Frank Lisson

Jahrgang 1970, ist ein philosophischer Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Homo Absolutus. Nach den Kulturen".

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Globalisierung: Über die Utopie vom Wohlstand aller

von Frank Lisson

Lieber Armut für alle als Reichtum für nicht alle?

Im neuen Buch der indischen Publizistin und Globalisierungsgegnerin Arundhati Roy, „Aus der Werkstatt der Demokratie“, kann man sie wieder lesen, diese alte, kindlich-naive, listig-verlogene Forderung nach einer „global gerechten“ Verteilung aller Güter. Roy schaut auf Indien und stellt fest, dass es auch dort immer noch eine Menge Arme gibt, die am wachsenden Wohlstand des Landes nicht teilhaben, wohl auch nie teilhaben werden.

Seit den achtziger Jahren verfolgen alle indischen Regierungen eine wirtschaftsliberale Politik, die zur Öffnung der ehemals abgeschotteten Märkte des Landes geführt hat. Dadurch entstehen – nicht selten durch ausländische Investoren – überall Industrieansiedlungen mit dem Ziel, die dortigen Bodenschätze auszubeuten. Da Indien aber nicht gerade rar besiedelt ist, geschieht dies zumeist auf Kosten der dort ansässigen Bevölkerung, die nur bedingt in den Strukturwandel mit einbezogen werden kann. Das ist natürlich ein Problem. Denn diese Leute sind tatsächlich die Opfer der Entwicklung.

Andererseits ist das leider der Preis, den jedes Land – auch und gerade in Europa – bisher immer gezahlt hat, das den Sprung von einem Agrar- in einen Industriestaat vollzog. Indien ist inzwischen ein boomendes Land mit ernstzunehmenden Aussichten auf wirtschaftliche und damit politische Bedeutung von Weltrang. In dem einstigen Armenhaus gibt es mittlerweile 54 Milliardäre, die mehr als 20 Prozent des Volkseinkommens unter sich aufteilen. Daneben sind aber auch gut 300 Millionen Menschen zu einem bescheidenen bis ansehnlichen Wohlstand gelangt. Das entspricht immerhin der Hälfte der Einwohner Europas. Die Mehrheit der 1,1-Milliarden-Bevölkerung lebt aber freilich weiterhin in Armut. Wie auch sonst, möchte man einwenden, die Realität solcher Entwicklungen vor Augen. Aber die emotional wirksameren Argumente haben natürlich Leute wie Roy auf ihrer Seite.

Was nun stutzig macht, ist die infame Ignoranz, mit der immer wieder so getan wird, als sei Wohlstand zum Nulltarif zu haben, ja als gäbe es sogar ein Recht auf Wohlstand aller. Diese Leute sehen stets nur auf das Ergebnis, ohne den Weg dorthin zu berücksichtigen. Auch Europas Reichtum fiel nicht vom Himmel. Er ist vielmehr das Ergebnis zahlloser Anstrengungen, Kämpfe – und natürlich auch Ungerechtigkeiten. Hinzu kommt: Über zwei Jahrtausende lang, von Alexander bis zur Gründung der Ostindien-Kompanien, blickte der Okzident neidvoll-begehrlich, aber auch verklärend auf die ungeheuren Reichtümer Indiens, wie auf das irdische Paradies.

Warum also wird den heute Wohlhabenden so gern ein schlechtes Gewissen eingeredet? Denn natürlich können all jene, die sich über die Ungerechtigkeit empören, auch keine Alternativen dazu anbieten. Sie beklagen nur die Armut in der Welt und fordern eine andere Verteilung der Reichtümer. Sie suggerieren: Solange es noch Arme gibt, darf kein Reicher gut schlafen, denn sein Wohlstand gründet auf der Ausbeutung der Armen. – Wieviel Ressentiment steckt immer noch hinter solchen Vorwürfen? Wieviel Utopismus, wieviel falscher Idealismus, wieviel Unaufrichtigkeit? Es ist der verlogene Traum vom kommunistischen Schlaraffenland, in dem alle gleichermaßen am Wohlstand teilnehmen – der aber wie verwirklicht werden soll? Denn keine geschichtlichen Erfahrungen ermutigen zu der Phantasterei, die Menschheit könne irgendwann einen Zustand erreichen, in dem alle auf dem gleichen materiellen Niveau glücklich werden. Im Gegenteil: Was an Energieleistung und Ressourcenausbeutung aufzubringen nötig wäre, um fast sieben und bald neun Milliarden Menschen auch nur annähernd den Wohlstand der sogenannten Ersten Welt zu ermöglichen, würde den Planeten ökologisch ruinieren. Es müsste mehr als fünf Erden geben, um eine solche Belastung aufzufangen. Was also tun? – Die einzig denkbare Alternative, die bei solchen Anklagen stets heimlich mitzuschwingen scheint, ist die wohlbekannte, auch von Salonkommunisten gern aufgestellte Forderung: Solange es noch nicht gelingt, allen Menschen Wohlstand zu garantieren, sollen lieber alle arm sein, als nur wenige reich.

07. September 2010

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