16. Mai 2010

Replik auf Walter K. Eichelburgs Beitrag „Vom Euro zur D-Mark II“ Ein tragischer Irrtum

Wahrscheinlicher wäre Bretton Woods II

Walter Eichelburg, Betreiber des Internet-Portals hartgeld.com und regelmäßiger Autor bei ef-online, ist davon überzeugt, dass eine Währungsreform und die Einführung einer „D-Mark II“ unmittelbar bevorsteht. In gewisser Weise mag Herr Eichelburg Recht haben, in wesentlichen Punkten aber irrt er vermutlich gewaltig.

Halten wir kurz die Fakten fest: Erstens: Mit der Entscheidung der EU-Finanzminister vom 8./9. Mai 2010 nähert sich die Geldpolitik der EU nun schlussendlich jener der US-Fed an: Die Monetarisierung von Staatsanleihen (auch von Staaten mit fragwürdiger Bonität) ist nichts anderes als ungehemmtes Gelddrucken – und ein Tabubruch in der Euro-Zone. Die EZB verliert ihre Unabhängigkeit und ihren klaren Auftrag, die Wertstabilität des Euros zu sichern. In Zukunft steht der Zusammenhalt der Euro-Zone und die Erhaltung der Bonität der Mitgliedsstaaten ganz oben auf der Agenda – zur Erweiterung der Aufgaben auf die Konjunkturstützung durch eine lose Geldpolitik ist es da nur noch ein kleiner Schritt. Gleichzeitig wird die Kompetenz der EU-Kommission erweitert, eine zentrale europäische Wirtschaftspolitik rückt in greifbare Nähe. Wie Roland Tichy, Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, richtig erkennt: Der Euro heißt nur noch Euro, ist seit dem Wochenende aber eine andere Währung.

Zweitens: Die Nachfrage nach physischem Gold und Silber schnellt in Deutschland unmittelbar nach Verkündung dieser Maßnahmen in die Höhe, viele Händler sind komplett ausverkauft.

Schauen wir uns nun einige Ereignisse an, die faktisch ebenfalls belegt, aber möglicherweise ohne Belang sind: Erstens: Finanzminister Schäuble fällt unmittelbar vor dem wahrscheinlich historisch wichtigsten Treffen der EU-Finanzminister gesundheitsbedingt aus. Er wird vertreten von Jörg Asmussen – einem Staatssekretär mit SPD-Parteibuch, der wundersamerweise das Ende der Großen Koalition überlebt hat und dem eine Nähe zu Goldman Sachs nachgesagt wird. Zweitens: An den US-Börsen kommt es zu einem kurzfristigen, drastischen Kurseinbruch. Die offizielle Erklärung eines Computerfehlers wird einhellig von Aktienhändlern mit einem Augenrollen kommentiert – die Handelssysteme verfügen über umfassende Sicherheitsmechanismen, um genau so etwas zu verhindern. Drittens: Kurze Zeit nach der EU-Entscheidung führt eine technische Störung zu flächendeckenden Ausfällen des deutschen Internets.

Verlassen wir nun den Bereich der halbwegs gesicherten Tatsachen. Zur gleichen Zeit tauchen nun in einem obskuren US-Internetforum Gerüchte über die Einführung einer „D-Mark II“ auf. Zudem schlagen bei Walter Eichelburg (und merkwürdigerweise fast nur dort) weitere Meldungen auf, die in dieses Bild passen: Berichte über auffällige Bewegungen von Geldtransporten, fehlende Währungsangaben auf Preisschildern im Handel etc. Aus all dem folgert Walter Eichelburg nun, dass eine Währungsreform und eine Einführung einer „D-Mark II“ unmittelbar bevorstehe.

Keine Frage, in diesen Zeiten ist vieles möglich. Dennoch ist der Verfasser überzeugt, dass Walter Eichelburg irrt.

Es gibt nämlich praktisch keine konkreten Hinweise, dass eine Rückkehr zu einer nationalen Währung bevorsteht. Im Gegenteil: Alle Entwicklungen der letzten Monate deuten eher darauf hin, dass der Euro als supra-nationale Währung um jeden Preis verteidigt werden soll – das gilt in besonderem Maße für die Entscheidung vom Wochenende des 8./9. Mai. Welchen Sinn hätte all das, wenn man bereits eine Woche später den Euro aufgeben will?

Walter Eichelburg postuliert nicht nur die Einführung der „D-Mark II“, sondern auch einen Währungsschnitt, der einer weitgehenden Enteignung deutscher Sparer gleichkäme. Während eine Mehrheit der Deutschen den Austritt aus dem Euro und die Wiedereinführung einer nationalen Währung vermutlich begrüßen würde, weil damit die „Sippenhaft“ mit schwächeren Euro-Staaten enden würde, wäre ein weitgehender, sofortiger Wertverlust der Sparguthaben dem Bürger praktisch nicht zu vermitteln.

Die politischen Konsequenzen eines solchen Schritts wären derart fatal, dass es kaum vorstellbar erscheint, dass die deutsche Politik zum jetzigen Zeitpunkt einen solchen Schritt machen würde. Für einen Austritt aus dem Euro wäre die deutsche Bevölkerung nach dem „Griechenland-Bashing“ der letzten Monate zweifellos psychologisch hinreichend konditioniert – für einen drastischen Vermögensverlust aufgrund eines Währungsschnitts jedoch nicht. Warum also soll die deutsche Politik ein solches Risiko eingehen?

Hilfreich ist weiterhin immer die Überlegung, wer von einem Währungsschnitt profitieren würde: Cui bono? Die Interessenlage der USA (Regierung wie Wallstreet) lässt sich wohl auf den einfachen Nenner bringen, dass man dort jede starke Währung fürchtet: In diesem Sinne war die Abschaffung der D-Mark und die Einführung des Euro vor zehn Jahren ebenso im Interesse des Dollar-Imperiums wie die Verkündung der neuen Euro-Geldpolitik Anfang Mai. Ein Auseinanderbrechen des Euro wäre vor diesem Hintergrund für die USA äußerst ambivalent: Es würde einen großen (aber schwachen) Wettbewerber des Dollar eliminieren, aber möglicherweise gleichzeitig eine (vergleichsweise) starke D-Mark II entstehen lassen. Diese hätte zwar nicht das Volumen, dem Dollar als Reservewährung ernstlich gefährlich zu werden, wäre aber – wie Gold – ein stetiger Indikator für den unaufhaltsamen Wertverfall der Leitwährung.

Für die deutsche (Export-) Industrie wäre Deutschlands Ausstieg aus dem Euro eher problematisch, weil eine „D-Mark II“ zweifellos stärker wäre als die Gemeinschaftswährung – und deutsche Waren im Ausland deutlich verteuern würde. Lieber liefert man weiter gegen Euro und lässt die Bevölkerung über Steuern für Hilfspakete und Inflation den Preis zahlen.

Letztlich macht ein Austritt aus dem Euro, ein Währungsschnitt und die Einführung einer „harten“, nationalen Währung nur Sinn, wenn damit das System des Fiat Money insgesamt beendet wird. Und just diesen Schritt wird die Politik niemals freiwillig tun, weil damit auch das Konzept der Staatsverschuldung, der Wohlfahrtsstaat und letztlich auch die Demokratie ganz grundsätzlich infrage gestellt würden.

Nehmen wir nun für einen Moment an, dass tatsächlich weitergehende Veränderungen im Bereich des Euro unmittelbar bevorstehen. Ein Währungsschnitt in Deutschland und die Einführung einer D-Mark II erscheint dem Verfasser vor dem Hintergrund des Gesagten eher unwahrscheinlich. Wesentlich plausibler und konsistenter wäre eine Fixierung des Euro-Dollar-Wechselkurses (im Sinne eines „Bretton Woods II“) mit der Perspektive der späteren Schaffung eines gemeinsam Dollar-Euro-Währungsraums. Mit den bekannten Fakten steht dies völlig im Einklang, auch die hohe Edelmetall-Nachfrage passt nahtlos in dieses Bild.

Internet

Walter K. Eichelburgs Marktkommentar zum Thema


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