11. Dezember 2009

Warum ein Land seine Kinder nicht mehr erziehen kann Wie der Staat, so die Eltern!

Über die Verschlumpfung der Gesellschaft

Neulich saß in meinem Arztzimmer eine 86jährige, fidele, geistig und sprachlich wendige Patientin mit Kniebeschwerden. Unser Gespräch kam auf Kinder. Die ältere Dame Mutter von vier Kindern, ich Mutter von drei Kindern. Sie erzählte von ihrem Enkel und ihr zweiter Satz lautete bestürzt: „Der Kleine ist fast zwei Jahre und hat noch immer keinerlei Schlafrhythmus!“ Meine Antwort: „Dann fehlen Regeln. Regeln geben Sicherheit und entspannen.“ Worauf die alte Dame aufgeregt zurück gibt „Ja natürlich, ein Kind braucht doch Führung, Regeln, ein Geländer, das ihm Halt gibt!“ Ich antworte etwas müde: „Alles andere grenzt an Kindeswohlgefährdung. Ich habe Freundinnen, die Regeln spießig fanden, es nie zu einem Schlafrhythmus oder regelmäßigen Essenszeiten brachten. Solche Kinder haben später oft Probleme. Werden unruhig oder mit Ritalin ruhiggestellt, halten sich im schlimmsten Fall an keiner Schule.“ Während ich dies erzähle krame ich entnervt in den Unterlagen der Patientin. „Genau das ist es!“ ruft neben mir die ältere Dame aus. Ich blicke von meinen Papieren auf und sehe sie fragend an: „Naja, Kindern die Sicherheit einer Führung zu verweigern, ist Kindeswohlgefährdung!“ Ich nicke: „Ja sicher, wer mit zwei Jahren schon alles selbst entscheiden muss, ist damit hoffnungslos überfordert! Überforderung macht nun mal Angst, und Angst macht aggressiv und unruhig!“ Dann lasse ich von meinen Papieren ab, richte mich auf und betrachte meine Patientin, die immerhin eine Zeitzeugin des letzten Jahrhunderts ist. Unverblümt stelle ich ihr die Frage: „Ein ganzes Land kann zunehmend seine Kinder nicht mehr erziehen. Können Sie mir sagen, warum ihr noch etwas konntet, was wir nicht mehr hin bekommen?“ Die Dame sieht mich einen Augenblick mit weit aufgerissenen, angriffslustigen Augen an, haut dann energisch mit der flachen Hand auf den Tisch und stößt hervor: „Weil wir uns noch unsere Existenz erkämpfen und erarbeiten mussten!“ Ich lasse mich in meinen Lehnstuhl zurückfallen, lächele die energische ältere Dame an und sage: „Aha! Das allein wirkt schon im höchsten Maße moralisch, praktisch und menschlich erziehend, nicht wahr?“ Ihr Zeigefinger hebt sich, und einen Augenblick fürchte ich, sie würde mir diesen in die Brust stoßen. Doch dann klopft sie damit, Silbe für Silbe ihre Antwort unterstreichend auf den Tisch: „Genau so ist es“.

Ist Erziehung am Ende ein Erfolg des Existenzkampfes? Ein Erfolg der Freiheit? Jener Freiheit, in der man auf sich und sein Verhalten zurückgeworfen wird? Wirkt Freiheit erziehender als Gleichheit und ihr Sicherheitsaufkommen? Ist Erziehungsversagen gar das Ergebnis dieses Sicherheitsaufkommens? Dafür „ein Wissen um die Folgen“, das entscheidende Regulativ in einer Gesellschaft und Grundlage jeder Lebensbewältigung? Ob Precht oder Sloterdijk, Honneth und die öffentliche Presse, viele philosophieren dieser Tage zwischen Gleichheit und Freiheit um die Wette. Sicher ist nur eines: Unsere Gesellschaft fürchtet die Freiheit, den alltäglichen Lebenskampf, das Risiko, das Scheitern, die ganz normalen Widrigkeiten des Lebens. Scheut all jene Dinge, an denen wir wachsen, die uns bilden, all das was uns begrenzt, erzieht, Entwicklung und Kooperation einfordert. Über all das haben wir uns mit großen Staatsversicherungen hinweggesetzt und mit ihnen ein nivellierendes System etabliert: Fleiß lohnt nicht mehr und Müßiggang bedroht nicht mehr. Wer nichts zu befürchten hat, muss sich nicht anstrengen, wer nichts zu erreichen vermag, wird sich nicht anstrengen. Im Querschnitt sind nun alle um die realen Konsequenzen ihres Verhaltens, im positiven wie negativen Sinne gebracht und eine Gesellschaft ruhig gestellt. Harald Welzer, Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke, beschrieb in seinem Essay „Blindflug durch die Welt“ im „Spiegel“ Nr. 1/2009, „dass wir es an vielen Fronten mit einem uferlos gewordenen Nichtwissen über die Konsequenzen unseres Handelns zu tun haben.“

Im scheinbaren Nichtwissen um die Konsequenzen verteilt unser Staat indessen unverdrossen weiter pflichtfrei ungedeckte Sicherheiten. Sind Sicherheiten ohne großen Lebenskampf erhältlich, hat das Folgen: Heute fällt jeder zweite Deutsche mit 55 in die Frührente, 40 Prozent der Erwachsenen und 20 Prozent der Kinder leben im Transfer. Arbeit ist nicht mehr nur so sicher wie sie gut ist, nein, im festen Arbeitsschutz wird Wohlstand längst nicht mehr erarbeitet, sondern unausgesetzt seit Willi Brand von Kindern und Enkeln gepumpt. Nun sind wir bei 1,8 Billionen Euro Staatsschulden angekommen und noch immer möchte man niemanden die Rente mit 67 zumuten, auch Arbeitssuchenden nicht wie in Dänemark den Nulleurojob und Jugendlichen nicht wie dort eine Ausbildungspflicht bei Inanspruchnahme von Sozialgeldern. Arbeitsschutz lockern? Gott behüte! Nein, man kann weiterhin fünf Kinder bekommen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob man diese aus eigener Kraft durchbringen, erziehen und ausbilden kann. Dafür sinkt das Bildungsniveau, verzweifeln Schulen an Kindern ohne Frühstück und Erziehung, sind mittlerweile 30 Prozent der deutschen Kinder behandlungsbedürftig. Pflichten, Sorgen und Ungewissheiten, mit der die Generation meiner Patientin noch „Wirtschaftswunder“ machte, sind heute nicht nur unbekannt, nein, sie sind längst „unzumutbar“. Gesetzesverbrieft nach Ulla Schmidts Urlaubsmotto „Das steht mir zu“ leben mehr und mehr „mit der Hand in der Tasche des anderen“ (Ludwig Erhard), entkoppelt von ihren persönlichen Verhältnissen gewohnheitsmäßig über ihre Verhältnissen. Eine Gesellschaft trudelt im ozeanischen Nichtwissen um Konsequenzen in ihren finanziellen und moralischen Ruin. Meine 86jährige Patientin wusste noch, dass man sich mit Fleiß etwas erarbeiten und mit Müßiggang vieles verlieren konnte. Lebte noch in jener Freiheit, die Tugenden wie Solidarität, Familienzusammenhalt und Engagement einforderte. Wir hingegen erleben kalte Progression und ausgerechnet die Entwertung jener Arbeit, die den hohen Versicherungsstandard finanziert, der das „krank sein“ rentabler als das „gesund sein“ und das „Nichtstun“ rentabler als das Arbeiten macht. Peter Sloterdijk erkannte demnach ganz richtig, „die Freiheit ist eindeutig das Opfer dieses Jahrzehntes“, und er beschreibt, wie „wir Menschen zu mutlosen Sicherheitsuntertanen umdressiert“ wurden. Er nennt dies die „Ssstematische Menschenverkleinerungspolitik“ und bekundet sein „Heimweh nach einem etwas größeren, größer formatierten Menschen. Sagen wir einfach mal: nach Nichtschlümpfen.“, so in einem „SZ“-Interview vom 07. Februar 2007.

Wie der Staat so die Eltern. Genau dieses Kultivieren der Verantwortungslosigkeit, diese „systematische Menschenverkleinerungspolitik“, diese „Verschlumpfung“ spiegelt unsere Erziehung. Der Staat behandelt seine Bürger, die Eltern, ihre Kinder wie Behinderte. Als wären Bürger und Kinder außerstande sich zu entwickeln, außer Stande zu reifen und zu lernen, außerstande sich zu behaupten, werden sie zu Schlümpfen verdammt. Es wird ihnen rein gar nichts mehr zugemutet und ihre Hilflosigkeit im pflichtfreien Komfortangebot vertieft. Die Fähigkeit, sich selbst zu helfen, wird nicht mehr erlernt. Es ist zu stressig, sich fair und mit plausibler Lebenserfahrung durchzusetzen, einfach hingegen, Kinder mit Fernsehen oder der Befriedigung all ihrer kleinen Wünsche ruhig zu stellen. Viele tausend fahrige „Jas“ haben das gesunde, orientierende und unverbrüchliche „Nein“ in der Erziehung abgelöst. Wenn wundert es, wenn diese grenzenlos verloren Kinder zu kleinen Tyrannen mutieren. Statt Kindern schrittweise Aufgaben zuzumuten, sie Probleme lösen zu lassen, wird ihnen alles abgenommen, alles angereicht, all das für sie erledigt, was sie lernen sollten, für sich selbst zu erledigen. Eltern verpassen es, ihre Kinder auf das Leben und seinen Existenzkampf vorzubereiten, da sie selbst im staatlich auswattierten Dasein diesen nicht mehr kennen. Muss man sich wirklich noch wundern, warum unsere Kinder belastungsphobisch, unreif, nicht beschulbar und nicht ausbildungsreif sind? In der Schule umringt von Kuscheltieren auf ihren Plätzen sitzen oder sich dort bei Anforderungen auf den Boden werfen? Wundern wir uns, dass Eltern, die sich selbst seit Jahren das morgendliche Aufstehen nicht mehr zumuten, ihre Kinder auch nicht zur Schule schicken? Über Kinder in Berlin-Neukölln, die fragen: „Wozu Schule, wozu arbeiten? Das Geld kommt doch vom Amt!“ Nein, ich wundere mich nicht! Ein Land kann seine Kinder nicht mehr erziehen, weil uns die Antworten des Lebens nicht mehr erreichen. Dieter Bohlen sagt gerne: „Wer nicht arbeitet kann nicht essen“. Und klar, Hunger bedeutete: „Auf den Acker, an die Arbeit!“ Diese uralten Lebensantworten schaffen nun mal jene Verantwortung, in der meine rüstige 86jährige Patientin positiv ihr Leben sowie die Erziehung ihrer vier Kindern bewältigte.


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Nina Pszolla

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