Frank Lisson

Jahrgang 1970, ist ein philosophischer Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Homo Absolutus. Nach den Kulturen".

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Homo Absolutus: Zum Tod von Kirsten Heisig

von Frank Lisson

Über die Kultur des Wegschauens

Zu den zuverlässigsten Funktionssteuerungen des Menschen gehört seine Neigung, sich die Realitäten so zurechtzulegen, dass sie in das eigene Weltbild passen. Denn im Laufe der Evolution hat sich unser Gehirn darauf programmiert, uns stets ein möglichst schlüssiges Modell der Welt zu liefern. Lücken werden einfach durch Illusionen gefüllt. Unserer Wahrnehmung zeigt nicht unbedingt, was ist, sondern was wir erwarten. Neben die ererbten treten die antrainierten Erwartungen. Deshalb sehen wir zumeist nur, was für uns „bestimmt“ ist, denn nur dafür haben wir ein Auge. Der Rest „erreicht“ uns buchstäblich nicht, sondern besteht „neben“ uns wie in einer Parallelwelt, die wir zwar „bemerken“, aber nicht „erkennen“.

Vor wenigen Wochen hat sich die 48jährige Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig das Leben genommen – kurz vor Veröffentlichung ihres Buches „Das Ende der Geduld“, in dem sie über ihre Jahrzehnte langen Erfahrungen mit jugendlichen Straftätern im Problemkiez Neukölln erzählt. Weil aber das, was sie da berichtet, so gar nicht in das Weltbild derer passt, die für die Zustände in Neukölln und anderswo verantwortlich sind, ergehen sich fast alle Leitmedien in Beschwichtigungen. Sie ignorieren nicht nur die Ursachen, sondern wollen auch die Tatsachen nicht sehen.

So etwa die Journalistin Dorothea Jung kürzlich in der Sendung Andruck – Das Magazin für Politische Literatur (Deutschlandfunk, 26.07.), die Kirsten Heisig leicht paranoide Züge vorwirft, oder doch zumindest eine gewisse Betriebsblindheit: „In einigen Passagen ihres Buches scheint Kirsten Heisig das Gefühl dafür zu verlieren, dass sie als Richterin nur einem Ausschnitt der gesellschaftlichen Wirklichkeit begegnet ist. Eine Gruppe Jugendlicher, die einen Straßenzug in Berlin Neukölln verunsichert, gefährdet noch nicht den Zusammenhalt unseres Gemeinwesens. Durch ihre Zuspitzung skandalisiert die Autorin ihre Erfahrungen mit Einzelfällen.“

Also kein Grund, die Alarmglocke zu läuten, solange das Übel noch nicht komplett um sich gegriffen hat? Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. –  Darin liegt eine wesentliche Kraft von Ideologien, dass sie gegen die Wirklichkeit immun machen. Wie viele Linke wollten in den 20er, 30er Jahren die Realität des Sowjet-Kommunismus einfach nicht wahrhaben? – Manche selbst dann noch nicht, als sie sich in deren Arbeitslagern wiederfanden.

Die Konzentrationslager gehörten zum System der totalitären Staaten wie die gesellschaftliche Verwahrlosung zum System rot-grüner Ideologien gehört. Beides sind in der Tat nur „Ausschnitte der gesellschaftlichen Wirklichkeit“, und werden als solche von den Anhängern des jeweiligen Systems gern übersehen oder heruntergespielt. Und das gelingt immer nur dort, wo keine echte Streitkultur besteht, weil ein bestimmtes meinungsbildendes Milieu die Öffentlichkeit fast allein beherrscht.

Mit der Unschuld linker Selbstgefälligkeit nennt Dorothea Jung ihren Beitrag kurioserweise „Gegen die Kultur des Wegschauens“. Doch hier leuchtet nur eine scheinbare Paradoxie auf. Denn wir müssen davon ausgehen, dass Menschen, die ganz und gar in den bestehenden Meinungsführerschaften eingebunden sind, auch tatsächlich glauben, was sie sich einreden. Es sind die gleichen psychologischen Mechanismen: So wie etliche Deutsche erst dann die Realität der Konzentrationslager wahrhaben wollten, als man sie 1945 mit der Nase draufstieß, werden die Vertreter der politischen und kulturellen Klasse die Verbrechen ihres Systems wohl auch erst dann nicht mehr leugnen, wenn sie selber Opfer der Verhältnisse geworden sind, die sie herbeigeführt und zu verantworten haben.

Vorher ist keine Kursänderung, nicht einmal Reue zu erwarten.

01. August 2010

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