17. August 2010

Homo Absolutus Vom Wesen des Missverständnisses

Über die Technisierung des Denkens

Da meine bisherigen Kolumnen – folgt man den Äußerungen der Kommentatoren – nahezu komplett missverstanden wurden, stellt sich die Frage, wie eine solche Zielstrebigkeit im Missverstehen eigentlich zustande kommt. Meine Vermutung: Die inzwischen doch weitverbreitete Unfähigkeit, Texte ihrem Gehalt nach zu verstehen, hängt mit der zunehmenden Technisierung unseres Denkens zusammen.

Infolge der kaum zu überschätzenden Bedeutung, die das Technische im modernen Leben einnimmt, und der Notwendigkeit, sich darauf einzustellen, haben wir uns mehr und mehr auch denkend den technischen Funktionsweisen angepasst. Das heißt: Dachte der Mensch vor dem technischen Zeitalter noch überwiegend in Gleichnissen, also deskriptiv, so setzt sich die Welt heute vor allem aus Ereignissen zusammen; man denkt gemäß der Informationen, die man erhält, also normativ. Die Bibel etwa oder Homer, aber auch noch Shakespeare oder Goethe, bestehen aus lauter Gleichnissen. Texte des technischen Zeitalters dagegen hauptsächlich aus konkreten Gegebenheiten, die für sich allein stehen.

Solche Ereignisse sind vor allem geschichtliche Erfahrungen und ihre kanonisierten Deutungen, die im technischen Zeitalter nicht mehr als Gleichnisse, sondern als konkreten Fälle ins Bewusstsein transportiert werden, dort ihren festen, unzweideutigen Platz einnehmen, und entsprechend unser moralisches Empfinden steuern. Die Ereignisse „denken“ also immer mit, wenn wir denken. Folglich ist es schwierig, an die Dinge selbst heranzukommen, denn sie sind von den Ereignissen umstellt. Die Dinge selbst sind dagegen die einzelnen Bestandteile, aus denen sich die Ereignisse zusammensetzen, und die, für sich genommen, eine ganz andere, eigene Gestalt haben. Wer allerdings nur technisch zu denken gewohnt ist, sieht in den Bestandteilen bereits immer schon die Ereignisse, was zum hysterischen Kurzschluss und also in die funktionale Fehlwahrnehmung führt. In diesem Falle werden dann eben auch Dinge wie „schön“ oder „krank“ nicht als Gleichnisse, sondern als Ereignisse genommen.

Aus beiden Formen folgt also ein durchaus unterschiedlicher Zugang zur Welt: Der Mensch, der in Gleichnissen zu denken gelernt hat, verfügt über einen weit größeren Deutungs- und Abstraktionshorizont, er versteht es, das „Wesen“ der Dinge hinter den Beschreibungen zu erkennen, während der technisch denkende Mensch das Beschriebene nur wörtlich nimmt, was ihn quasi taub macht für die Aussagen, die sich erst aus der Gesamtheit gewisser Wortkombinationen, gewählter Beispiele und Sprachbilder ergeben. Er sieht die einzelnen Steine, weiß, was ein Stein bedeutet, erkennt aber nicht das Gebäude, das aus dem bewussten Zusammenspiel vieler Steine entstanden ist. Deshalb kommt es bei ihm so häufig zum typischen Automatismus in der Schlussfolgerung: Er hört ein bestimmtes, mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladenes Wort, ganz gleich, in welchem Zusammenhang, und es setzt sofort eine Kombinationsschaltung, ein Reflex bei ihm ein. Das technische Denken funktioniert also in gewisser Weise wie das Kausalitätsprinzip technischer Vorgänge; Wörter dienen bloß noch als fertiger Datenträger, der sie auf bestimmte Inhalte reduziert. Werden solche Wörter nun über ihre Grundbedeutung oder übliche Konnotation hinaus verwandt oder als Baumaterial zur Bildung einer Metaebene benutzt, führt das automatisch zu Missverständnissen, weil dem technisch Denkenden schlechterdings der Zugang dazu fehlt. Damit reagiert das Gehirn wahrscheinlich nur auf die relativ neuen Bedingungen, denen es in der technischen Welt ausgesetzt ist. Zu viele Informationen muss es täglich verarbeiten, weshalb das Organ – allein aus Kapazitätsgründen – zur Simplifizierung neigt. Und deshalb kommt es beinahe zwangsläufig in der durch Technik beherrschten Welt zur Herrschaft oder doch wenigstens zur Dominanz technischen Denkens. Die Bedächtigen, Nachdenklichen, Unentschlossenen, die vieles berücksichtigen, bevor sie sich ein Urteil bilden, werden durch die buchstäblich Kurzentschlossenen, die immer in der Mehrheit sind, verdrängt. Das hat Folgen nicht nur für die Politik, in der sich der technisch denkende Typus inzwischen durchgesetzt hat, sondern für die Kommunikation überhaupt. Das Missverständnis wird für diejenigen, die sich dem „technischen“ Denken noch nicht angepasst haben, zum Dauerrisiko.

Vielleicht erklärt das ein wenig die groben, geradezu böswilligen Missverständnisse, die bei Nennung gewisser Dinge immer wieder ausgelöst werden. Vielleicht; sofern man diesem Phänomen nicht eine viel einfachere Ursache zugrunde legen wollte...


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