Thomas Fink

Jahrgang 1954, Publizist.

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Der Sozialismus: So alt wie die Menschheit

von Thomas Fink

Leben oder Tod?

Der Sozialismus ist als Idee und praktiziertes System keineswegs, wie häufig geglaubt, ein Produkt der Neuzeit. Er wurde nicht von französischen Revolutionären entdeckt und dann von deutschen Philosophen in ein „wissenschaftliches, unfehlbares“ System gegossen. Diese und ähnliche Erforschungen übersehen, dass Marx und Engels einer uralten Idee lediglich ein zeitgemäßes „wissenschaftliches“ Mäntelchen umgehängt haben. Wie weit es um die „Wissenschaft“ bestellt war, hat ja die Oktoberrevolution gezeigt: Entgegen den Voraussagen und „Analysen“ von Marx und Engels fand die sozialistische Revolution nicht in einem entwickelten kapitalistischen Land, sondern in einer rückschrittlichen, fast noch gänzlich von der Agrarökonomie bestimmten Gesellschaft statt. Die Lehren des Sozialismus brodeln vor Widersprüchen, ihre Theorien stehen in ständigem Konflikt mit der Praxis, aber aufgrund eines starken Instinkts behindern diese Widersprüche die  unermüdliche Propaganda des Sozialismus nicht im Geringsten. Tatsächlich gibt es einen präzisen, eindeutigen Sozialismus überhaupt nicht, sondern nur vage rosige Vorstellungen von etwas Edlem und Gutem, von Gleichheit, kommunalen Eigentum und Gerechtigkeit, aus deren Verwirklichung dann sofortiges Wohlbefinden und eine funktionierende Gesellschaftsordnung entspringen wird. Warum ist diese Idee so zählebig? Warum haben ein Jahrhundert Arbeitslager und Massenmord, Gesellschaften, die von der Angst und den Organen der Staatssicherheit regiert wurden und werden, nicht ausgereicht, sie endgültig zu diskreditieren? Weil dieser Idee ein Instinkt, eine Erinnerung zugrunde liegt. Weil sie so alt ist wie die Menschheit!

Im Kommunistischen Manifest heißt es: „Die Theorie der Kommunisten kann in einer einzigen Forderung zusammengefasst werden: Abschaffung des Privateigentums.“ Und weiter: „Abschaffung der Familie ... Die Erziehung aller Kinder, von dem Moment an, da sie ohne die Fürsorge einer Mutter auskommen können, soll in Staatseinrichtungen und auf Staatskosten stattfinden.“ Vergleichen wir diese Ideen mit einigen Sätzen aus der Komödie Ecclesiazusae (Die Weibervolksversammlung) von  Aristophanes, geschrieben 392 vor Christus: „Ich schlage obligatorisches universales Gemeinschaftseigentum vor; vollständige ökonomische Gleichheit, um jene Risse zu füllen, die das Gesicht unserer Gesellschaft verunstalten. Keine Trennung mehr zwischen Reich und Arm... Wir werden dieselbe Kleidung tragen und dasselbe Essen teilen ... Ich werde Wände herausschlagen und die Stadt in einen großen glücklichen Haushalt umbauen...“ Auch in Platos „Republik“ begegnet uns eine seltsam uniforme Gesellschaft, geleitet von denen, die etwas gleicher sind als die Anderen und die im Sozialismus nie fehlen dürfen. Bei Plato heißen sie „Philosophen“, aber nennen wir sie einfach Menschheitsoptimierer. Die alten Griechen hatten da keine revolutionären, neuen Ideen entwickelt, sondern bei ihnen waren im Gegenteil die Erinnerungen noch frisch. Erinnerungen an untergegangene Reiche der Gleichheit im Dienst an einer lebendigen Gottheit. Merkwürdigerweise gibt es hier eine seltsame Übereinstimmung in der Mythologie des Sozialismus und der fast aller Religionen, also der Annahme eines paradiesischen Naturzustandes, eines goldenen Zeitalters vor dem Beginn der Geschichte. Ironischerweise ist dieses „goldene Zeitalter“ in den größeren und kleineren Reichen der Vorantike zu finden, in denen Menschen in Gesellschaften von zuvor nie gekannter Größe zu leben begannen. Gesellschaften, die nicht von einem Individual-, sondern einem Kollektivbewusstsein bestimmt wurden. Zivilisation ist die Entwicklung der Fähigkeit des Menschen, in Gemeinschaften relativ friedlich zusammenzuleben, in denen nicht mehr jeder jeden kennen kann. Der Weg von der Horde in die Stadt war in allen „vorgeschichtlichen“ Zivilisationen sehr ähnlich. Bis in die Architektur der Städte. Im Zweistromtal, „der Wiege der Zivilisation“, bei den Ägyptern, den Inkas und anderen. Im Zentrum immer die lebende Gottheit, umgeben von einer allmächtigen Verwaltung, die das Leben der Untertanen bis ins Kleinste regelte und deren Angehörige selber auch genauesten Vorschriften unterworfen waren. Diese Reiche hatten teilweise über Jahrtausende Bestand und verschwanden dann einfach, wie von einem geheimen Todeswunsch beseelt. So wie das Imperium der Inkas, mit einer Hauptstadt von 200.000 Einwohnern, bei der Begegnung mit ein paar hundert Spaniern kollabierte.

Vor ungefähr dreitausend Jahren, also zur Zeit der alten Griechen, begann die lange Entwicklung in Richtung eines Bewusstseins- und Wirtschaftsindividualismus. Davor hatte es kein Ich-Bewusstsein und auch kein Privateigentum im heutigen Sinn gegeben. Es ist dieses davor bestimmende Kollektivbewusstsein, aus dem die gemeinsame sozialistische Erinnerung unserer Gattung erwachsen ist. Das ist natürlich alles etwas vielschichtiger gelaufen, als in der Kürze eines Artikels darstellungsfähig. Aber die Ähnlichkeiten zwischen den uns bekannten Formationen der ägyptischen, mesopotamischen und südamerikanischen Großreiche und zeitgenössischen sozialistischen Modellen und Realitäten sind in der Tat frappierend. Ich empfehle zur Vertiefung einen Ausflug in das Monumentalwerk von Igor Schafarewitsch: „Das sozialistische Phänomen“. Und das bitte mit Julian Jaines: „Der Ursprung des Bewusstseins im Zusammenbruch des bikameralen Geistes“ abgleichen. Aus der Erinnerung an die Gleichförmigkeit und den „ewigen“ Bestand der Großreiche des Kollektivbewusstseins hat sich eine permanente Feindseligkeit gegen die Welt des „Sündenfalls“ gespeist. Die Welt, in der zwischen mein und dein getrennt wurde. Bis in die frühe Neuzeit haben Bewegungen durch Europa und Asien getobt, denen die Welt ein Gräuel war: unheilbar verdorben, ungerecht, sinnlos und nur zu dem Zweck existierend, „auf den Abfallhaufen der Geschichte“ geworfen zu werden. Diese Bewegungen, gnostischen dualistischen Ursprungs, aber später oft christlich häretischer Form, waren zu manchen Zeiten so mächtig, dass sie zu einer Bedrohung der gesamten abendländischen Welt wurden. Erst in den Zeiten der Aufklärung erlosch dieses religiös gespeiste Fieber, um in einen Fortschrittsglauben zu münden. Dieser Glaube an den Fortschritt ist aber ironischerweise die ausgebrannte säkularisierte Schlacke des messianischen Feuers der chiliastischen Bewegungen, die von einem tausendjährigen Reich Gottes auf Erden träumten und auch schon damals bereit waren, für ihren Traum zu morden und zu terrorisieren. Unter ihnen begegnet uns der Berufsrevolutionär zum ersten Mal, dieser sozialistische Hetzer und Agitator gegen eine Welt, in der das absolut Böse wahrgenommen wird. Und weil er eben die Kraft des absolut Guten verkörpert, ist ihm alles erlaubt, jede Niederträchtigkeit verwandelt sich in seinen Händen in ein Werk des absolut Guten. „Uns ist alles erlaubt“, ist ein wörtliches Zitat aus einer der frühen Publikationen der Tscheka, der Mutter des KGB, der Stasi, der Securitate und tausend anderen Organisationen der „inneren und äußeren Sicherheit“. Heute finden wir Leute mit einem solchen manichäischen Weltbild in Deutschland vorwiegend in der PDS und bei den Grünen, wo sie sich hinter den „nützlichen Idioten“ verschanzen. Aber in Form der politischen Korrektheit haben diese Kräfte schon die gesamten westlichen Gesellschaften infiziert. Die politische Korrektheit ist die zeitgenössische Manifestation eines Narrativs, eines Erzählmusters zur Welterklärung, welches die Begründung des Handelns der ewig Linken durch die gesamte Menschheitsgeschichte ist. Das Narrativ in Kurzform: Der Täter ist immer auch ein Opfer der Verhältnisse. Wenn wir die Verhältnisse ändern, gibt es auch keine Täter mehr. Diebstahl ist nur möglich, weil es Eigentum gibt. Wenn wir das Eigentum abschaffen, gibt es auch keinen Diebstahl mehr. Über dieses Narrativ möchten sie uns aus einem unbewussten goldenen Zeitalter in ein Bewusstes führen und alles was dazwischen lag verschrotten und vergessen. Aber das goldene Zeitalter gibt es nur ohne Bewusstsein, ohne Komplexität, das heißt für Idioten. Doch entwickeln wir uns nicht in idiokratische Gesellschaften, in denen die Komplexität des Bewusstseins, vermittelt über die Komplexität von Sprache und Schriftkultur, von Generation zu Generation abnimmt?

Fritz M. Heichelheim äußert in seinem Werk „An Ancient Economic History“ die Vermutung, dass die gegenwärtige Periode der Geschichte, die über dreitausend Jahre gedauert hat, zu einem Ende kommt. Sie hatte ihre Anfänge in der Eisenzeit, als Tendenzen, die in der freien Entfaltung der Persönlichkeit verwurzelt waren, zur Entwicklung der geistigen und kulturellen Werte führten, auf denen unser zeitgenössisches Leben beruht. Er schreibt: „Es ist durchaus möglich, dass die staatlichen Wirtschaftssteuerungen der letzten Jahrzehnte, die durch immanente Tendenzen unseres spätkapitalistischen Zeitalters erzeugt wurden, das Ende und den Abschluss einer langen Entwicklung in Richtung auf den Wirtschaftsindividualismus bedeuten, und die Anfänge einer neuartigen Organisation der Arbeit darstellen, die den alten, östlichen Modellen von vor fünftausend Jahren näher ist als den Idealen, deren Fundamente zu Anfang der Eisenzeit gelegt wurden.“ 

Aber ich denke, wir haben eine Wahl. Eine Wahl, die uns Igor Schafarewitsch im Folgenden vor Augen führt: „Das Verständnis des Sozialismus als eine der Erscheinungsformen der Faszination des Todes, erklärt dessen Feindseligkeit gegenüber der Individualität, seinen Wunsch, jene Kräfte zu zerstören, welche die menschliche Persönlichkeit unterstützen und stärken: Religion, Kultur, Familie, individuelles Eigentum. Dies ist im Einklang mit der Tendenz, den Menschen auf das Niveau eines Rädchens im staatlichen Mechanismus zu reduzieren. Es gibt vor allem die langjährige Erfahrung Russlands, deren Bedeutung wir erst jetzt beginnen zu verstehen. Die Frage ist: Wird diese Erfahrung ausreichend sein? Reicht sie für die ganze Welt und vor allem für den Westen? Reicht sie für Russland? Sind wir in der Lage, ihre Bedeutung zu verstehen? Oder ist es der Menschheit bestimmt, diese Erfahrung in einem unvergleichlich größerem Umfang zu machen? Es gibt keinen Zweifel daran, dass, wenn die Ideale der (sozialistischen) Utopie universell realisiert sind, die Menschheit, auch in der Kaserne der universellen Stadt der Sonne, die Kraft finden wird, ihre Freiheit wiederzuerlangen und Gottes Bild und Gleichnis – die Individualität des Menschen – zu erhalten, sobald sie einen Blick in den Abgrund geworfen hat. Aber wird dann wenigstens diese Erfahrung ausreichend sein? Es scheint so, dass die Freiheit die dem Menschen und der Menschheit gewährt wird, absolut ist, dass sie die Freiheit, die ultimative Wahl zu treffen, umfasst – die zwischen Leben und Tod.“

Internet

Igor Schafarewitch: „Das sozialistische Phänomen“ (in englischer Sprache)

Julian Jaines: „Der Ursprung des Bewusstseins im Zusammenbruch des bikameralen Geistes“

17. November 2009

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Kommentare

Thoringi , am 17. November 2009 um 14:24 ( Link )

antikes Sparta in Lakonien = Kinder in staatlicher Obhut ab dem 7. Lebensjahr mit militärischer Frühausbildung oder Freiheit? Schon die Alten Griechen kannten verschiedene Rezepte.

Stefan Miller, am 17. November 2009 um 14:58 ( Link )

Author scheint vom Julian Jaynes Buch sehr beeindruckt zu sein. Verhaltensanalysen lassen sich nur auf lebenden Objekten durchführen, daher lassen sich Jaynes Theorien nicht wirklich überprüfen.
Seine umstrittene "Rekonstruktion des Bewußtseins" ist soweit hergeholt, wie die Versuche des Authors einen pre-marxistischen Sozialismus herbeizusehen.
Ohne echte "classical education" und Griechisch und Latein-Kenntnisse kann der Author nur auf neuzeitliche Übersetzungen alter Texte zurückgreifen. Das verführt zu unberechtigten Analogien.
Zur Zeiten von Aristophanes hatten nur wenige Männer, etwa 30% in der Gemeinschaft überhaupt das Wahlrecht. Die Idee, daß Frauen die Macht ergreifen könnten mußte für diese außerwählte Minderheit sehr erheiternd gewesen sein. Das und anderes aus alten Kulturen mit Sozialismus zu vergleichen kann man nur als Ignoranz bezeichnen.

Thomas Fink, am 17. November 2009 um 15:46 ( Link )

Author scheint vom Julian Jaynes Buch sehr beeindruckt zu sein. Verhaltensanalysen lassen sich nur auf lebenden Objekten durchführen, daher lassen sich Jaynes Theorien nicht wirklich überprüfen.

Autor ist tatsächlich sehr beindruckt. Autor hat als lebendes Subjekt über 25 Jahre meditative und kontemplative Techniken im traditionellen asiatischen Stil praktiziert. Der Hier und Jetzt Geist, frei von diskursiven Gedanken, ist tatsächlich dem bikameralen Geist, wie von Jaines geschildert, verblüffend ähnlich und keineswegs soweit hergeholt, wie sie meinen. Das geht bis zum Hören der Stimmen. Autor steht dieser Tradition inzwischen aber kritisch gegenüber, da dieser Geist, anders als von den asiatischen Meistern behauptet, vollständig ohne Mitgefühl auskommen kann. Es ist trotzdem für den Autor, aufgrund seiner Erlebnisse mit lebenden Subjekten dieser Tradition, völlig unzweifelhaft, das es vor und unter dem Ich-Bewußtsein ein anderes gibt und gegeben hat; und das Kulturen, die einen Hier und Jetzt bzw. bikameralen Geist zur Grundlage hatten, trotz aller Hierarchisierung von einer Gleichförmigkeit durchdrungen waren, welche deutliche sozialistische Anklänge hat.

Stefan Miller, am 17. November 2009 um 16:03 ( Link )

Jaynes hat es vermutlich genauso gemacht, nur was hat das alles mit Aristophanes und Sozialismus zu tun?
Waren vielleicht irgendwelche Substanzen im Spiel? Berauschende Substanzen?
Was für eine Riesenzeitverschwendung. 25 Jahre. Da waren Sie gerade 30. Keine Freundin gehabt?
Sorry.
Was ist hier überhaupt los? Ein liberales Forum wird von Spinnern und religiösen Fanatikern überflutet?
Es war mal so schön anspruchsvoll hier.

Thomas Fink, am 17. November 2009 um 16:18 ( Link )

Was für eine Riesenzeitverschwendung. 25 Jahre. Da waren Sie gerade 30. Keine Freundin gehabt?

Ich war wesentlich jünger. Nette Frauen habe ich dort auch kennengelernt. Ob das eine Zeitverschwendung war, können Sie überhaupt nicht beurteilen. Ansonsten dürfen Sie gerne weiter alles mögliche vermuten und beklagen.

Gerald Weyershausen, am 17. November 2009 um 16:35 ( Link )

Der Sozialismus - ein Atavismus - ist in seinem Kern eine Ideologie des Neides, der Versuch, die Mißgunst des Pöbels hoffähig zu machen und ihr eine akzeptierte gesellschaftliche Organisationsform zu verschaffen.

Tobias , am 17. November 2009 um 16:46 ( Link )

Mir hat Ihr Artikel gefallen, Herr Fink, auch wenn/weil ich hier offensichtlich nicht über die Hintergründe von Herrn Miller verfüge. Mein Griechisch ist nicht vorhanden und das Lateinische rostet ein.

Über die persönliche Lebensplanung des Autors urteile ich nicht öffentlich, auch wenn Herr Fink sie als Grundlage seiner Analysen preist.

Die fehlende moralische Komponente dieses beschriebenen Geistes meine ich aber zu kennen: Sie ist es, die z.B. Wernher von Braun "moralfrei" handeln ließ und ihn nur auf ein Ziel (Verlassen des Planeten mittels Raketenantrieb, Erreichen einer neuen Stufe der Menschheit) fokussierte.

Stefan Gruber, am 17. November 2009 um 16:58 ( Link )

Absolut genialer Artikel. Die Erkenntnis, dass der Eigentumsgedanken erst mit dem Reifen des Ich-Bewusstseins einhergeht und daher nur die bikamerale (d.h.existenzunbewusste) Psyche den Sozialismus verwirklichen kann, zeugt von tiefer Weisheit.

Edgar L. Gärtner, am 17. November 2009 um 18:13 ( Link )

Ich finde den Artikel auch toll. Ähnlich habe ich schon vor mehreren Jahren argumentiert: http://www.gaertner-online.de/diplomatie/index.html, d.h. ich war zumindest auf dem richtigen Weg. Aber ich kannte damals nicht die von Thomas Fink zitierten Bücher. Es ist leider so, dass auch heute noch den meisten Menschen Bürokratie und Sozialismus als "natürlich" erscheinen, Privateigentum und Markt jedoch als "künstlich." Der Markt ist eine Kulturaufgabe.

Stefan Miller, am 17. November 2009 um 20:10 ( Link )

ich finde es toll, wie sich hier auf einmal alle möchtegern Philosophen gegenseitig Zucker in den Hintern pusten.
Als ob ich den Schläfer schaue: "Das ist Hunderwasser! Nein, das ist viel stärker, das ist Tausendwasser."

Was ist denn so toll daran das Bewußtsein von Menschen zu analysieren, die es seit tausenden von Jahren nicht mehr gibt? Wie kann man ernsthaft das sozialistische Experiment, was viele noch selbst schmerzhaft in Erinnerung haben, mit der griechischen Polis in Verbindung bringen? Die Polis war eine Stammesgemeinschaft und aktives Wahlrecht hatte nicht mal ein fünftel der Menschen dort.

"die Ähnlichkeiten zwischen den uns bekannten Formationen der ägyptischen, mesopotamischen und südamerikanischen Großreiche und zeitgenössischen sozialistischen Modellen und Realitäten sind in der Tat frappierend"
Ja welche Formationen sind Ihnen denn bekannt Herr Fink und was haben diese gemeinsam?
Ähnlich oberflächlich ist der ganze Beitrag.

Neutrino, am 17. November 2009 um 20:20 ( Link )

Anstatt auf die Inka abzustellen (die eine sehr streng hierarchische Gesellschaftsordnung pflegten) hätte ich eher die Sumerer oder Akkader als Vergleichsbasis erwartet.

Dort nämlich gab es praktisch über die gesamte Zeit ihrer Hochkultur (ca. 3000 bis 2000 v.Chr.) eine zentralistische Wirtschaft.
Die Bauern ernteten damals nämlich nicht auf eigene Rechnung, sondern mussten ihre gesamten Erzeugnisse an den Staat abführen. Diese wurden dann in einem großen Lager der gleichzeitig auch Tempel war aufbewahrt und über's Jahr hinweg wieder in Rationen an die Bevölkerung verteilt. So konnte man damals zumindest Trockenperioden besser überwinden. Dadurch wurde übringens auch bereits Verwaltung nötig, für welche die ersten Schriftzeichen erfunden wurden.

Dennoch zeigt dieses Beispiel genauso wie ihre Beispiele, dass Gleichheit und Sozialismus nicht gleichzusetzen sind.
Die Gleichheit hat sicherlich mindestens eine ebenso lange Geschichte wie die Freiheit. Aber der Sozialismus mit all seiner ideologischen Überbelastung entstand erst im 19 Jhr. Erst von da an wurde die sozialistische Ordnung zum Selbstzweck, ja zur Glaubensrichtung.
Vorher so scheint mir, war Gleichheit eher noch ein Mittel zum Zweck, nämlich dem Zwecke eine bessere Welt zu schaffen.
Dass jedoch für diese bessere Welt gespitzelt, propagiert,intrigiert, eingesperrt, gefoltert und ganze Volksgruppen getötet wurden, das kam erst mit dem Sozialismus.

dickbrettbohrer, am 18. November 2009 um 5:43 ( Link )

Herr Gärtner, mein Englisch war schon einmal besser. Um einen gehaltvollen Text wirklich zu verstehen, bin ich nicht genug trainiert - das Lesen dauert ewig und drei Tage. Haben Sie den Text nicht auch auf Deutsch?

Schon vor vielen Jahren, als ich noch weit davon entfernt war, mich mit freiheitlichen und sozialphilosophischen Themen zu befassen, schoß es mir bei gewissen Gelegenheiten in den Kopf: Linke sind doof! Der Gedanke beunruhigte mich, denn eigentlich konnte das ja nicht sein. Und die Diskriminierung von Menschengruppen ist auch nicht meine Sache. Doch immer wieder quälte mich derselbe Gedanke, wenn ich, wie das aufgrund meines Berufs häufig der Fall war, persönlichen Umgang mit Linken pflegte. (Die müssen doch doof sein!)
Heut wird mir klar, daß sie zumindest nicht die Kraft besitzen, dem Leben mit seinen Chancen und Gefahren ins Auge zu blicken. Es scheint mir ein gewisses Stadium der geistigen Reife erreicht werden zu müssen, um frei sein zu wollen und ... zu können. Ich vermute, Linke haben womöglich unterbewußte Existenzängste. Ein ängstlicher Mensch sucht Rettung in der Gruppe und findet Halt an rigiden Gruppenregeln. Nur wenn alle gleich und alle für jeden da sind, ist das Leben auszuhalten.

Thomas Fink, am 18. November 2009 um 7:15 ( Link )

Wie kann man ernsthaft das sozialistische Experiment, was viele noch selbst schmerzhaft in Erinnerung haben, mit der griechischen Polis in Verbindung bringen?

Igor Schafarewitsch hat sein Buch geschrieben, als er noch inmitten dieses sozialistischen Experiments lebte.Soweit ich erkennen kann, hatte er eine ziemlich umfassende Bildung. Lesen Sie es doch mal. Leider nicht in griechisch erhältlich. Dafür im Internet for free in der bubble gum Sprache.

Thomas Fink, am 18. November 2009 um 8:47 ( Link )

Noch eine Bemerkung: es ist mir schon aufgefallen, das es auch in konservativen Kreisen nicht unbedingt gut ankommt, einige der Klassiker unter Sozialismusverdacht zu stellen, da eben diese Klassiker auch von eben diesen Konservativen staatstheoretisch und praktisch verwurstet werden. Es scheint eine spezifisch amerikanische konservative Variante zu sein, den Staat unter Generalverdacht zu stellen und als vielleicht notwendig aber immer auch als Übel zu begreifen, gegen dessen immanente Tendenz sich auszuweiten und sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angehen, man immer gewappnet sein muß.
Der amerikanische, libertäre Konservative, mit der Waffe in der Hand, ist auch dem preußischen oder dem englischen Nanny Staat Konservativen ein Gräuel.
Und James: ich habe es lieber geschüttelt als gerührt oder umgekehrt. Es ist wirklich schade, daß bei den vielen Umsetzungen des Sozialismus niemand auf Sie gehört hat.

bernd_lessing, am 18. November 2009 um 14:17 ( Link )

@Thomas Fink:

In weiten Teilen zunächst Zustimmung zu Ihrem Artikel. Den Sozialismus auf die marxistische Variante zu verkürzen, ist vorschnell und naiv. Auch das "spirituelle" Element des Sozialismus herauszuarbeiten, ist gut und wichtig, weil essentiell zum Verständnis für die Faszination, die er - trotz hinreichend abschreckender Beispiele - noch immer auf viele Menschen ausübt.

Der moderne Sozialismus mag psychologisch auf die Sehnsucht nach einem ursprünglichen Kollektivismus, die "Geborgenheit in der Horde" zurückzuführen sein - und insofern die Unsicherheit widerspiegeln, den Individualismus und Freiheit mit sich bringen. ABER: Sämtliche "modernen Implementierungen" des Sozialismus appelieren zwar an diese Sehnsucht und machen sie sich zunutze, sie sind aber grundsätzlich nicht in der Lage, diese Sehnsucht zu erfüllen. Die Gründe dafür sind vielfältigst: Was sich auf Ebene der Horde "kuschelig" anfühlte, muss auf Ebene eines Staates zwangsläufig kalt und unpersönlich sein. Sozialismus ist mit Wohlstand und Freiheit unvereinbar - und in gewissem Maße sehnen sich die Menschen nun mal eben nicht nur nach der Geborgenheit der Frühzeit, sondern eben auch diesen beiden "modernen" Errungenschaften.

Noch kurz eine Bemerkung zu Ihrem Kommentar:

"Es scheint eine spezifisch amerikanische konservative Variante zu sein, den Staat unter Generalverdacht zu stellen und als vielleicht notwendig aber immer auch als Übel zu begreifen, gegen dessen immanente Tendenz sich auszuweiten und sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angehen, man immer gewappnet sein muß."

Dass Sie diese Haltung besonders in den USA beobachten, sollte doch kein bisschen verwundern: Gerade dort sieht man doch, dass noch so freiheitliche Wurzeln und noch so hehre Versuche der Implementierung eines Minimalstaats über eine hinreichend lange Zeit hinweig eine klare, massive Tendenz zur Entartung in den Sozialismus zeigen!

Die USA der Unabhängigkeitserklärung waren ein Vorbild, die USA unserer Tage sind einfach nur eine besonders perfide Variante des Sozialismus!

LePenseur, am 18. November 2009 um 15:05 ( Link )

@Thomas Fink:
Ersetzen wir den Begriff "Sozialismus" einfach durch "Kollektivismus" bzw. "Etatismus" und wir können wieder — ganz Wonne und Waschtrog — zu streiten aufhören. Ich gebe aber zu, daß diese Lösung total unspannend ist, und den aufmüpfigen Charakter Ihres Textes doch einigermaßen zu No-Na-Trivialitäten einebnet.

Also streiten wir vielleicht doch besser weiter ...

Tobias , am 18. November 2009 um 18:01 ( Link )

Dear Mr. Bond,

erstmal möchte ich Sie herzlich willkommen heißen. Gebildete und eloquente Marxisten sind mir hier, bedauerlicher Weise, noch nicht begegnet.
Ich habe seit Jahren keinen Menschen gefunden, dessen kollektivistischen Überzeugungen nicht in wenigen Minuten desillusioniert werden konnten, oder der nicht so borniert gewesen wäre, dass er zu einer kritischen Diskussion (mit mir) geeignet gewesen wäre. Oder fehlte mir die geistige Offenheit? Sei es drum.

Ich kann Ihre Kritik an der libertären Debatte nachvollziehen und ertappe mich häufiger beim Stapfen im "Sumpf dumpfer Staatsfeindlichkeit und Verschwörungstheorien".
(Wobei das auch häufig einfach Spaß macht! Und außerdem wurde im Namen der Gemeinschaft/des Staates/der Klasse immer noch am effizientesten gemordet.)

Dennoch erscheint mir Ihre Argumentation, soweit ich sie verstehe ("Das Kapital" und das Manifest sind bei mir 15 Jahre her), noch nicht gänzlich nachvollziehbar.

Falls es Ihnen keine zu großen Umstände bereitet, wäre ich an einer allgemeineren Ausführungen Ihrer Überzeugungen sehr interessiert.
Möglicherweise würde ein von Ihnen empfohlener Essay (bei geringerem Zeitaufwand für Sie) zum gleichen Ziel führen.

Ich frage mich: Wie unterscheidet sich Ihre gesellschaftliche Utopie von den vielen gescheiterten Versuchen des vergangenen Jahrhunderts? Warum sollte ich den Ideen eines Mannes folgen, der zur Legitimation für Millionen Morde diente und dessen Kinder den Freitod wählten?
Idealisieren Sie Marx nicht möglicher Weise genauso, wie sie es H.H. Hoppe und "dem Libertären" bezüglich des freien Marktes vorwerfen?
Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Individuum und Gemeinschaft? Welcher Zwang darf von wem, wann angewandt werden? Welche Rolle spielt die Instrumentalisierung von Neid? Ist die Gleichheit, oder ein "neuer Mensch" das Ziel oder der Grund dieser/Ihrer Denkschule?

regards

Tobias

Viscount, am 19. November 2009 um 0:44 ( Link )

@Tobias / James Blond

Richtig ist, was Sie, Tobias, schreiben: Soweit ich sehen kann, ist die Linke und davon ausgehend der marxistische Gegenentwurf zu einer Gesellschaftsordnung intellektuell einfach nicht satisfaktionsfähig. Das liegt schlicht und ergreifend daran, daß »Das Kapital« niemals aktualisiert und auf die Höhe der Zeit befördert wurde - das schreibe ich übrigens als einer der wenigen, die vom Kapital bis zum Anti-Dühring das ganze Opus durch haben, sogar Zizek und den alten Zampano Negri, die an dieser Stelle im Grunde auch nicht mehr zuwege bringen als eine (latent antisemitisch konnotierte, da heute unter dem Etikett »anti-kapitalistisch« ) Spiritismusorgie.

Der Hintergrund des Marxismus resümiert sich in etwa so:
Noch bevor das Proletariat in eine Arbeiterklasse transformiert wurde, brauchte es keine 'Politische Ökonomie', weil es eine moralische Ökonomie besaß. Die geht in der Kurzversion so: Die Welt besitzt genug Güter für alle, denn nur Arbeitswert und Gebrauchswert sind die Quelle des Reichtums der Gesellschaft, und da eine Menge Individuen immer die gerade nötige Arbeitskraft incl. Gebrauchswert einzusetzen vermag, kann es von daher nie Mangel geben. Wenn Güter dann doch mal komischerweise knapp sind, dann liegt das daran, daß sie wegen der Habsucht und der Gier weniger knapp gemacht wurden.

Ist das erst hingeschrieben, ist die Sache im Grunde zu den Akten zu legen, denn dazu müßte man eine konzise Theorie des Arbeitswerts vorlegen—ein Unterfangen, das bis heute noch niemandem gelungen ist, auch wenn Sie, Herr Ökonom Blond, es noch so sehr behaupten.

Deswegen laufen Marxisten auch heute noch mit den Füßen auf einem Buch herum, ganz so, als hätte es die vergangenen 150 Jahre nie gegeben.

Zu allem Übel ist die marxistisch verfaßte Linke auch noch so bemerkenswert betriebsblind, daß sie in genau die Falle tappt, vor der sogar Marx ausdrücklich warnt: Den Staat. Den braucht jeder Marxist und jeder Linke. Was sich der alte Hegel noch als Entfaltung der Masse in den Rang eines Subjekts zusammenphantasierte (mit der grotesken Konsequenz, daß er schon damals den mächtig wirkenden Weltgeist in der Person des Preußenkönigs sich verkörpern sah und ein Ende der Geschichte witterte, bemerkenswert insofern, als es ein sehr früher Vorgriff auf Fukuyama gewesen sein mag), hieß bei Lasalle schon Volksstaat und war als solcher die Präfiguration des faschistischen Totalstaates. Seine Sedimente hat diese Denktradition bis in heutige Zeiten bewahrt, faselt doch uns Oskar nach wie vor von »Politik für alle«.

Wo allerdings der Staat-qua-Staat bejaht und befördert wird, dort wird, in marxistischem Zollstock gemessen, das »Kapitalverhältnis« als solches zementiert. Das hinwiederum ist ein so offenkundiger Selbstwiderspruch, den die Linken bis heute nicht aufgelöst haben. Mal sehen, vielleicht kommt da ja noch Erhellendes.

Was bliebe da noch zu sagen? Daß bei den Linken selbst die Sprache noch auf jenem bemerkenswerten abgemeierten Soziologensprech aus Frankfurter Asbestanbau-Tagen verblieben ist, das man mit guten Gründen schon vor 40 Jahren hätte aussterben lassen sollen? Das ist noch das geringste Problem.

LePenseur, am 19. November 2009 um 12:24 ( Link )

Right Honourable and Dear Viscount,

Köstlich! Einfach köstlich!

Danke!

Tobias , am 19. November 2009 um 14:58 ( Link )

Herzlichen Dank, Viscount!

barthel_berand, am 20. November 2009 um 10:16 ( Link )

@ James Blond,

beachtliche Fleißarbeit.

Ich will mich hier nicht näher einmischen, weil ich Sinnhaftigkeit dieser intellektuell sicherlich hochstehenden Diskussionen nicht greifen kann. Ich teile zwar die Neigung, die Welt verstehen zu wollen, bezweifele aber nachdrücklich, dass dies in einer derartigen Tiefe geschehen kann, die notwendig wäre, um daraus Handlungsempfehlungen für eine wie auch immer geartete Gesellschaftsform ableiten zu können. Dagegen spricht alleine schon das nicht zu lösende Problem der Emergenz. Daher kann nur Zukunftsoffenheit die Lösung sein; nicht Zwang.

Deutlich wurde mir diese meine Haltung insbesondere an Ihrem Satz:

Allerdings kann, wenn eine Bewegung vom Sein zum Sollen erfolgen soll, eine Institution wie der Staat nicht einfach nur verteufelt werden, sondern sie muß vielmehr aufgehoben werden in einer höheren Organisationsform.

Wenn Sie mich fragen: Es sollte keine Bewegung vom Sein zum Sollen erfolgen. Wer will sich anmaßen, genug zu wissen, um jemandem anderen raten oder gar vorschreiben zu können oder zu dürfen, was derjenige sollen soll?

Diese Haltung wird mir nie einleuchten. Ich bin Individualist. Bekennend. Und ja, ich bin auch Teil von Gemeinschaften, die ich mir freiwillig wähle.

Dem Individualisten wird gerne das "Prädikat" egoistisch angehängt. Das Gegenteil ist richtig. Individualismus drückt eine Haltung der Demut aus, weil er Faust und Sokrates zugleich ist. Alle diejenigen, die eine Bewegung von Sein zum Sollen propagieren, erliegen dagegen einer wie auch immer gelagerten Hybris.

BB

hoeppe, am 20. November 2009 um 11:14 ( Link )

Vater unser im Himmel, schau wie gekonnt die Gesellschaftsklempner hier ihre Ratlosigkeit dokumentieren – sie merken’s zwar nicht, aber sie tun dies zu deinem Gedächtnis.

dickbrettbohrer, am 20. November 2009 um 14:02 ( Link )

Danke, lieber BB. Ich schließe mich Ihnen an.

Thomas Fink, am 20. November 2009 um 14:55 ( Link )

Lieber James,
in der marxistischen Sphäre gibt es ja auch so einen Erleuchtungsstatus. In früheren Ausgaben von Konkret erschienen manchmal Leserbriefe von so einem, der diesen Status für sich beansprucht. Ich habe vergessen, wie dieser Status definiert wird, irgendetwas wie "auf der Höhe des dialektischen Prozesses" oder so. Ein wenig erinnern Sie mich an diesen Leserbriefschreiber. Wie auch immer, ich habe Ihre Kommentare in zwei Threads verfolgt. Alle Ihre Theorien in Ehren, das Menschenbild welches ihnen zugrunde liegt, ist ein völlig unrealistisches. Dieser Mensch, der bei Ihnen vom Sein ins Sollen springt, existiert nicht. Er ist eine Fiktion oder auch eine Projektion. Weil das so ist, mußten alle Marxisten, die die Gelegenheit hatten, ihre Theorien in die Praxis umzusetzen, letztendlich bei Folter, Mord und Arbeitslagern enden, bei ihrer Erschaffung des "neuen Menschen". Ich hoffe, das ihnen das erpart bleibt.

barthel_berand, am 20. November 2009 um 15:11 ( Link )

@ James Bond,

wie gesagt: ich woll mich nicht einmischen. Ich halte diese Diskussion schlicht für sinnlos.

Aber um nicht unhöflich zu erscheinen, eine kurze Entgegnung.

zu 1.) Die Welt verändert sich völlig unabhängig davon, ob ich eine Bewegung vom Sein zum Sollen annehme oder ablehne. "Meine" Welt entwickelt sich durch die Inangriffnahme und teilweise (Nicht-)Verwirklichung von Milliarden von Einzelplänen. Und dies durch freiwillige Interaktion; nicht aufgrund eines Plans, den sich irgenein hybrisgeplagter Gutmensch ausgedacht hat. Man muss Evolution auch zulassen wollen.

zu 2.) Ich muss hier gar nichts darlegen. Ich will auch niemandem meinen Individualismus aufzwingen. Ich bin kein Gesinnungsethiker Ihres Schlages. Ich bin Verantwortungsethiker. Ethik funktioniert nur in sehr kleinen Räumen, die Freiheit voraussetzen. Man kann sie niemandem per Gesinnung überstülpen. Das Ende der Freiheit ist auch das Ende einer jeden Moral und Ethik. "Meine" Welt ist eine Welt der Abwehrrechte, nicht eine Welt der Anspruchsrechte. Sie wollen durch einen übergeordneten Plan meinen Individualismus - meine Demut - einschränken. Die Beweislast, dass dabei eine bessere Welt herauskommt, liegt bei Ihnen, nicht bei mir.

zu 3.) Ich fordere (fast) nichts, ich wähle. Die einzige Forderung, die ich an andere Stelle, ist, mich in Ruhe zu lassen, wenn ich dies wünsche. Schlimm genug, dass man dies fordern muss. Solange eine Übereinkunft darin besteht, dass das (Selbst)Eigentum des Einzelnen respektiert wird - und damit seine Wahlmöglichkeit, was bei Ihrer Position offenbar nicht der Fall ist - ist eine der wichtigsten Voraussetzungen einer funktionierenden Gesellschaft schon erfüllt. Im übrigen gilt die Antwort zu 2.).

@ DBB

Ich weiß. ;)

BB

Thomas Fink, am 20. November 2009 um 18:49 ( Link )

Es ist ein etwas tragischer Zustand, kognitiv in zwanghaften Abstraktionen gefangen zu sein, unfähig, sich direkt und spontan damit zu beschäftigen, was die meisten Menschen traditionell als ihre psychosoziale Wirklichkeit erkennen; getrennt zu sein von der allgemeinen Erfahrung der Menschheit und stattdessen losgerissen auf der Oberfläche eines Funkelns zu treiben, einem seichten Ozean von Neuheiten, von denen keine jemals aufrichtig überzeugen oder befriedigen kann. Es ist diese Entfremdung von der Welt, die den Gnostiker und ewig Linken antreibt, die er auf die Menschheit projiziert und welche ihn daran hindert, eine stabile, durch emotionale Überzeugung untermauerte, Bedeutung des Lebens zu finden.

barthel_berand, am 21. November 2009 um 11:46 ( Link )

@ Thomas Fink

Schön formuliert.

@ James Blond

Ich habe keinen Plan. Zumindest keinen präzisen. Ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, wo die Reise hingehen soll. Mehr nicht. Der Mensch hat immer mehr Ziele als Mittel. Das macht die Planung sehr schwierig. Präferenzen ändern sich. Ich achte darauf, mir möglichst viele Freiheitsgrade zu erhalten, um flexibel bleiben und reagieren zu können. Mein Plan heißt somit Flexibilität und Offenheit. Meine bevorzugte Organisationsform hätte die Maxime der Subsidiarität.

Was Sie "Evolution" nennen stellt offenbar eine Art religiösen Glaubens dar, daß sich ganz von selbst schon irgendwie alles so einrichtet, daß eine Art der Freiheit entsteht.
Weil Sie aber diesen Koordinationsprozeß nicht erklären oder beschreiben, sondern nur naturwüchsig voraussetzen können, sehe ich in Ihrem Weltbild einen gehörigen Irratrionalismus walten.

Da musste ich jetzt doch schmunzeln. Was Sie als "Irrationalität" bezeichnen, ist die Anerkennung der Welt, wie sie ist. Die Welt ist nicht mechanisch; sie ist auch nicht mathematisch; daher kann sie auch nicht im strengen Sinne rational sein. Sie ist moralisch. Genauso wie die Märkte es sind.

Ich kann Ihnen nur dringend ans Herz legen, sich einmal mit dem Begriff der Emergenz auseinanderzusetzen. Haben Sie das verstanden, verlieren Sie Ihre Hybris.

Sie müssen Ihrer "Verantwortungsethik" also ein rationales Fundament geben und Ihre normativen Maßstäbe so offenlegen, daß sie universalisierbar sind.

Erschreckend, was ich immer alles muss.
Mein Fundament ist nicht rational; zumindest nicht in dem Sinn, wie Sie das verstehen. Mein Fundament ist die Ethik, die Moral. Meine letzten Rückzugspunkte sind "das Wahre, Gute und Schöne".

Meine Ethik stellt immer nur Forderungen an mich, niemals an andere. Würden alle so denken, bräuchten wir keine Gesetze. Dies wäre in meinem Sinne rational. Die Welt ist leider anders. Es gibt viele Schlechtgesellen. Denen muss man sich erwehren. Das macht die Welt so kompliziert.


Ihr "Selbsteigentum" stellt auch eine normative Setzung dar, die ich allerdings für hoch problematisch halte.
"Selbsteigentum" führt zu zahlreichen Paradoxien (z.B. in der Situation des möglichen Schwangerschaftsabbruchs) und stellt in letzter Instanz nur eine Ideologie des "Rechts des Stärkeren" und ungebremster Rücksichtslosigkeit dar, denn bei allgemeiner Ungleichheit wirkt ein solches System des "jeder soll selber schauen wo er bleibt" kumulativ verstärkend.

Boach ey, geht´s noch?
Wenn Ihnen Ihr Selbsteigentum Probleme bereitet, dann geben Sie es halt auf. Kommen Sie vorbei. Ihr Nasenring liegt schon bereit. Sie dürfen im Garten wohnen und ihn in Ordnung halten.

Ernsthaft.
Das Recht des Stärkeren ist so eine Formulierung, die offenbar vielen Probleme bereitet. Woher soll denn diese Stärke kommen? Der Stärkere ist immer derjenige, der die Wahl hat. Das ist i.d.R. der Nachfrager. Wenn Sie bei Aldi einkaufen, ist das Ihr gutes recht. Aber warum kaufen Sie nicht bei Lidl, Edeka, Rewe oder Netto? Weil Sie RÜCKSICHTSLOS Ihre Stärke als Konsument MISSBRAUCHEN. Sie herzloses Etwas. Sehen nur Ihren eigenen Vorteil! Lidl, Edeka, Rewe und Netto sind auch auf Sie angewiesen. Wie können Sie so unmenschlich sein, nur bei Aldi einzukaufen? Obwohl die Albrechts mehrfache Milliadäre sind? Widerlich.

Der Nachfrager ist der Stärkere. Und weil Sie ein Freund des Klassenkampfes sind: Auch der Arbeitgeber ist der Stärkere; weil er Arbeitskraft NACHFRAGT und weil es viele Anbieter gibt.

Sprache ist oft irreführend. "Arbeitgeber" hört sich so an, als sei damit ein Akt der Gnade verbunden. Man gibt großzügig Arbeit. Nein. Arbeitgeber fragen Arbeit nach, weil Sie sich davon einen Nutzen versprechen. Der ArbeitNEHMER ist der Anbieter auf diesem Markt; so wie Aldi auf einem anderen Markt der Anbieter ist. Hat Aldi von Ihnen schon einmal einen Mindestumsatz von 10 EUR verlangt, damit Sie den Laden überhaupt betreten dürfen? Absurde Vorstellung, oder?

Ich halte sehr viel von Selbsteigentum. Wem sollte ich sonst die Verfügungsgewalt über mich geben? Das führt aber keinesfalls zu Rücksichtlosigkeit. Diese Kausalität müssten Sie einmal darlegen.

Nur, damit Sie wissen, wie Menschen meines Schlages ticken:
Zu Zeiten des Jugoslawienkrieges hat meine Familie eine vierköpfige Familie aus Jugoslawien bei sich aufgenommen. Wir haben sie aus einem Flüchtlingslager zu uns geholt. Wildfremde Menschen. Das wurde sehr eng. Kleinkind, Mutter, Bruder, Oma. Für ca. anderthalb Jahre. Wir haben ihnen unsere Sprache beigebracht und ihnen Jobs vermittelt, bis sie auf eigenen Füßen stehen konnten.
Das konnten wir nur tun, weil wir uns selbst gehören und uns niemand, der einen Plan hat, vorschreibt, was wir zu tun haben. Ist das jetzt rücksichtlos gewesen? Das Recht des Stärkeren kann man auch so ausüben. Wir hatten die Wahl.
Verantwortungsethik.

Die Weltgegenden, wo ein solcher Zustand entstaatlichter Rechtlosigkeit bereits weitgehend verwirklicht ist, sind elende Verfallsprodukte in Afrika oder Afghanistan, wo meist regionale Warlords ihr "Selbsteigentum" mehren.

Selbsteigentum kann man nicht mehren. Absurde Vorstellung. Probleme entstehen, wenn man das Selbsteigentum anderer nicht achtet, wie Ihre Beispiele belegen. Und da es solche Schlechtgesellen gibt, kann es keine entstaatlichte Rechtlosigkeit geben. Da sind wir einig.

BB

hoeppe, am 21. November 2009 um 12:33 ( Link )

@BB

Probleme entstehen, wenn man das Selbsteigentum anderer nicht achtet,

Wenn mir diese Probleme zum Vorteil gereichen ist das ja in Ordnung, weil ihre Ethik nur Forderungen an Sie stellt, niemals an andere.

Ach nee…, da war ja dann irgendwo doch noch eine Forderung…

Die einzige Forderung, die ich an andere Stelle, ist, mich in Ruhe zu lassen

Aber egal…, wenn sich der Karren im dialektischen Diskurs erst mal im Dreck festgefahren hat, sollten wir uns, wie Thomas Fink, verstärkt in Prosa versuchen.

Steve_Standish, am 21. November 2009 um 13:28 ( Link )

Also James hat da schon einige wunde Punkte der libertären "Ethik" angesprochen.
Ich selbst habe an anderer Stelle gezeigt, wie die "Ethik" des "Selbsteigentums" selbst bei bestmöglicher Auslegung auf die Tolerenz gegenüber massenhaftem Kindesmord bis 5 Minuten vor der Geburt hinausläuft (streng genommen besteht aber auch danach totale Verantwortungslosigkeit).
Wenn barthel_berand von der libertären Ethik als "Verantwortungsethik" spricht, kann das nur ironisch gemeint sein, denn rein praktisch läuft sie auf nichts anderes hinaus als die Forderung, daß jeder schauen soll wo er bleibt und niemand irgendeine Art von Verantwortung hat (außer sich selbst gegenüber).
Auch ist der irrationale Glaube an einen gesellschaftlichen Koordinationsmechanismus, den kein Mensch irgendwie erklären kann - weil ja jeder nur nach sich selber schaut und die Vermittlung zwischen den Individuen der Willkür überstellt wird - , äußerst peinlich.

Ergo:

Die "libertäre Ethik" ist ein irrationales Torso, genauso wie ihr Gegenstück, der sozialistische Planungswahn.
Was als beste Alternative bleibt, ist eine liberale Demokratie mit gesunden, aber rechtlich geregelten Märkten im Sinne der "Freiburger Schule".

Es grüßt Sie alle

Steve

hoeppe, am 22. November 2009 um 4:01 ( Link )

Zu Zeiten des Jugoslawienkrieges hat meine Familie eine vierköpfige Familie aus Jugoslawien bei sich aufgenommen. Wir haben sie aus einem Flüchtlingslager zu uns geholt. Wildfremde Menschen. Das wurde sehr eng. Kleinkind, Mutter, Bruder, Oma. Für ca. anderthalb Jahre. Wir haben ihnen unsere Sprache beigebracht und ihnen Jobs vermittelt, bis sie auf eigenen Füßen stehen konnten.
Das konnten wir nur tun, weil wir uns selbst gehören und uns niemand, der einen Plan hat, vorschreibt, was wir zu tun haben.

Sie konnten es nur tun, weil Sie sich selbst gehören?? Also über diesen Vorfall würde ich doch noch mal etwa genauer nachdenken.

Derweil bezichtige ich Sie aufgrund dergleichen Aktivitäten der marktrelevanten Wettbewerbsverzerrung. Kann ja wohl nicht sein, dass Sie es der staatlichen Wohlfahrt gleich tun und sich zur unsichtbaren Hand aufspielen.

Sie sind offensichtlich vom Keim des sozialistischen Helfersyndroms befallen. Ich verordne Ihnen hiermit vor den Malzeiten morgens zwei Lektionen Adam Smith und abends ein Kapitel Mises.

Wenn barthel_berand von der libertären Ethik als "Verantwortungsethik" spricht, kann das nur ironisch gemeint sein

Nee…., hinter Ironie verbirgt sich immer besseres Wissen.

barthel_berand, am 22. November 2009 um 10:53 ( Link )

@ Steve

Wenn barthel_berand von der libertären Ethik als "Verantwortungsethik" spricht, kann das nur ironisch gemeint sein,...

Wo habe ich jemals von einer libertären Ethik gesprochen? Ich denke nicht in Schubladen. Ich habe die Angelegenheit aus meiner Sicht dargelegt. Mag sein, dass sich meine Sicht mit dem, was Sie als libertär bezeichnen, deckt. Dies ist mir allerdings zutiefst gleichgültig.

...denn rein praktisch läuft sie auf nichts anderes hinaus als die Forderung, daß jeder schauen soll wo er bleibt und niemand irgendeine Art von Verantwortung hat (außer sich selbst gegenüber).

Wo habe ich dass bitte geschrieben? Sie phantasieren.
Ich hatte James Blond bereits die Frage gestellt, wie er die Kausalität zwischen Selbsteigentum und Rücksichtlosigkeit herstellen will. Bislang hat er die Frage nicht beantwortet. Ich bitte Sie daher, dies zu übernehmen oder Ihr Vorurteil aufzugeben. Aber bitte dann genauso öffentlich, wie Ihre schlichte Behauptung, dies sei notwenigerweise so.
(Eigentlich dachte ich, durch mein Jugoslawienbeispiel dargelegt zu haben, dass diese Kausalität eben nicht besteht.)

Und als zweite Frage könnten Sie mir noch darlegen, wem gegenüber Sie sich verantwortlich fühlen.

@ hoeppe, dem Meister der Ironie

Nee…., hinter Ironie verbirgt sich immer besseres Wissen.

Das hat einen wahren Kern. Das Entscheidende ist, dass ich mein Wissen als Vermutungswissen verstehe. Dies, gepaart mit der Akzenpanz der prinzipiellen Fehlbarkeit der menschlichen Vernunft (insbesondere meiner eigenen), führt diese Einsicht unweigerlich zu dem Schluss, dass ich Sie und alle anderen nicht dazu zwinge, diese meine Meinung zu übernehmen. Sie dürfen dies tun. Das würde mich freuen. Sie müssen es aber nicht. Mein Vermutungs-Wissen bleibt für Sie folgenlos.

Das Vermutungs-Wissen unserer demokratisch legitimierten Dressurelite bleibt für mich - und uns alle - leider nicht folgenlos. Und diese Folgen sind zersetzender Natur. Das ist der Unterschied.

Und das ist bitter.

BB

hoeppe, am 23. November 2009 um 8:46 ( Link )

@barthel_berand

Und diese Folgen sind zersetzender Natur.

Zersetzung ist der Preis der Meinungsfreiheit.

barthel_berand, am 23. November 2009 um 11:50 ( Link )

@ hoeppe

Zersetzung ist der Preis der Meinungsfreiheit.

Falsch.

@ James Blond

Ich weiß wirklich nicht, wo ich bei Ihren phantasievollen Äußerungen und Unterstellungen ansetzen soll. Wie ich eingangs schon bermerkte, führt das Ganze zu nichts.

Letzte Chance. Konkrete Fragen - konkrete Antworten. Meine erste Frage nach der Kausalität zwischen Selbsteigentum und Rücksichtlosigkeit haben Sie ja leider nicht beantwortet. Merkwürdiger Diskussionsstil. Aber ich glaube weiterhin an das Gute im Menschen. Also noch ein paar Fragen:

"Die Welt" ist in der Tat nicht durchgehend "rational", wie auch der Mensch nicht. Da gebe ich Ihnen Recht.
Ihre Argumentation sollte es aber schon sein, denn wenn Sie hier nichts weiter hinkriegen als Glaubensäußerungen, die keinem vernünftigen Gedanken folgen, sind Sie ein Irrationalist oder einfach ein Mensch mit einem (quasi-)religiösen Glauben.

Ich glaube nicht an den Glauben.
1. Wenn Sie mir darin recht geben, dass es keine Rationalität gibt, wie sollte man da genau planen können?
2. Ist da nicht ein Widerspruch in Ihrer Argumentation?

So wie Sie diese Begriffe gebrauchen ist vollkommen unklar, wie dieser Kontext aussieht und wie v.a. die Koordination individueller Verhaltensäußerungen aussieht.

Ich weiß nicht, was an den Begriffen "Flexibilität" und "Offenheit" unklar sein soll. Irgenwie habe ich das Gefühl, Sie zerreden hier alles mutwillig. Die Zukunft ist prinzipiell unsicher, daher unplanbar und ergebnisoffen. Dies sollte dann folglich auch für jeden Kontext, und für jede Koordination gelten. Damit rede ich nicht dem Chaos das Wort. Natürlich muss jeder sich irgenwie mit anderen arrangieren, koordinieren. Diese Übereinkünfte sollten aber nicht zementiert sein, sondern in (un)regelmäßigen Abständen auf Zweckmäßigkeit hin überprüft werden.

3. Wollen Sie ernsthaft eine Koordinationsform festzurren, von der Sie gar nicht wissen, ob sie in ein paar Monaten /Jahren noch zur Welt passt, ob sie sich bewähren wird?

Im Übrigen sehe ich das Problem der Hybris bei Ihnen, denn Ihr Irrationalismus in Verbindung mit normativen Ansprüchen stellt m.E. die größtmögliche Hybris dar.

4. Welche normativen Ansprüche habe ich gestellt?

Die Möglichkeit, daß die "Evolution" diesen Weg nehmen könnte schneiden Sie selber ab, indem Sie der "Evolution" eine libertäre Bahn vorschreiben.

5. "libertäre Bahn vorschreiben". Ist das nicht ein Oxymoron?

Und wer bestimmt wie, was "das Wahre, Gute und Schöne" ist?
Sie allein?
Der Markt?

Schwierige und einfache Frage zugleich. Die Antwort füllt ganze Bücher.

Schönheit liegt sicherlich im Auge des Betrachters, ist also zutiefst subjektiv. Was Schönheit ist, muss folglich jeder selbst entscheiden.

Das Gute ist sicherlich leichter zu erkennen als zu bestimmen. Jeder hat so seinen innerern Kompass.
"Wer anderen Gutes tun will, muß es in den kleinen Dingen tun. Das Allgemeingut ist nur die Forderung des Schurken, des Heuchlers und des Schmeichlers." (William Blake)
Sie sollten dieses Zitat mehrmals lesen und sehr ernst nehmen.

Bei Wahren würde es zu zeitaufwändig. Vielleicht trifft es das hier am besten:
"Aber der Wahrheit näher zu kommen ist nicht leicht. Es gibt nur einen Weg, den Weg durch unsere Irrtümer. Nur aus unseren Irrtümern können wir lernen; und nur der wird lernen, der bereit ist, die Irrtümer anderer als Schritte zur Wahrheit zu schätzen; und der nach seinen eigenen Irrtümern sucht, um sich von ihnen zu befreien." (Popper)

Zurück zu Ihrer Frage, werter James: Nein, ich bestimme nicht, was das Wahre, Gute und Schöne ist. Wo kämen wir da hin? Das ist etwas, nach dem man stetig auf der Suche sein muss.

Offenbar stellen Sie auch Forderungen an mich, nämlich daß ich Ihre Ethik respektiere.

6. Wäre "Respekt" meiner Ethik wirklich zuviel verlangt?
7. Falls ´Ja´: Sind Sie klüger als ich?

Um das [Ihre Ethik respektieren] tun zu können, müßten Sie aber auch mal ein paar vernünftige Gründe anführen...

8. Muss ich wirklich begründen, warum ich nicht will, dass Sie mit mir machen, was Sie - oder wer auch immer - wollen?

Ich halte Ihre Position daher für eine gegenüber sich selbst vollkommen unkritische, vernunftlose Art moralischen Extremismus, der sich konsequent um die Folgen der eigenen Ansprüche drückt.

Sie haben meine Position offenbar nicht verstanden.

Ich mache was ICH will und jeder andere soll selber schauen wo er bleibt.

9. Heißt das, SIE machen lieber das, was ICH will?
10. Wenn Ihre Behauptung wahr wäre, meine Position sei die, dass jeder selber schauen solle, wo er bleibt, wie deuten Sie dann mein Jugoslawienbeispiel?

Mehr steckt da nicht dahinter, nur die blanke Dominanz der überlegenen Gewalt und das "Recht" auf unbegrenzte Rücksichtslosigkeit.

11. Gegen wen übe ich Gewalt aus?

Mit diesem faktischen Programm wollen Sie mehr Menschen gewinnen als ein paar rechtslibertäre Sektierer und Unternehmer, die mal so richtig alle Arbeitsschutzrechte schleifen wollen?

Ich wusste gar nicht, dass ich ein Programm habe. Wie ich schon mehrfach sagte: Sie phantasieren und unterstellen.

Nun verweigern Sie die Einsicht in die Welt "wie sie ist", nämlich eine, wo Menschen normalerweise nicht in Hochgeschwindigkeitszüge seigen wollen, in denen es keinen Zugführer und somit keine Kontrolle gibt.

Kontrolle ist keine Lösung.
Wie unser neuer Bundesfinanzminister im aktuellen Cicero so treffend sagte, hat die freiheitliche Ordnung Voraussetzungen, die sie selber nicht herstellen kann.
Diese Voraussetzungen sind moralischer Natur; nicht planerischer.

Das waren 11 Fragen. Ich bitte um 11 Antworten.

BB

ajk, am 06. April 2010 um 10:22 ( Link )

@James_Blond

"[...] stellt die Überwindung der Borniertheit des Privateigentums dar, seiner destruktiven Tendenzen und seines logischen inneren Selbstwiderspruchs. Letzterer liegt m.E. darin, daß der Kapitalismus eine gesellschaftliche Produktionsweise darstellt, in welcher jedes Individuum nur mikrorational handelt und niemand für eine rationale Gestaltung jenes Zusammenhanges zuständig ist, auf den sich alle beziehen."

Doch den gibt es, das ist die Philosophie des Gottesglaubens.

Ich verstehe "die linken" nicht. Jeder Ameisenstaat hat "Besitz" den er anderen Ameisenstaaten nicht gibt. Jedes Tier hat ein Revier, sammelt das Essen für sich und teilt es nicht mit wildfremden. Jede Affensippe ist ebenso.. Unterschiede existieren! Diese zu leugnen ist grausam und Menschenquälerei.

/ajk


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