02. September 2010

Charakter und Persönlichkeit Warum protestieren?

Die Hintergründe der Proteste um den Stuttgarter Hauptbahnhof

Am Wochenende demonstrierten wieder Zehntausende in Stuttgart gegen den fast fünf Milliarden Euro teuren Umbau des dortigen Hauptbahnhofs. Da es sich bei dem Bauvorhaben um ein reines Prestigeobjekt von zweifelhaftem Nutzen für die Bürger der Stadt handelt, gibt es kaum stichhaltige Argumente, die für die Realisierung des Mammutprojekts sprechen. Dennoch lassen die verantwortlichen Betreiber nicht mit sich reden. Die Sache soll durchgezogen werden, auch gegen jeden Sinn und Verstand; basta! Denn natürlich geht es längst nicht mehr um notwendige Modernisierung, fortschrittliche Innovation oder Standortvorteile – sondern schlechterdings allein um den Profit der Beteiligten. Und natürlich um Macht, das heißt: Die Vertreter der politischen Klasse, des neuen Feudalismus, demonstrieren sich gegenseitig ihren Anspruch auf die totale, also alleinige Entscheidungsgewalt. Indem Politik über die Köpfe der Bürger hinweg gemacht wird, ohne dass diese an der Rechtmäßigkeit der sie regierenden politischen Klasse insgesamt zu zweifeln beginnen, zeigt das den Herrschenden, welche Macht sie über die Beherrschten haben. Denn mächtig ist nicht, wer sich durchsetzt, sondern wer in der Lage ist, seine Gegner zur Machtlosigkeit zu verurteilen.

Eines der Banner, das die Protestierenden mit sich führten, trug die Aufschrift: „Unser Bahnhof hat, was Schuster, Mappus, Drexler & Co. fehlt – CHARAKTER“. Damit ist etwas ausgesprochen, das den Kern der Problematik berührt: Charakter bedeutet Persönlichkeit, und Persönlichkeit wird stets durch ein Ethos verkörpert. Wo kein Ethos lebt, ist auch keine Persönlichkeit möglich. Die Duodezfürsten des 18. Jahrhunderts waren größtenteils ebenfalls ohne Persönlichkeit. Und das hatte durchaus Methode, denn jede Form von Feudalismus muss darauf bedacht sein, Persönlichkeiten zu verhindern. Nur dann lässt sich Herrschaft im absoluten Sinne leben. Die Stärke etwa eines Christian Wulff besteht gerade darin, keine Persönlichkeit zu haben. Das, und allein das prädestiniert ihn für das Amt des Bundespräsidenten im gerade entstehenden Neofeudalismus. Man lese nach, wie sich ein Heinrich von Stein auf dem Wiener Kongress fühlte, wie er sich dort ausnahm unter all den korrumpierten Standesvertretern, deren qualifizierendes Merkmal eben auch ihr Mangel an Persönlichkeit war. Damals folgten aus dieser Situation heftige Unruhen, die erst durch staatliche Repression (Karlsbader Beschlüsse) erstickt werden konnten. Dennoch gaben die politisch Ohnmächtigen nicht auf, arbeiteten weiter auf Veränderungen hin, wollten die „bürgerliche Revolution“. Obwohl diese zweimal (1833, 1848) scheiterte, blieben die liberal-demokratischen Bestrebungen nicht ohne Auswirkungen auf die Gesamtentwicklung. Preußens Vormachtstellung seit den 1850er Jahren ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass besonders dort die (bürgerliche) Kompetenz in Form echter Persönlichkeiten Einzug in die Politik erhielt. Persönlichkeiten, die zu klugem, weitsichtigem Handeln entschlossen waren, während in anderen Staaten oft noch die Willkür des Feudaldünkels vorherrschte. Mochte es unter den Kompetenzen auch einige „Reaktionäre“ gegeben haben, es waren dennoch Persönlichkeiten, das heißt, sie hatten Charakter und sorgten sich um das Ganze, nicht um ihren persönlichen Vorteil.

Darin besteht der Unterschied. Gegen Charakterlosigkeit lässt sich nicht demonstrieren. Denn nur wer Charakter hat, ist durch Proteste überhaupt zu beeindrucken. Das preußische Ethos war damals auch politisch wirksam geworden und hatte seinen entscheidenden Anteil an der Entwicklung Deutschlands. Davon kann derzeit keine Rede mehr sein. Und deshalb wird der Wille der Bürger von der politischen Klasse nicht nur in Stuttgart hartnäckig ignoriert.


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