24. August 2010

Homo Absolutus Wieviel Absurdität verträgt der Mensch?

Die Medien, der Staat und die geduldete Anarchie

Zeitungslesen gewöhnt an die Wirklichkeit, also an das, was öffentlich wirkt: Man erfährt, was als „wichtig“ gilt, und damit auch, wie die Öffentlichkeit tickt. Die Gewöhnung besteht nun darin, das öffentliche Interesse zum eigenen zu machen, indem man an den Themen, die behandelt werden, interessiert teilnimmt.

Es interessieren sich die meisten auch tatsächlich für das, was in der Zeitung steht, und zwar deshalb, weil ihr Interesse für die Dinge durch die Zeitung erst hergestellt wird. – Was aber, wenn die Inhalte erkennbar immer abstruser werden? Gewöhnen wir uns dann auch an das Abstruse?

Man nehme etwa den Berliner „Tagesspiegel“, und mache sich ein Bild, wenn da wieder einmal zu lesen ist: „Erneut hat eine überwiegend aus Migranten bestehende Menschenmenge Polizisten attackiert. Am Freitagabend sollte ein Angolaner festgenommen werden, der einen Deutschen gewürgt hatte. Der Angreifer wehrte sich heftig gegen die Beamten, das wiederum fand das Interesse einer aufgebrachten Menge von 30 Personen, die sich blitzschnell zusammenfand und die Polizisten verbal attackierte und bedrängte, wie es im Polizeibericht heißt. Sechs Beamte wurden leicht verletzt. Einen Abend zuvor sollte ein aus Nigeria stammender Dieb zu einer Streife gebracht werden. Als der Mann zu brüllen anfing, kamen schnell rund 50 Menschen zusammen, die die Beamten aggressiv bedrängten, die Freiheit des Mannes forderten und auf Platzverweise nicht reagierten.“ Auslöser seien „Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit der polizeilichen Maßnahme“, aber auch „die grundsätzliche Nichtanerkennung der staatlichen Autorität“. Mehrfach sei „den Beamten aus der Menge heraus fremdenfeindliches Verhalten vorgeworfen worden.“

Man blättert weiter und stößt auf eine Anzeige des „Spiegel“, dessen Aufmacher lautet: „Allein gegen Hitler. Wie Churchill die Nazis stoppte.“ – So so, Churchill stand also ganz allein im Kampf gegen die „Nazis“. Passend zur Titelstory wird daneben für eine DVD geworben, die den Titel trägt: „Die Blitzkrieg-Legende. 1940: Der deutsche Überfall auf Frankreich.“ Und nun reibt man sich wirklich die Augen: Zwar hat Frankreich (zusammen mit England) dem Deutschen Reich (oder doch bloß den „Nazis“?) bereits am 3. September 1939 den Krieg erklärt, befand sich daraufhin monatelang mit der unentschlossenen Wehrmacht im „Sitzkrieg“, um dann doch noch „überfallen“ zu werden? Tja, das logisch Unmögliche gelingt eben nur den Deutschen.

Drei Seiten weiter erfährt man, dass die „Nazis“ aber natürlich weiterhin laufend neu gestoppt werden müssen, denn in Bad Nenndorf hätten rund 800 von ihnen wieder zu „marschieren“ versucht, was diesmal jedoch nicht von Churchill, sondern von „engagierten Bürgern“ verhindert wurde: „Eine Gruppe konnte mit einem Kleinbus samt Anhänger hinter die Polizeisperrung fahren, eine etwa 1,30 Meter hohe Betonpyramide abladen und vier Menschen anketten. Sympathisanten unterstützten sie mit einer Sitzblockade. Eine Gegenkundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) war bereits zuvor zu Ende gegangen. Dort hatten mehr als 1200 Menschen gegen rechts demonstriert. Die Demonstration war vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg erlaubt worden, nachdem das Verwaltungsgericht Hannover sie verboten hatte. Die Grünen im Bundestag begrüßten die Entscheidung des Lüneburger Gerichts. ‚Es wäre den Bürgern nicht zuzumuten gewesen, den von den Nazis für die nächsten Jahrzehnte angemeldeten Aufmärschen jeweils tatenlos zusehen zu müssen’, hieß es in einer Erklärung. Eine solche Entscheidung hätte das Vertrauen der Menschen in den demokratischen Rechtsstaat nachhaltig beschädigt.“ – Vertrauennachhaltigbeschädigt... Verunsichert blättert man zur ersten Geschichte zurück und fragt sich, inwieweit alle drei miteinander zusammenhängen.

Wo die Grenzen zwischen Berichten völlig absurder Zustände, Propaganda und Realsatire quasi aufgehoben sind, kann man, mit der gehörigen Portion Sarkasmus, richtig Spaß bei der Lektüre haben.

Doch wann vollzieht sich der Übergang vom Ärgerlichen ins Komische, und was geht während dieses Sprungs kaputt im Menschen? Das heißt, wann ist sein Vorrat an Loyalitätsbereitschaft verspielt? Wenn sich Vertrauen in Zynismus wandelt, ist jede Staatsidee – auch die des liberalen Nachtwächterstaates – im Grunde gescheitert. Denn ein Gemeinwesen, dessen Mitglieder von ihren Medien gewissermaßen verhöhnt werden, während die Bürger zu großen Teilen ihrerseits auch nur noch Spott und Hohn für die Verantwortlichen übrig haben, ist eben im klassischen Sinne kein Staat mehr, sondern befindet sich im Zustand geduldeter Anarchie in Form von wachsender Gleichgültigkeit. – Wie lange ein solcher Zustand sich selbst trägt und wie weit er sich ausdehnen lässt, wird gerade experimentell erprobt.


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