17. November 2009

Der Sozialismus So alt wie die Menschheit

Leben oder Tod?

Der Sozialismus ist als Idee und praktiziertes System keineswegs, wie häufig geglaubt, ein Produkt der Neuzeit. Er wurde nicht von französischen Revolutionären entdeckt und dann von deutschen Philosophen in ein „wissenschaftliches, unfehlbares“ System gegossen. Diese und ähnliche Erforschungen übersehen, dass Marx und Engels einer uralten Idee lediglich ein zeitgemäßes „wissenschaftliches“ Mäntelchen umgehängt haben. Wie weit es um die „Wissenschaft“ bestellt war, hat ja die Oktoberrevolution gezeigt: Entgegen den Voraussagen und „Analysen“ von Marx und Engels fand die sozialistische Revolution nicht in einem entwickelten kapitalistischen Land, sondern in einer rückschrittlichen, fast noch gänzlich von der Agrarökonomie bestimmten Gesellschaft statt. Die Lehren des Sozialismus brodeln vor Widersprüchen, ihre Theorien stehen in ständigem Konflikt mit der Praxis, aber aufgrund eines starken Instinkts behindern diese Widersprüche die  unermüdliche Propaganda des Sozialismus nicht im Geringsten. Tatsächlich gibt es einen präzisen, eindeutigen Sozialismus überhaupt nicht, sondern nur vage rosige Vorstellungen von etwas Edlem und Gutem, von Gleichheit, kommunalen Eigentum und Gerechtigkeit, aus deren Verwirklichung dann sofortiges Wohlbefinden und eine funktionierende Gesellschaftsordnung entspringen wird. Warum ist diese Idee so zählebig? Warum haben ein Jahrhundert Arbeitslager und Massenmord, Gesellschaften, die von der Angst und den Organen der Staatssicherheit regiert wurden und werden, nicht ausgereicht, sie endgültig zu diskreditieren? Weil dieser Idee ein Instinkt, eine Erinnerung zugrunde liegt. Weil sie so alt ist wie die Menschheit!

Im Kommunistischen Manifest heißt es: „Die Theorie der Kommunisten kann in einer einzigen Forderung zusammengefasst werden: Abschaffung des Privateigentums.“ Und weiter: „Abschaffung der Familie ... Die Erziehung aller Kinder, von dem Moment an, da sie ohne die Fürsorge einer Mutter auskommen können, soll in Staatseinrichtungen und auf Staatskosten stattfinden.“ Vergleichen wir diese Ideen mit einigen Sätzen aus der Komödie Ecclesiazusae (Die Weibervolksversammlung) von  Aristophanes, geschrieben 392 vor Christus: „Ich schlage obligatorisches universales Gemeinschaftseigentum vor; vollständige ökonomische Gleichheit, um jene Risse zu füllen, die das Gesicht unserer Gesellschaft verunstalten. Keine Trennung mehr zwischen Reich und Arm... Wir werden dieselbe Kleidung tragen und dasselbe Essen teilen ... Ich werde Wände herausschlagen und die Stadt in einen großen glücklichen Haushalt umbauen...“ Auch in Platos „Republik“ begegnet uns eine seltsam uniforme Gesellschaft, geleitet von denen, die etwas gleicher sind als die Anderen und die im Sozialismus nie fehlen dürfen. Bei Plato heißen sie „Philosophen“, aber nennen wir sie einfach Menschheitsoptimierer. Die alten Griechen hatten da keine revolutionären, neuen Ideen entwickelt, sondern bei ihnen waren im Gegenteil die Erinnerungen noch frisch. Erinnerungen an untergegangene Reiche der Gleichheit im Dienst an einer lebendigen Gottheit. Merkwürdigerweise gibt es hier eine seltsame Übereinstimmung in der Mythologie des Sozialismus und der fast aller Religionen, also der Annahme eines paradiesischen Naturzustandes, eines goldenen Zeitalters vor dem Beginn der Geschichte. Ironischerweise ist dieses „goldene Zeitalter“ in den größeren und kleineren Reichen der Vorantike zu finden, in denen Menschen in Gesellschaften von zuvor nie gekannter Größe zu leben begannen. Gesellschaften, die nicht von einem Individual-, sondern einem Kollektivbewusstsein bestimmt wurden. Zivilisation ist die Entwicklung der Fähigkeit des Menschen, in Gemeinschaften relativ friedlich zusammenzuleben, in denen nicht mehr jeder jeden kennen kann. Der Weg von der Horde in die Stadt war in allen „vorgeschichtlichen“ Zivilisationen sehr ähnlich. Bis in die Architektur der Städte. Im Zweistromtal, „der Wiege der Zivilisation“, bei den Ägyptern, den Inkas und anderen. Im Zentrum immer die lebende Gottheit, umgeben von einer allmächtigen Verwaltung, die das Leben der Untertanen bis ins Kleinste regelte und deren Angehörige selber auch genauesten Vorschriften unterworfen waren. Diese Reiche hatten teilweise über Jahrtausende Bestand und verschwanden dann einfach, wie von einem geheimen Todeswunsch beseelt. So wie das Imperium der Inkas, mit einer Hauptstadt von 200.000 Einwohnern, bei der Begegnung mit ein paar hundert Spaniern kollabierte.

Vor ungefähr dreitausend Jahren, also zur Zeit der alten Griechen, begann die lange Entwicklung in Richtung eines Bewusstseins- und Wirtschaftsindividualismus. Davor hatte es kein Ich-Bewusstsein und auch kein Privateigentum im heutigen Sinn gegeben. Es ist dieses davor bestimmende Kollektivbewusstsein, aus dem die gemeinsame sozialistische Erinnerung unserer Gattung erwachsen ist. Das ist natürlich alles etwas vielschichtiger gelaufen, als in der Kürze eines Artikels darstellungsfähig. Aber die Ähnlichkeiten zwischen den uns bekannten Formationen der ägyptischen, mesopotamischen und südamerikanischen Großreiche und zeitgenössischen sozialistischen Modellen und Realitäten sind in der Tat frappierend. Ich empfehle zur Vertiefung einen Ausflug in das Monumentalwerk von Igor Schafarewitsch: „Das sozialistische Phänomen“. Und das bitte mit Julian Jaines: „Der Ursprung des Bewusstseins im Zusammenbruch des bikameralen Geistes“ abgleichen. Aus der Erinnerung an die Gleichförmigkeit und den „ewigen“ Bestand der Großreiche des Kollektivbewusstseins hat sich eine permanente Feindseligkeit gegen die Welt des „Sündenfalls“ gespeist. Die Welt, in der zwischen mein und dein getrennt wurde. Bis in die frühe Neuzeit haben Bewegungen durch Europa und Asien getobt, denen die Welt ein Gräuel war: unheilbar verdorben, ungerecht, sinnlos und nur zu dem Zweck existierend, „auf den Abfallhaufen der Geschichte“ geworfen zu werden. Diese Bewegungen, gnostischen dualistischen Ursprungs, aber später oft christlich häretischer Form, waren zu manchen Zeiten so mächtig, dass sie zu einer Bedrohung der gesamten abendländischen Welt wurden. Erst in den Zeiten der Aufklärung erlosch dieses religiös gespeiste Fieber, um in einen Fortschrittsglauben zu münden. Dieser Glaube an den Fortschritt ist aber ironischerweise die ausgebrannte säkularisierte Schlacke des messianischen Feuers der chiliastischen Bewegungen, die von einem tausendjährigen Reich Gottes auf Erden träumten und auch schon damals bereit waren, für ihren Traum zu morden und zu terrorisieren. Unter ihnen begegnet uns der Berufsrevolutionär zum ersten Mal, dieser sozialistische Hetzer und Agitator gegen eine Welt, in der das absolut Böse wahrgenommen wird. Und weil er eben die Kraft des absolut Guten verkörpert, ist ihm alles erlaubt, jede Niederträchtigkeit verwandelt sich in seinen Händen in ein Werk des absolut Guten. „Uns ist alles erlaubt“, ist ein wörtliches Zitat aus einer der frühen Publikationen der Tscheka, der Mutter des KGB, der Stasi, der Securitate und tausend anderen Organisationen der „inneren und äußeren Sicherheit“. Heute finden wir Leute mit einem solchen manichäischen Weltbild in Deutschland vorwiegend in der PDS und bei den Grünen, wo sie sich hinter den „nützlichen Idioten“ verschanzen. Aber in Form der politischen Korrektheit haben diese Kräfte schon die gesamten westlichen Gesellschaften infiziert. Die politische Korrektheit ist die zeitgenössische Manifestation eines Narrativs, eines Erzählmusters zur Welterklärung, welches die Begründung des Handelns der ewig Linken durch die gesamte Menschheitsgeschichte ist. Das Narrativ in Kurzform: Der Täter ist immer auch ein Opfer der Verhältnisse. Wenn wir die Verhältnisse ändern, gibt es auch keine Täter mehr. Diebstahl ist nur möglich, weil es Eigentum gibt. Wenn wir das Eigentum abschaffen, gibt es auch keinen Diebstahl mehr. Über dieses Narrativ möchten sie uns aus einem unbewussten goldenen Zeitalter in ein Bewusstes führen und alles was dazwischen lag verschrotten und vergessen. Aber das goldene Zeitalter gibt es nur ohne Bewusstsein, ohne Komplexität, das heißt für Idioten. Doch entwickeln wir uns nicht in idiokratische Gesellschaften, in denen die Komplexität des Bewusstseins, vermittelt über die Komplexität von Sprache und Schriftkultur, von Generation zu Generation abnimmt?

Fritz M. Heichelheim äußert in seinem Werk „An Ancient Economic History“ die Vermutung, dass die gegenwärtige Periode der Geschichte, die über dreitausend Jahre gedauert hat, zu einem Ende kommt. Sie hatte ihre Anfänge in der Eisenzeit, als Tendenzen, die in der freien Entfaltung der Persönlichkeit verwurzelt waren, zur Entwicklung der geistigen und kulturellen Werte führten, auf denen unser zeitgenössisches Leben beruht. Er schreibt: „Es ist durchaus möglich, dass die staatlichen Wirtschaftssteuerungen der letzten Jahrzehnte, die durch immanente Tendenzen unseres spätkapitalistischen Zeitalters erzeugt wurden, das Ende und den Abschluss einer langen Entwicklung in Richtung auf den Wirtschaftsindividualismus bedeuten, und die Anfänge einer neuartigen Organisation der Arbeit darstellen, die den alten, östlichen Modellen von vor fünftausend Jahren näher ist als den Idealen, deren Fundamente zu Anfang der Eisenzeit gelegt wurden.“ 

Aber ich denke, wir haben eine Wahl. Eine Wahl, die uns Igor Schafarewitsch im Folgenden vor Augen führt: „Das Verständnis des Sozialismus als eine der Erscheinungsformen der Faszination des Todes, erklärt dessen Feindseligkeit gegenüber der Individualität, seinen Wunsch, jene Kräfte zu zerstören, welche die menschliche Persönlichkeit unterstützen und stärken: Religion, Kultur, Familie, individuelles Eigentum. Dies ist im Einklang mit der Tendenz, den Menschen auf das Niveau eines Rädchens im staatlichen Mechanismus zu reduzieren. Es gibt vor allem die langjährige Erfahrung Russlands, deren Bedeutung wir erst jetzt beginnen zu verstehen. Die Frage ist: Wird diese Erfahrung ausreichend sein? Reicht sie für die ganze Welt und vor allem für den Westen? Reicht sie für Russland? Sind wir in der Lage, ihre Bedeutung zu verstehen? Oder ist es der Menschheit bestimmt, diese Erfahrung in einem unvergleichlich größerem Umfang zu machen? Es gibt keinen Zweifel daran, dass, wenn die Ideale der (sozialistischen) Utopie universell realisiert sind, die Menschheit, auch in der Kaserne der universellen Stadt der Sonne, die Kraft finden wird, ihre Freiheit wiederzuerlangen und Gottes Bild und Gleichnis – die Individualität des Menschen – zu erhalten, sobald sie einen Blick in den Abgrund geworfen hat. Aber wird dann wenigstens diese Erfahrung ausreichend sein? Es scheint so, dass die Freiheit die dem Menschen und der Menschheit gewährt wird, absolut ist, dass sie die Freiheit, die ultimative Wahl zu treffen, umfasst – die zwischen Leben und Tod.“

Internet

Igor Schafarewitch: „Das sozialistische Phänomen“ (in englischer Sprache)

Julian Jaines: „Der Ursprung des Bewusstseins im Zusammenbruch des bikameralen Geistes“


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