15. Dezember 2009

Gesundheitsfonds Die Hypo-Real-Estate des Gesundheitswesens

Geldvernichtung durch die AOK?

Zum allgemeinen Verständnis hier ein paar Einblicke in ärztliche Vergütungen. Egal wie oft ein Patient im Quartal in die Praxis kommt, der Orthopäde bekommt für diesen Patienten 28 Euro, der Urologe 27 Euro, der Augenarzt 20 Euro und der Gynäkologe beispielsweise 15 Euro. Selbst bei nur einem einzigen Besuch wäre damit die geleistete Arbeit unzureichend vergütet. Alle nachfolgenden Besuche innerhalb von drei Monaten sind nach Gesetzgebung nun aber kostenlos. Bei solch einem Lohndumping wäre jeder Handwerker umgehend auf der Straße und im Streik. Auch Hausärzte kommen von 45 auf 41 Euro und hätten nun, wie viele andere 30 bis 50 Prozent Einnahmeverluste, wenn nicht die AOK „großzügig“ über einen Hausärztevertrag Zusatzleistungen, sprich sonst unbezahlt bleibende Leistungen, vergüten würde. Diese „Großzügigkeit“, dass Behandlungen auch bezahlt werden, gibt es selbstredend nicht umsonst. AOK-abhängige Ärzte müssen sich hierfür durchaus in gewisser Weise dankbar erweisen.

Der Gesundheitsfonds verteilt Gelder für 80 verschiedene chronische Erkrankungen. Diese Erkrankungen müssen allerdings vom Arzt für die Kassen dokumentiert werden. Nur so können die Kassen das Geld aus dem Gesundheitsfonds abgreifen. Dieses Dokumentieren erfolgt mit Zahleneingaben und heißt Kodieren. Eine Schulfreundin und Hausärztin berichtete mir, dass sie heute nur deshalb noch überleben kann, weil ihr die AOK außerhalb der wahnwitzig niedrigen Pauschalen ihre Behandlungen noch teilweise bezahlt. Dafür hätte die Ärztin brav die chronischen Erkrankungen, soweit sie bei ihren AOK-Patienten vorhanden und relevant zum Tragen kamen, dokumentiert. Am Monatsende aber kam der Chef der hiesigen AOK bei ihr persönlich vorbei, und meinte, so ginge das nicht. Sie müsse mehr chronische Erkrankungen eintragen, denn ohne Kodierungen von Begleit-, Neben- und Zusatzerkrankungen fehlt der AOK der Zugriff auf die Gelder des Gesundheitsfonds. Und da ist mächtig viel zu holen. Der „Stern“ nennt den Fonds „Das Milliardending“. Es geht um eine Größenordnung von 155 Milliarden Euro. So wenden die AOK und andere simpelstes BWL-Einmaleins an: minimale Investition für maximale Rendite. Man gebe dem Arzt ein paar Almosen für seine tatsächlich geleistete Arbeit, die per Gesetz nicht mehr vergütet wird, und fordere von ihm dafür Kodierungen, die Millionen bringen. Eine 10-Euro-Kodierung vom Arzt kann rund 10.000 Euro bringen. Was ist das? Bestechung? Korruption? Erpressung? Ein Willkommen im Land des indirekten, intransparenten Geldtransfers, des Kontrollverlustes und Milliardenverbrennens?

In jedem Falle stellt der Fonds einen höchst dubiosen Verschiebebahnhof unserer Beiträge dar. Grundvoraussetzung für diesen lukrativen Schachzug war das Lohndumping der Ärzte, denn nur ein leerer Sack kann sich nicht aufrecht halten. Ärzte kodieren jetzt, was der Patient hergibt. Gleichwohl nur der Blutzucker gemessen wird, werden neben dem Diabetes, die periphere Verschlusskrankheit, die Niereninsuffizienz, Neuropathie, Adipositas und was sonst noch zu finden ist kodiert. Alle Erkrankungen, die zu haben sind, laufen bei der einfachen Blutzuckerbestimmung über den Ticker, selbst wenn der Patient zu Hause sitzt und keine weiteren Kosten verursacht. Das Gesetz will es so. Im „Stern“ hierzu: „Die Kassen interessieren sich für krank gemachte Menschen“ und „mehr Krankheit bedeutet mehr Geld aus dem Fonds“. Der „Stern“ weist darauf hin, dass schon der Kulturkritiker Ivan Illich bereits 1979 vor dem „krank machenden medizinischen Fortschritt“ warnte, weil immer mehr Gesunde zu Kranken erklärt werden. Mit welcher Diagnose man am meisten Geld herausholt, wird Ärzten in schon zwanghaft vorgeschriebenen Kursen und Fortbildungen vermittelt. Mittlerweile kenne ich keinen einzigen Arzt, der noch keinen Besuch des ortsständigen AOK-Geldeintreibers hatte. Das ist beeindruckend!

Ullas Gesundheitsfonds ist erst seit Januar 2009 eröffnet und bereits im ersten Quartal schon standen die Geldeintreiber bei allen AOK-abhängigen Ärzten auf der Matte! Diese Rund-um-kodierung ist seither beängstigend. Je kränker der Patient, desto mehr Geld. Der ursprüngliche Sinn, dass Kassen und Ärzte für das Heilen bezahlt werden, ist damit ad absurdum geführt. Rundumkodierte Erkrankungen ohne relevanten Krankheitswert und Therapiebedarf bringen Geld. Geld für die Kassen und Kosten für den Patienten. Beitragsmehrkosten 2009: knackige 15 Milliarden Euro. Sparlogik in Krisenzeiten? Das kodierte, querkalkulierte Abenteuerpaket der Diagnosen, um am Patienten vorbei Milliarden zu verbrennen? „Beschriebenes Papier“ das Geld ohne direkten Leistungsbezug bringt? Erinnert das nicht an das ruinöse Derivat-Geschäft unsere Finanzkrise? Kein realer Bedarf, keine reale Leistung, kein realäquivalenter Wert – und doch gibt’s für was auch immer Millionen und Milliarden. Statt „Load the boat“ mit einem ABSPortfolio, ein „Load the AOK“ mit einem Kodierungs-Portfolio virtueller Kranker? Per Gesetz gibt man lieber Millionen für Derivatkodierungskalkulationen an personalaufwendige Verwaltungskonzerne aus, statt ganz banal und direkt die ärztlichen Arbeit am bedürftigen Patienten transparent und adäquat zu vergüten? Wozu so kompliziert? Lässt man sich hier nicht mit viel Bohai „virtuell Kranke“ teuer bezahlen und kann sich am Ende doch vor den realen Schwerkranken drücken? Dient hier nicht eine realitätsferne Bürokratie dem Missbrauch, der Veruntreuung, der Intransparenz und vor allem der Beitragsvernichtung?

Selbst mein Kinderarzt, bei dem chronische Erkrankungen eher die Ausnahme darstellen, berichtete mir, dass die Herren der AOK bereits zu Jahresbeginn vorstellig wurden. Er schmiss diese jedoch wieder hinaus und meinte, er würde weiterhin kodieren wie er es für richtig hält und bräuchte hier keine Unterweisung.

Geldvernichtende Banken, geldvernichtende Fonds? Von Realität und Haftung entkoppelte Konstrukte? Der Gesundheitsfonds, die Hypo-Real-Estate des Gesundheitswesens?


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Nina Pszolla

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