08. September 2009

Zweiter Weltkrieg Unnötig und nicht so "gut" wie allgemein behauptet

Sondern die Startrampe für das amerikanische Imperium und einen monströsen, verantwortungslosen Militärapparat

Ich schreibe diese Worte am 3. September 2009, auf den Tag genau siebzig Jahre nach der Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland – ein Ereignis, das von den Führern und Meinungsmachern des Westens zwar nicht gefeiert, aber beachtet wird als der Beginn des „guten Krieges“. Die Kriegspartei liebt den Zweiten Weltkrieg einfach, weil er der eine Krieg ist, wo sich alle einig sind, dass wir keine andere Wahl hatten, als bis zum Tod einen Krieg zu führen und zu gewinnen. Nun, nicht ganz alle, aber in dieser Frage werden abweichende Meinungen einfach nicht toleriert.

Man nehme zum Beispiel Pat Buchanan, der diesen Jahrestag mit der Wiederholung des Themas seines ausgezeichneten Buches „The Unnecessary War“ begeht, in dem er den Standpunkt vertritt, dass der Krieg niemals unvermeidbar war, und dass er das nur durch die bösartige Idee der „kollektiven Sicherheit“ wurde – durch die französisch-britische Garantie gegenüber Polen. Buchanan also trägt das unbestreitbare Argument vor, dass, wenn die Polen nur Danzig an Deutschland zurückgegeben hätten das sie als Folge des desaströsen Vertrags von Versailles verloren hatten, das Ergebnis ein ausgehandelter Friede gewesen wäre – ein viel wünschenswerteres als die 56.125.262 Toten und der unermessliche Tribut, den der Krieg in Form von Ressourcen und echtem menschlichen Leid forderte.

Aber, oh nein: Für die „Blogger“ von links und rechts ist dies ein Fall von „Pat Buchanan, der Apologet Hitlers“. In der von diesen Pygmäen konstruierten politischen Kultur ist jede Herausforderung der gängigen Meinung – besonders eine, die den Zweiten Weltkrieg, den Heiligen Krieg, kritisch beurteilt – etwas, das einer kriminellen Handlung nahekommt, eine, die den Täter aus dem Kreis der feinen Gesellschaft entfernt und ihn in einen intellektuellen toten Winkel verbannt, wo er keinen Schaden anrichten kann. Und den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg zu kritisieren, gilt natürlich als „Hassverbrechen“, weil ... – nun, was sind Sie denn, so eine Art „Hitler-Apologet“?!

Selbstverständlich war der Zweite Weltkrieg nicht unvermeidbar, und Hitler war tatsächlich offen für Verhandlungen: Er wollte nie mit den Briten – die er bewunderte – Krieg führen, auch nicht mit den Franzosen, deren einflussreiche eigene Faschismus-Bewegung gute Beziehungen zu ihren deutschen Gesinnungsgenossen unterhielt. Statt dessen war sein Blick nach Osten gerichtet, besonders auf die Sowjetunion und auf die Länder des alten Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Dies bekundete er ganz eindeutig in „Mein Kampf“, wo die ganze Idee des Lebensraums angeschnitten wurde: Hitlers Vision war ein die eurasische Landmasse umfassendes Nazi-Reich, das im Grunde Russland als überragende transkontinentale Macht ersetzen sollte.

In den Jahren vor Pearl Harbor war die Antikriegsstimmung der dominierende Trend in Amerika, und zwar so sehr, dass selbst Franklin Roosevelt es nicht wagte, sich dagegen zu stellen. Im Verlauf des Wahlkampfs von 1940, als der Krieg eine drohende Möglichkeit war, verkündete er schändlicherweise: „Ich habe es schon einmal gesagt, und ich werde es wieder und wieder und wieder sagen: Eure Jungs werden in keinen fremden Krieg ziehen.“

FDR war ein viel besserer Lügner als George W. Bush, aber Sie werden beim „Philosopher’s Magazine“ oder im „Center for American Progress“ niemanden finden, der das zugibt. Oder vielleicht doch: Vielleicht werden sie das Argument Thomas A. Baileys aufgreifen, der Roosevelt bewunderte und sagte: „Roosevelt hat das amerikanische Volk in der Zeit vor Pearl Harbor wiederholt getäuscht.“ Oh, aber es war eine gute Lüge, weil „er vor einem schrecklichen Dilemma stand. Ließ er das Volk in einem isolationistischen Nebel schlummern, könnte es Hitler zum Opfer fallen. Spräche er sich eindeutig für eine Intervention aus, würde er [bei der Wahl von 1940] verlieren.“ Das Volk muss von einem weisen Führer angelogen werden, wenn es zu seinem eigenen Besten geschieht: Das war jedenfalls der Konsens in Washington D.C., und nichts scheint sich seither geändert zu haben.

In jedem Fall war der „gute Krieg“ weder gut noch unvermeidbar: Er war statt dessen ein Krieg, dessen Vorspiel der spanische Bürgerkrieg war, wo die internationale Linke aktiv die spanischen „Republikaner“ unterstützte, das heißt die stalinistischen Kommunisten und ihre sozialistischen und links-anarchistischen Verbündeten, und die den Westen kräftig bearbeiteten, zugunsten ihrer Genossen zu intervenieren. Trotz der offiziellen kommunistischen Parteilinie, dass der Zweite Weltkrieg ein „imperialistischer Krieg“ war, war das Fundament für eine übertrieben kriegsfreundliche Richtung schon gelegt worden, als die Kommunisten und ihre linksliberalen Freunde kräftig zugunsten des „republikanischen“ Spaniens agitierten und im Westen die Werbetrommel für Wirtschaftsboykotts gegen Japan rührten und eine wirtschaftliche Strangulierung versuchten (eine Taktik, die im späteren US-Embargo auf Stahl und Ölimporte ihre Fortsetzung fand und den Angriff der Japaner auf Pearl Harbor provozierte).

Wenn die Polen nicht darauf bestanden hätten, Danzig zu behalten, ist es denkbar, dass der Holocaust abgewendet worden wäre – und der Kalte Krieg wäre definitiv verhindert worden. Denn Hitler war entschlossen, die verhassten Bolschewisten zu vernichten, und es war nur der Eintritt der USA in den Konflikt – eingefädelt von FDR im Bund mit den Briten, den Kommunisten und der Linken allgemein – der das „Arbeiterparadies“ vor dem Schwert Deutschlands bewahrte.Wie zwei Skorpione in einer Flasche hätten sich die zwei kollektivistischen Mächte Europas bis zum Tod bekämpft – und sich schließlich gegenseitig zerstört. Oder zumindest wäre die eine vom „Sieg“ so sehr geschwächt gewesen, dass kurz darauf ein Zusammenbruch erfolgt wäre.

Es ist immer riskant, alternative Geschichte zu konstruieren, aber es scheint auf jeden Fall höchst unwahrscheinlich, dass das Dritte Reich Hitler lange überlebt hätte. Es gab kein festgelegtes Verfahren der Nazi-Nachfolge. Rivalisierende Anwärter auf das Führeramt wären aufgetreten, schnell gefolgt von einem Bürgerkrieg und einem Auseinanderbrechen des „tausendjährigen Reiches“. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre der letzte Nazi über den Knochen des letzten Bolschewisten erwürgt worden.

Leider endete die Sache nicht so. Statt dessen hatten wir einen „Sieg“ der Alliierten, der das Überleben der UdSSR sicherstellte und einen ein halbes Jahrhundert lang währenden „Kalten Krieg“ – gefolgt von einem amerikanischen Versuch, eine permanente Hegemonie über die ganze Erde zu sichern. Kurz, was wir bekamen war ein immerwährender Krieg – und einen durch und durch militarisierten amerikanischen Staat, der kein anständiges Auto bauen kann, aber darauf vorbereitet ist, in der ganzen Welt Gewalt anzuwenden.

Wie ist das passiert? Der Kolumnist Glenn Greenwald beschreibt in „Salon“ den geschichtlichen Ablauf: „Es gab eine Zeit, nicht allzu lange her, da taten die USA so, als betrachteten sie Krieg lediglich als 'letzten Ausweg', als etwas, worauf nur zurückgegriffen werden sollte, wenn es zur Verteidigung des Landes gegen unmittelbare Bedrohungen absolut notwendig ist. In Wahrheit ist der Krieg spätestens nach der Schaffung des nationalen Sicherheitsstaates [engl. 'the National Security State'] als Folge des Zweiten Weltkriegs alles andere als ein 'letzter Ausweg' gewesen. Ständiger Krieg ist der Normalzustand gewesen. In den 64 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben wir mehr Kriege begonnen und geführt und mehr Länder erobert und bombardiert, als jede andere Nation der Welt – ganz ohne die zahlreichen Kriege zu zählen, die von unseren Verbündeten und Stellvertretern geführt wurden. Das sind lediglich die Fakten. Die Geschichte wird keine andere Wahl haben, als die USA – besonders in ihren späten imperialen Phasen – als einen kriegführenden Staat zu betrachten.“

Kurz, der „gute Krieg“ war die Startrampe für das amerikanische Imperium, und seither marodieren wir auf der ganzen Welt, setzen unsere Feinde mit Hitler gleich und bauen einen mächtigen Apparat des Massenmordes, der niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig ist – ganz sicher nicht dem amerikanischen Volk. Greenwald formuliert es so: „Wie im Fall des Irak klar wurde, hat sich die 'bloße' Tatsache, dass eine große Mehrheit der Amerikaner gegen den Krieg ist, wenig – eigentlich gar nicht – darauf ausgewirkt, ob der Krieg fortgesetzt wird. Wie so vieles was in Washington passiert, braucht der nationale Sicherheitsstaat und die Maschinerie des endlosen Krieges die Unterstützung des Bürgers nicht. Auch ohne sie macht er weiter und wird stärker. Der Grund dafür ist, dass die mächtigsten Gruppen in Washington – die permanente Klasse des Militärs und der Geheimdienste, sowohl der öffentlichen wie der privaten – eine Beendigung oder auch nur eine ernsthafte Verringerung des militarisierten Charakters Amerikas nicht zulassen würden. Sie leben davon. Er ist die Quelle ihres Wohlstands und ihrer Macht.“

Manche Leute fragen sich, warum ich ständig über den Zweiten Weltkrieg als unnötigen Krieg schimpfe: Das ist schwierig zu verkaufen, sagen sie, warum also lässt du das nicht in Ruhe? Gib dich damit zufrieden, gegen die Kriege in Irak und Afghanistan zu sein, so ihr Rat. Aber gerade weil ich gegen diese beiden Kriege bin und gegen alle noch kommenden Kriege, bestehe ich darauf, die Mythologie und die emotionsgeladene Hollywood-Version von „Geschichte“ zu durchbrechen, die einen Krieg rationalisiert und sogar verherrlicht, der über 50 Millionen Menschen umbrachte und ganze Nationen der Not und der Tyrannei überließ.

Weil, darauf sollten Sie achten, jeder Krieg mit dem Zweiten Weltkrieg verglichen wird: Jeder Verhandlungsversuch wird als „ein weiteres München“ verhöhnt, und jeder Westentaschendiktator ist noch ein weiterer „Hitler“. Es funktionierte 1940 so gut, dass die Kriegspartei dasselbe Szenario ständig wiederholt: Die Iraner, wird uns gesagt, sind verrückte Antisemiten, die mit einem Atomschlag gegen Israel einen neuen Holocaust veranstalten wollen. Saddam Hussein, wird uns gesagt, war eine orientalische Version Hitlers, und selbst Manuel Noriega – Sie erinnern sich? – wurde mit dem deutschen Diktator verglichen. Hitler – das ist das Bild, das sie uns ständig vorhalten wollen, das Bild, das Hass erzeugt und den Wunsch zu töten, und sogar irgendwie den Tod vieler Millionen rechtfertigt.

Die Macht dieser historischen Erzählung ist verblüffend. Vor einigen Tagen geriet ich in einen Streit mit einem Freund eines Freundes, ein netter liberaler Kerl, der pflichtbewusst Obama unterstützte und sich für einen guten „Progressiven“ mit aufgeklärten liberalen Ansichten hält. Dieser Typ behauptete, dass die Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki „notwendig“ waren, um den Zweiten Weltkrieg zu „gewinnen“. Während er dieses Argument vortrug, saß unser gemeinsamer japanischer Freund dabei und hörte teilnahmslos zu – zweifellos war er an Amerikaner gewöhnt, die den Massenmord an seinen Landsleuten rationalisierten.

Ach ja, der „gute Krieg“, genau wie der afghanische Krieg, bei dem die Linksliberalen ihrem geliebten Führer blind folgen – obwohl es scheint, dass mehr als nur einige wenige jenseits der Grenzen Washingtons anfangen, an seiner angeblichen Güte zu zweifeln.

Es braucht Zeit, aber am Ende kommt die Wahrheit heraus: So im Fall des Irak-Krieges und im Fall unseres angeblichen „notwendigen Krieges“ in Afghanistan, der in Rekordzeit entlarvt wird. Der Zweite Weltkrieg hingegen bleibt in einer populären Mythologie versteckt, in einer Art Märchenbucherzählung, wo das Gute sich dem Bösen entgegenstellte und Letzterer gänzlich und endgültig besiegt wurde. Dieser Mythos der „größten Generation“ wird sich wahrscheinlich noch eine Weile länger halten und unsere gegenwärtigen Debatten darüber, welche Kriege zu führen sind und warum, überschatten. Aber er kann nicht ewig halten. Irgendwann wird die Wahrheit herauskommen, wie sie es immer tut, und dann können wir damit beginnen, seinen monströsen Abkömmling, den nationalen Sicherheitsstaat, aufzulösen.

Justin Raimondo ist leitender Redakteur der pazifistischen amerikanischen Webseite Antiwar.com

Der in englischer Sprache erschienene Originalartikel (inklusive weiterer Verlinkungen): The 'Good' War - It wasn't so good

Übersetzung exklusiv für ef ins Deutsche: Robert Grözinger


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