14. September 2010

Gedankenfreiheit Von Athen nach Berlin

Über das hysterische und tyrannische Element niedergehender Demokratien

Kurz nach Ausbruch des Peloponnesischen Krieges (431-404) hielt der „erste Mann“ des demokratischen Athens, Perikles, seine berühmte Leichenrede auf die gefallenen Bürger, in der er das „demokratische Prinzip“ Athens hoch über das „aristokratische“ Spartas stellte und seine Stadt als die „Schule von Hellas“ pries. Allein in der Polis Athen gelte die freie Rede und man gehe duldsamer miteinander um als irgendwo sonst.

Perikles hatte allen Grund, auf die Freiheit stolz zu sein, denn sie war auch schon damals ein nur schwer einzulösender Vorsatz. Erst wenige Jahre zuvor hatte die Stadt den zutiefst rationalistischen Naturphilosophen Anaxagoras mundtot gemacht, weil er vom Kurs der damaligen politischen Klasse abwich. „Diejenigen“, lautete ein Athenisches Gesetz aus dem 5. Jahrhundert, „welche die göttlichen Dinge leugnen, oder aber in ihrem Unterricht theoretische Ansichten über die Himmelserscheinungen verbreiten, sind wegen Verletzung der Staatsordnung vor Gericht zu bringen.“ Anaxagoras wurde angeklagt, mit einer Geldstrafe belegt und aus Athen verbannt.

Noch während und vor allem nach dem Peloponnesischen Krieg brachen die alten kleingeistigen Machtkämpfe wieder aus, in denen sich zeigte, dass jeder Demokratie auch ein tyrannisches Element innewohnt, das immer dann zum Vorschein kommt, wenn die Herrschenden ihre jeweiligen „Götter“ durch Skeptiker bedroht sehen. Ihr Zorn richtet sich gegen die Zweifler und Freigeister, die sich in kein politisches System pressen lassen wollen. Damals waren das die Sophisten, deren Denken man mit heutigen Begriffen als „libertär“ bezeichnen könnte. So ist von dem bedeutendsten unter ihnen, Protagoras, ein Ausspruch überliefert, der ihm zum Verhängnis werden sollte. Er sagt: „Was die Götter betrifft, so vermag ich nicht zu wissen, weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind, noch von welcher Gestalt sie sind; denn vieles hindert dies zu wissen, zumal die Dunkelheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens.“

Ein unduldsames Klima, das durchaus mit dem Kampagneneifer und der Lust auf Hysterien moderner Mediengesellschaften verglichen werden kann, herrschte im demokratischen Athen, als der alternde Protagoras wegen dieser nonkonformen Ansichten in die Verbannung geschickt wurde und auf der Reise dorthin verstarb, während man seine Bücher öffentlich verbrannte. Wenig später traf es auch Sokrates, den man für einen Sophisten hielt und ihm nach einem Scheinprozess den Schierlingsbecher reichte. Und es waren zu nicht geringen Teilen dieselben Männer, die noch ein paar Jahrzehnte zuvor unter Perikles Athen zum Hort der Freiheit erklärt hatten.

Die Anklage gegen Sokrates lautete folgendermaßen: „Sokrates versündigt sich durch Ableugnung der vom Staat anerkannten Götter sowie durch Einführung neuer göttlicher Wesen; auch vergeht er sich an der Jugend, indem er sie verführt. Der Antrag geht auf Todesstrafe.“ Damit ist gemeint: Sokrates verstößt gegen die Kultordnung der Stadt, er pflegt eine unzeitgemäße Sicht auf die Dinge und fordert junge Menschen dazu auf, es ihm gleich zu tun. Das „neue göttliche Wesen“, von dem die Anklage spricht, ist das sogenannte „Daimonion“, eine „innere göttliche Stimme“, auf die Sokrates sich berief, wenn er beim Nachdenken zu anderen Ergebnissen gekommen war als die communis opinio. Dieses Daimonion hat jedoch nur warnende Funktion: Es rät ihm davon ab, dieses oder jenes zu tun. Man könnte also von einer Art „eigenem Gewissen“ sprechen.

Die Gestalt der „Götter“ wechselt in jedem Zeitalter. Doch immer geht es um den Machterhalt derer, die ihre Ideologie durch Kritiker bedroht sehen. Daran hat sich seit den Prozessen in Athen bis heute nichts geändert. Und vielleicht mildert diese Einsicht ein wenig den Ekel an der Politik, den der Umgang mit Sarrazin derzeit wieder auslöst.


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