Thomas Fink

Jahrgang 1954, Publizist.

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Vorsorge gegen den (möglicherweise) kommenden Totalitarismus: Keine Zeit für Optimismus

von Thomas Fink

Über einen Papiertiger

Die Angst vor der Zukunft hat die meisten Menschen fest im Griff. Und die, die am lautesten „Change“ brüllen, haben die meiste Angst. „Change, we can believe in“, heißt übersetzt: bitte, bitte lieber Staat, bleib (oder werde) mein Kindermädchen und garantiere meine Sicherheit im Alter, bei Arbeitslosigkeit und Krankheit.  Wie Oscar Wilde schon wusste: „Die Grundlage von Optimismus ist reiner Schrecken“.  Dass das Sowjetimperium kollabieren musste, war ökonomisch unausweichlich. Dass die Sozialstaaten des Westens kollabieren müssen, ist ökonomisch unausweichlich. Da sich der Markt momentan bereinigt und die Verfehlungen der letzten Jahrzehnte korrigiert, bekommen die Massen eine Ahnung davon, dass ihre Sicherheit auf Sand gebaut ist. Und wie in einer Massendemokratie üblich, verlangt die Diktatur der Mehrheit die Plünderung der Staatskasse. Das sind die vielen Nullen, welche derzeit durch den Raum schwirren. Und diese Nullen auf größtenteils imaginären Scheinen korrespondieren auf interessante Weise mit den Nullen der Spezies Massenmensch und ihren Führern von der Gutmenscheneinheitspartei. Massenmäßig hat sich nämlich etwas geändert: Waren Anfang des letzten Jahrhunderts noch über 50 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, sind es heute unter zwei Prozent. Die Menschen strömten vom Land in die Fabriken. Doch seit Jahrzehnten leeren sich die Fabriken, so wie sich einst die Felder geleert hatten. Mit anderen Worten: Die Massen sind nicht mehr notwendig für die Produktion des Reichtums einer Gesellschaft. Heute erhalten über 50 Prozent der Bevölkerung Transferleistungen des Staates. Die Massen sitzen vor dem Fernseher und möchten Superstar werden. Das wird von einer immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen, den Produktiven, bezahlt. Und es ist die Frage, wie lange diese sich das noch bieten lassen werden.

Erstens: Das Leben ist ungerecht. Zweitens: Der Mensch ist kein Engel. Drittens: Das Paradies auf Erden gibt es nur im Himmel. Drei Punkte gegen die jeder Gutmensch energisch protestieren wird. Das waren früher mal die Eckpunkte eines konservativen Credos. Aber warum muss sich jemand, der keine Illusionen über die Unabänderlichkeit des Menschseins hat, in eine derartig dämonisierte Schublade stecken lassen. Es ist schlicht und einfach Realismus. Und Realisten gibt es sogar bei den Sozialdemokraten, wie Herr Sarrazin, der ehemalige Finanzsenator von Berlin, immer wieder demonstriert: „Wir stellen fest, dass relativ gesehen die Mittel- und Oberschicht zu wenig Kinder bekommt oder die Unterschicht zu viel. Die Mathematik sagt jedenfalls: Die sozialen Probleme werden immer schlimmer.“ Vor allem wenn die Renten und das Arbeitslosengeld, die Arzt- und Krankenhauskosten und zu guter Letzt die Arbeiter und Angestellten des öffentlichen Dienstes nicht mehr bezahlt werden können. Es wird nicht schön, das ist sicher. Aber niemand kann wirklich voraussehen, was passieren wird. Und weil der Mensch eben ein fehlerhaftes, irrendes, pompöses, armseliges, selbstsüchtiges und selbstloses Wesen ist, wird er so gerne das Opfer von völlig unrealistischen Konzepten. Es ist Realismus, diesen Unrealismus und dessen Auswirkungen auf die reale Welt in Rechnung zu stellen. Ich bezweifele allerdings, dass in den unsicheren Zeiten, die da kommen werden, sozialistische oder faschistische Massenbewegungen eine große Gefahr darstellen werden. Die Massen haben keine wirtschaftliche Kraft mehr. Und das begrenzt auch ihre Möglichkeit als soziale Kraft.

Die Zukunft gehört einer produktiven Elite von Wissensarbeitern und Unternehmern, die vor allem risikobereit und mobil sind. Ihre Mobilität ist Ursache für die weltweite Abschaffung des Bankgeheimnisses und die Austrocknung der Steueroasen, damit die Wüste drumherum blühen kann (kleiner Witz). Doch wie immer reagieren Kontrolldinosaurier wie Mr. Steinbrück und Konsorten nur auf eine Dynamik, die sie nicht unter Kontrolle haben. Was sie nicht verstehen ist, dass sie ihren Willen nicht mehr denjenigen Individuen aufzwingen können, die den tatsächlichen Wohlstand schaffen. Wie die Schlacht zwischen den Kollektivisten und Ayn Rands „men of mind“ ausgehen wird ist jedoch ergebnisoffen. 2005 ermittelte das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in einer Studie mit 20 000 Testpersonen, dass risikobereite Menschen (also jene, die sich der Angst stellen) mit ihrem Leben zufriedener sind. Für den Massenmenschen ist Sicherheit wichtiger als Freiheit und Glück. Deshalb ist die Zukunft heute ein Objekt der Angst. Und Menschen in Angst sollte man nicht unterschätzen.

Ich rate also nicht nur zu Gold und Bargeld sondern auch dazu, bereit zu sein, den Ort zu wechseln und vor allem dazu, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Die Wahrheit ist ungerecht und unsicher. Oder um es mit Gabriel Josipovici zu sagen: „Die hebräische Bibel ist vor allem eins: realistisch. Sie ist realistisch in der Feststellung, dass die Welt ungerecht ist, dass einige vom Glück mehr begünstigt sind als andere; dass Mütter einige ihrer Kinder bevorzugen. Das mag nicht fair sein, aber wer hat gesagt, das Leben sei fair? Bemerkenswert, dass die Bibel als Dokumentation einer Religion die Erzählung über die Theologie, den Realismus über die Tröstung stellt. Sie tut es, weil sie weiß, dass nur die Stimme der Wahrheit, nicht die Stimme der Tröstung, uns trösten kann.“

Internet

Interview Sarrazin

Risikobereite Menschen sind mit ihrem Leben zufriedener

08. April 2009

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen