29. November 2010

Politischer Wettbewerb Was tun unsere Abgeordneten für Jungen und Männer?

Initiative von AGENS und der "Freien Welt" fühlt Parteien auf den Zahn

Gemeinsam mit der Internet-Plattform abgeordneten-check.de und der Online-Zeitung "Freie Welt" führt die geschlechterpolitische Arbeitsgemeinschaft AGENS seit einigen Wochen eine Befragung durch, mit der Bundestagsabgeordneten auf den Zahn gefühlt wird: Wie halten sie es mit der durch die feministische Einseitigkeit entstandene Männerfeindlichkeit in der deutschen Politik? Anlass dafür waren Slogans wie "Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden" im aktuellen Parteiprogramm der SPD sowie Sprüche von Politikerinnen wie Cornelia Piper (FDP), die den Mann als ein von der Evolution überholtes "halbes Wesen" bezeichnet. Diese Stimmungsmache ist die Grundlage einer einseitigen Politik, die Frauen nutzt, aber Männern schadet. Hierzu legte die Initiative MANNdat vor wenigen Wochen einen Jungen- und Männer-Genderindex vor, in dem erstmalig aufgeschlüsselt ist, in welchen Bereichen (etwa Bildung, Arbeitsmarkt, Familie, Gesundheit) Jungen und Männer inzwischen deutliche Nachteile erleiden. Er liefert hierzu Daten auf Länderebene, wie sie selbst bei den statistischen Ämtern von Bund und Ländern nicht zu finden sind.

Die Abgeordnetenbefragung läuft noch immer, und jeder kann sich über das Internet leicht daran beteiligen. Inzwischen liegen allerdings die ersten aufschlussreichen Ergebnisse vor.

Mehrere CDU- und FDP-Abgeordnete sprachen sich für eine Gleichbehandlung der Geschlechter aus. In die CDU kam etwas Bewegung, nachdem mehrere hundert Bürger die Meinungsführer der Union mit ihren Fragen angesprochen hatten. Zuerst sprach sich die zuständige Fraktions-Sprecherin, Dorothee Bär (CSU), klar für die Wahrung der Menschenwürde von Männern und gegen die Abwertung des Männlichen aus. Später erklärte der Fraktionsvorsitzende der Union, Volker Kauder, „eventuelle Ungleichgewichte" in der Behandlung der Geschlechter abbauen zu wollen. Zu einer öffentlichen Distanzierung von den männerfeindlichen Äußerungen der Politikerinnen Cornelia Pieper (FDP) und Ursula von der Leyen (CDU) konnten sich die beiden bürgerlichen Parteien bisher allerdings nicht durchringen.

Folgt man der Darstellung Volker Kauders, scheint die schwarz-gelbe Koalition unter der von ihr proklamierten "eigenständigen Jungen- und Männerpolitik" vor allem die Fortführung bereits bestehender Projekte für Jungen und junge Männer zu verfolgen, welche diesen "erweiterte Perspektiven in erzieherischen und pflegerischen Berufen" eröffnen sollen. Miriam Gruß von der FDP nannte als Beispiele für die von den Liberalen verfolgte "modernen Gleichstellungspolitik" Projekte wie "Mehr Männer in Kitas" und den "Boys Day". Damit, so urteilen die Betreiber der Abgeordnetenbefragung, komme die schwarz-gelbe Koalition den Vorstellungen der oppositionellen Grünen nah, deren "grüne Jugendhilfepolitik" ebenfalls auf die Verbreiterung und Verstetigung von Projekten wie "Neue Wege für Jungs“ abzielt, die bereits unter Rot-Grün initiiert wurden. Auch die Grünen wollen durch eine "geschlechtergerechte Umgestaltung des Schulalltags" sowie "Aus- und Weiterbildungen in Genderkompetenz" für Lehrer darauf hinwirken, dass Jungen "tradierte Rollenbilder" stärker "überdenken". Außerdem wollen die Grünen dadurch auch die unter Rot-Grün bereitgestellten "Ressourcen in der geschlechtsbezogenen Jugendarbeit" sichern und erweitern. Worin der Unterschied zwischen der alten rot-grünen Gender-Politik und der neuen schwarz-gelben "eigenständigen Jungen- und Männerpolitik" besteht, konnten Union und FDP bisher nicht deutlich machen.

Die Sprecherin der Arbeitsgruppe Gleichstellungspolitik der SPD-Bundestagsfraktion, Christel Humme, erklärte im Namen der SPD-Fraktion gegenüber dem Verein AGENS e.V., dass sie die Kritik an dem umstrittenen Satz "Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden" aus dem SPD-Parteiprogramm nicht nachvollziehbar finde. Humme wertete zudem das vorherrschende Lebensmodell der großen Mehrheit der heutigen Bürger ab. Die Ehe mit dem Mann als hauptsächlichem Ernährer der Familie und der Frau als "Zuverdienerin" sei ein veraltetes, "traditionelles Rollenbild" und müsse überwunden werden.

Mit einem vorgefertigten Standardschreiben reagierte die Bundestags-Fraktion der Grünen auf die Kampagnenforderung "Männerfeindlichkeit stoppen". Darin heißt es, man könne die Forderung zum Stop der Männerfeindlichkeit "in vielen Punkten nicht nachvollziehen". Zwar halten es die Grünen für eine "Selbstverständlichkeit", dass kein Geschlecht das andere "dominieren" dürfe. Auch sehen sie klar, dass Jungen besonders häufig als Verlierer aus dem Bildungssystem fallen und bei schulischen Leistungen und Abschlüssen schlechter dastehen als Mädchen. Eine eindeutige Absage an Männer- und Jungenfeindlichkeit leiten die Grünen aus diesen Erkenntnissen allerdings nicht ab.

Hinweise:

Offenlegung: Der Verfasser ist Mitglied sowohl bei AGENS als auch bei MANNdat.

Aktueller Überblick über die Initiative "Männerfeindlichkeit stoppen!" mit der Möglichkeit zur Beteiligung auf abgeordneten-check.de

Jungen-und Männer-Genderindex von MANNdat


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