aus Unbekanntem in Unbekanntes führende Gerade“ bezeichnet und das sich „unmittelbar Gott gegenübersieht“. Rosenzweig spricht von Gott, dem sich das Selbst nicht nur gegenübersieht, sondern in dem es auch wurzelt. Die Wurzel des Menschen war immer eine göttliche. Das was den Menschen an das bindet, was ihn übertrifft, aber dennoch hält.

Da sind wir nun angekommen: in einer Welt entwurzelter Gutmenschen, deren Sehnsucht nach dem Göttlichen so pervertiert ist, dass sie den billigsten Rattenfängern nachlaufen. Eine Welt, in der alle gleich sind. Entweder im Sinne Hobbes, das nämlich jeder jeden töten kann. Oder in der Version von Sanders: das jeder jeden abschießen kann. Die Liste der Abgeschossenen ist lang. Zurzeit versucht man es mit dem Papst. Schauen wir mal.

Literatur

Dostojewski: Rede über Puschkin am 8. Juni 1880 vor der Versammlung des Vereins Freunde russischer Dichtung, mit einem Essay von Volker Braun 

Jonah Goldberg: Liberal Fascism

Monaldi & Sorti: Die Zweifel des Salai

Wegelin & Co.: Anlagekommentar Nr. 261

Franz Rosenzweig: Der Stern der Erlösung

Amity Schlaes: The forgotten man – A New History Of The Great Depression

Carl Schmitt/Hans-Dietrich Sander: Werkstatt - Discorsi. Briefwechsel 1967 bis 1981

Norbert Bolz: Das Wissen der Religion

Internet

www.libertymind.com


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