20. März 2009

Rezension Skandal!

Über Medienopfer

Von 1996 bis 2006 hat sich das Vorkommen des Wortes „Skandal“ in der deutschen Presse fast verdoppelt. Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert, wie die Herausgeber des Buches „Skandal!“ in ihrem ausführlichen Vorwort erläutern: Als „Skandal“ bezeichnete Vorkommnisse stärken gesellschaftliche Tabus und Normen, aber auch die Macht derjenigen Medien, die dieses Etikett wählen. Gleichzeitig lasse sich der Skandal paradoxerweise als „journalistischer Betriebsunfall“ verstehen, denn das Bemühen um Objektivität und Differenziertheit trete hinter die Aufregung zurück. Während sich Journalisten mit dem vermuteten „gesunden Volksempfinden“ verbinden, werden Individuen geopfert: Für die Menschen, die von der Empörungswelle erfasst werden, endet auch ein im öffentlichen Bewusstsein längst verschwundener Skandal nie. Sie bleiben oft ein Leben lang gezeichnet. Als Beispiel nennen die Herausgeber den ehemaligen Bundestagspräsidenten Jenninger, der auch zwei Jahrzehnte nach seiner skandalisierten Rede mit keinem Journalisten mehr sprechen möchte. Dabei könne im Zeitalter der neuen Medien jeder zum Objekt kollektiver Empörung werden. Zugleich sei es nur logisch, dass gerade infolge eines Verschwindens politischer Gegensätze der Skandal als offenbar mangelnde Integrität Einzelner eine Hochphase erlebe.

Das in dieser Einleitung Gesagte lassen 28 Studierende der Universität Hamburg in angenehm kritischen und gut vorbereiteten Interviews konkret werden. Die Palette der Befragten ist bunt: Natascha Kampusch findet sich dort ebenso wieder wie Thilo Bode und Catherine Millet. Und sie alle haben etwas zu sagen – ob sich der ehemalige Stasi-Spitzel Sascha Anderson durch den Bekenntniswahn unserer Gesellschaft an die DDR erinnert fühlt oder Ulrich Beck befindet, es könne einem fast Angst machen, dass die drohende Klimakatastrophe zum allgemeinen Glaubensbekenntnis geworden sei. Wie die Medien die vor Gericht geltende Unschuldsvermutung aushebeln, schildert die „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen anhand eines Missbrauchsprozesses, bei dem die Angeklagten zwar freigesprochen wurden, aber jetzt jeder ihre Gesichter kenne: „Ärzte behandeln sie nicht mehr; aus Bussen wurden sie von einigen Mitmenschen hinausgeworfen.“ Und die CSU-Abtrünnige Gabriele Pauli äußert Grundsatzkritik an den Journalisten: „In der Kommunikationswissenschaft geht man davon aus, der Pluralismus der Medien führe dazu, dass man sich seine Meinung aufgrund der Vielfalt frei bilden könne. Aber die Praxis sieht anders aus. Über manches wird wie gleichgeschaltet berichtet, über anderes gar nicht.“

Sehr interessant schließlich geriet das Interview mit Jürgen Möllemanns ehemaligem Kampagnenmanager Fritz Goergen. Während dieser seinen damaligen Klienten durchaus sehr kritisch sieht und etwa von dessen „Appell an die latent antisemitische und antiisraelische Einstellung der breiten Masse“ spricht, führt er Möllemanns Freitod auf die davor erfolgte Medienkampagne zurück: „Ich glaube, er wollte seine Frau und seine Töchter schützen. Sie haben sehr unter der Hetzjagd der Medien gelitten.“ Nachdem die FDP ihn politisch für vogelfrei erklärt habe und schließlich Journalisten sowie Fahnder vor seiner Haustür standen, habe Möllemann klar sein müssen, was auf seine Familie zukommen würde. Den FDP-Vorsitzenden Westerwelle beschreibt Goergen als „beratungsresistent“ und wirft ihm ein Versagen auf ganzer Linie vor, das er politisch nicht hätte überleben dürfen. Goergens Fazit: „Die FDP trägt das Thema Möllemann mit sich herum und wird sich irgendwann doch damit beschäftigen müssen. Gott weiß, in welchem Zusammenhang.“

Alles in allem ist „Skandal!“ ein Buch, wie man es sich wünscht: fesselnd, flott zu lesen, Erkenntnis bringend und relevant.

Literatur

Jens Bergmann und Bernhard Pörksen (Hg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Halem 2009


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