Thomas Fink

Jahrgang 1954, Publizist.

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Der Westen ist pleite: Spaziergang über die Klippe

von Thomas Fink

Morgen fällt aus

Europa ist pleite. Amerika auch. Seit Jahrzehnten über Schulden finanzierte, aufgeblähte Staatshaushalte bekommen jetzt die Rechnung präsentiert. Und können sie nicht zahlen. Mit Währungsreform und Inflation könnte man sich zwar auf Kosten seiner ruinierten Gläubiger der Schulden entledigen, aber danach gibt es niemanden mehr, der einem noch was leiht. Und es gibt immer noch eine Bevölkerung, die sich in ihrer Mehrheit daran gewöhnt hat, Geld auszugeben, welches sie nicht hat. Deshalb wird keine der großen Parteien, kein Politiker, der gewählt werden möchte, danach rufen, die Gürtel enger zu schnallen.  Eine zu lange mit tröstlichen Lügen konditionierte Öffentlichkeit  wird die Wahrheit niemals akzeptieren, bis zum Endspiel. Bis dahin müssen die Wähler mit Seifenopern, Promi-News und PR-Taschenspielertricks getäuscht und unterhalten werden.

Bis vor kurzem bestand der Unterschied zwischen der Ersten und Dritten Welt darin, dass die westliche Zukunft real war. Das westliche Morgen war eine klar definierte Angelegenheit; Kredite würden zu einem bestimmten Zeitpunkt fällig, Wahlen zu festgelegten Zeiten abgehalten werden und die Rente würde Anfang des Monats überwiesen. Im Gegensatz dazu hatte die Zeitskala der Dritten Welt nur die Gegenwart. Morgen war Tinte auf einem Kalender. Nur Dinge, die man anfassen, nehmen oder benutzen konnte, waren real.

Eine ganze Generation von westlichen Politiker hat nichts anderes getan, als diese Zukunft abzuschaffen. Umfassend und vielleicht unwiederbringlich. Und da so etwas seit zwei Generationen nicht passiert ist,  können sich nur sehr wenige damit abfinden. Wir können jetzt überall in der westlichen Welt zum ersten Mal seit Menschengedenken die Verwirrung von Menschen beobachten, die herausfinden, dass morgen nicht kommen wird. Weil dies so absurd scheint, reagieren die Menschen auf diese Situation einfach mit Unglauben. Und tun weiter so, als wären sie reich, obwohl sie arm sind.

Eine neue Kohorte zwischen 21 und 30 wird zu einer verlorenen Generation. Die wenigsten arbeiten Vollzeit oder haben gute Jobs mit sicherer Zukunft. Aber diejenigen unter ihnen, die aus der Mittelschicht kommen, können zu Hause leben, die Ehe verschieben, Teilzeitarbeit finden, und sich beim Wesentlichen, wie Miete und Lebensmittel, auf den alten Embryo verlassen, während sie auf der Ebene der hedonistischen Ausgaben (iPod, iPhone, iPad und ein Espresso bei Starbucks) die opulente Fassade, so lange es geht, aufrechterhalten.

Denn morgen wird kommen, nicht wahr? Diejenigen, die wirklich wissen, was hier passiert, weigern sich, die Lüge herauszufordern. Es ist einfacher, sie zu ignorieren. Wir leben in einer krebsartigen öffentlichen Kultur, deren Essenz nicht Gemeinsamkeit sondern totale Entfremdung ist. Eine Welt, in der fast alle die Verbindung mit körperlicher Arbeit verloren haben, mit der physischen Welt. Viele sind dabei sehr fit,  gehen zum „work out“ und auf das Bike und den Ski und auch mal wandern. Aber dass da unter dem Firnis des guten Lebens eine Welt von Schweiß und schweißen liegt, wer weiß das noch?

Doch vielleicht schaffen wir es mit ein wenig mehr keynesianischen Stimulus und ein wenig mehr Kreditaufnahme noch einmal über die Kreuzung und um die Ecke. Weil wir es doch immer geschafft haben. Falsch. Die öffentliche Verschuldung ist an dem Punkt, wo die Zinsen nicht mehr gedeckt werden können. Punkt.

Da hilft nur die Flucht aus der Realität. Wenn kein Geld mehr in der Kasse ist, sollte man sich unbedingt der Farbe der Mülltonnen zuwenden oder ob es Christen gestattet werden sollte, Kruzifixe auf der Arbeit zu tragen. Es scheint auch eine seltsame inverse Beziehung zwischen schrumpfenden Ressourcen und wachsenden Versprechungen zu geben. Wenn wir das Reale nicht anbieten können, versprechen wir eben die Fälschung. Warum soll man sich um konkrete Verbesserungen der Umwelt kümmern, wenn wir durch Emissionshandel den Meeresspiegel senken können. Da wir schon einen nuklearen Iran akzeptieren müssen, haben wir wenigstens bald eine Welt ohne Atomwaffen!

Und das wird alles in der Zukunft passieren, an einem Ort, wo ein wundersames, unerschöpfliches Füllhorn uns immer alles, was wir brauchen, leiht und ein Auge zudrückt, wenn wir nicht bezahlen können. Das wird es tun, obwohl dieser Ort von Menschen bevölkert sein wird, die niemand pflegen wird und Kindern, die nie geboren werden.

21. Mai 2010

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