18. Januar 2011

Zeitenwende oder nicht Gibt es ein zurück zu mehr Freiheit?

Über Freiheit und Gleichheit

Seit das Internet Foren abseits der staatlich alimentierten und gelenkten Medien geschaffen hat, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Sache der Freiheit durchaus Fürsprecher gewinnt, und die Chance besteht, die stetig fortschreitende Bevormundung durch Bürokratie und Politik zurückzudrängen. Ist dieser Eindruck berechtigt? Sind wir inmitten einer Zeitenwende? Können Eigenverantwortung, Freiheit und Eigentum wieder von der Mehrheit der Politik verfolgte und angestrebte Ziele werden oder täuscht uns nur der plötzliche und unerwartete Zuspruch von einzelnen, weit verstreuten gleich Gesinnten?

Um diese Fragen zu beantworten, und um den Versuch einer Beurteilung der Erfolgsaussichten einer Zeitenwende unternehmen zu können, bedarf es des Verständnisses derjenigen Kräfte, die diese Wende herbeiführen könnten. Wir alle leben in demokratischen Sozialstaaten, in denen sich das Volk über die von ihnen gewählten Parteien selbst regiert. So richtig der Einwand, dass sich diese „Selbstregierung“ längst in eine Parteienoligarchie gewandelt hat, auch ist, so sind trotzdem die „Volksseele“, die Wünsche und Sehnsüchte der Masse das, was die Machthaber treibt. Es gibt keine Veränderung der Politik ohne Veränderung der Bedürfnisse der Masse.

Gustave Le Bon hat in seinem 1911 erschienenen Werk „Psychologie der Massen“ festgestellt, dass die Masse ebenso wie das Individuum über ein Unbewusstsein verfügt. Über eine gemeinsame, die Masse verbindende Geschichte, bestehend aus Traditionen, Anschauungen, Ideen und Gefühlen, die Einzelnen oft nicht bewusst, in der Masse aber unter der Oberfläche ständig vorhanden sind. Sie bilden die Wertebasis, das Rückgrat der Kultur, die Wünsche und Sehnsüchte, die Ängste und Vorlieben der Volksseele. Kein einzelnes Ereignis kann diese Grundlagen ändern, jeder Weg zu anderen Überzeugungen führt über große Zeiträume. Man wird von der Masse nur gewählt, wenn man die Bedürfnisse der Seele der Masse befriedigt.

Als im Zuge der Französischen Revolution Kirchen zerstört, Priester hingeschlachtet und der Atheismus zum Staatsprinzip erhoben wurde, war dies nur ein vorübergehendes Ereignis, das die Massenseele nicht verändern konnte. Nach wenigen Jahren kehrten die Menschen vom Atheismus zum strengsten Katholizismus zurück. Das ist leicht verständlich, war das kirchliche Heilsversprechen im Jenseits doch seit Jahrhunderten die wichtigste Säule der Massenseele. Diese Säule einzureißen bedurfte nicht nur der religiösen Entfremdung durch das Zeitalters der Naturwissenschaften und der Philosophie, es bedurfte auch einer Ersatzsäule. Das Verlangen der Masse nach Heil, Trost und Sicherheit ist so groß, dass ein Leben ohne ein entsprechendes Versprechen von der Mehrheit nicht ertragen wird.

Die französische Revolution legte den Grundstein für die Ersatzsäule, für das Heilsversprechen das das Glück im Jenseits entbehrlich machen sollte. Die neue Säule heißt Glück im Diesseits, geschaffen durch Gleichheit.

Dass am Beginn dieses Weges zu einem neuen Werterückgrat der Massen der erste rein ideologisch motivierte Massenmord der neueren Geschichte stand, sollte zu denken geben. Weitere Kinder der Idee der Gleichheit waren die allgemeine Wehrpflicht, der Nationalismus, die Zentralisierung und die Bürokratisierung. Aus der allgemeinen Wehrpflicht und dem Nationalismus wurde der totale Krieg der Völker, Zentralisierung und Bürokratisierung waren Folge und Notwendigkeit der Anstrengungen zur Herstellung der Gleichheit.

All dies hat im 19. Jahrhundert viele Geistesgrößen zu Gegnern sowohl der Idee der Gleichheit als auch der Demokratie gemacht. Was heute einer Gotteslästerung gleichen würde, wurde damals von großen Denkern ausgesprochen: Demokratie führt unweigerlich zu Sozialismus und Totalitarismus. Nietzsche nannte den aus der Demokratie erwachsenden Sozialismus die Tyrannei der Dümmsten und der Geringsten, der Oberflächlichen und der Schauspieler.

De Tocqueville sah bereits in bestechender Klarheit die Eigenschaften der künftigen Demokratien: „Sie (die Demokratie) möchte, dass die Bürger ihre Vergnügungen leben und nichts anderes als nur ihre Annehmlichkeit im Kopf haben. Sie arbeitet gerne zu ihrem Glück, doch will sie dessen einziger Schmied und Schiedsrichter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, baut vor und deckt ihren Bedarf, verhilft ihnen zur Unterhaltung, erledigt alle ihre wichtigen Angelegenheiten, lenkt ihre Tätigkeit, regelt Eigentumsveränderungen und teilt Erbschaften; es fehlt nur noch, dass sie ihnen die Mühe des Denkens und die Qual des Lebens abnimmt… Die Gleichheit hat die Menschen allen diesen Dingen gefügig gemacht: sie hat sie dazu gebracht sie zu ertragen, ja sie sogar als eine Wohltat anzusehen.“

Der Souverän verlangt heute das Glück im Diesseits, sein wichtigster Glaubenssatz ist die Gleichheit. Gleichheit nicht im Sinne der christlichen Gleichheit oder Gleichheit vor dem Gesetz, sondern eine Gleichheit, die nichts anderes ist als die feierliche Anerkennung des Neides und die Chimäre banaler Unfähigkeit. Gleichheit, die man nur nach der Vernichtung jeglichen Verdienstes und jeglicher Tugend verwirklichen kann.

Erfolg darf nicht mehr Ergebnis von Gabe, Fleiß und Eigeninitiative, sondern nur von Glück, Zeit und Ort sein. Heute sind wir in der Religion der Gleichheit bereits so weit fortgeschritten, dass selbst biologische Tatsachen wie das Geschlecht eingeebnet werden.

Die Französische Revolution verlangte neben der Gleichheit auch die Freiheit, erbrachte aber unmittelbar den Beweis, dass die Idee der Gleichheit, wenn sie nicht auf die Gleichheit vor dem Gesetz beschränkt wird, jede Freiheit zerstört.

Die unendliche Verschiedenartigkeit und Ungleichheit der Menschen kann nur durch Gewalt und Zwang beseitigt werden. Der Wunsch nach dem gleichen Menschen führt zu Ungleichbehandlung, zur Zerstörung des gleichen Rechtes für alle, am Ende zu Totalitarismus und Diktatur. Selbst die physische Ausrottung aller nicht Gleichen wurde mit Inbrunst von den größten Verkündern der Gleichheit betrieben. Die obszönsten Massenmorde der Menschheitsgeschichte waren das Ergebnis. Obwohl wir heute erst seit Kurzem auf diese Zeit der Menschenvernichtung unter dem Banner der Gleichheit zurückblicken, hat diese Idee nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Im Gegenteil. Heute ist die Macht der Agenten der Gleichheit größer denn je. Selbst die Kirche hat sich in weiten Teilen dem neuen Heilsversprechen angepasst.  Was einmal katholische Soziallehre war, ist heute primitivste Umverteilung.

Nach über 200 Jahren hat sich die Idee der Gleichheit, und damit die Zerstörung der Freiheit, in die Seele der Masse eingenistet. Der Egalitarismus hat den Charakter einer neuen Religion angenommen.

Gustav Le Bon beschrieb es wie folgt: „Trotz aller ihrer Fortschritte hat es die Philosophie nicht vermocht, den Massen ein Ideal zu bieten, das sie bezaubern konnte. Da ihnen aber Täuschungen unentbehrlich sind, so wenden sie sich unwillkürlich, wie die Motte dem Licht, den Rednern zu, die sie ihnen bieten. Die große Triebkraft der Völkerentwicklung war niemals die Wahrheit, sondern der Irrtum. Und wenn heute der Sozialismus seine Macht wachsen sieht, so erklärt es sich daraus, dass er die einzige Täuschung darstellt, die noch lebendig ist. Wissenschaftliche Beweisführungen können seine Entwicklung nicht aufhalten. Seine Hauptstärke liegt darin, dass er von Köpfen verteidigt wird, die die Tatsachen der Wirklichkeit genügend verkennen, um es zu wagen, den Menschen kühn das Glück zu versprechen. Die soziale Täuschung herrscht heute auf allen Ruinen, die die Vergangenheit auftürmte, und ihr gehört die Zukunft. Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“

Wer sich je gefragt hat, warum der Sozialismus heute zur Basis jeder Politik – selbst derer, die sich liberal nennt – wurde, findet die Antwort in diesem Zitat.

Die Idee der Gleichheit verspricht dem Menschen die Absolution von allen Unzulänglichkeiten. Sie verspricht Versorgung durch den allmächtigen Staat, nimmt die Bürde der Eigenverantwortung und befriedigt den Neid. Sie verspricht die Erschaffung eines neuen Menschen, frei von biologischen und ökonomischen Zwängen. Sie macht aus dünn dick, aus schön hässlich, aus arm reich und aus Frau Mann.

Die Idee der Gleichheit wurde als Heilsversprechen zur Säule der Seele der Masse und bestimmt so jede Politik. Was wir als hoffnungsvolle Zeichen einer Zeitenwende wahrnehmen, sind nur die kleinen Wellen auf den Tiefen der Massenseele. Die Rückkehr zu einer Ideologie der Freiheit und des Eigentums bedürfte der Änderung der Seele des Regenten. Setzt man voraus, dass sich die Gesellschaft überhaupt wieder in die Richtung der Freiheit bewegt, bleibt zu befürchten, dass die Zeitspanne, die für eine derartige Änderung notwendig ist, sich seit der letzten nicht wesentlich verkürzt hat.

So ausweglos die Unabänderlichkeit der Bedürfnisse der Massenseele nach Gleichheit für die Sache der Freiheit auch erscheint, es gäbe Mittel die schlimmsten Auswüchse dieses Strebens einzudämmen.

In der Marktwirtschaft sorgt der Wettbewerb für Ungleichheit, Fortschritt und Freiheit. Er ist der Zerstörer von Trägheit und Gewinnsucht, von Macht und Bevormundung. Der Wettbewerb ist ein höheres, vom Menschen unabänderliches Korrektiv in allen wirtschaftlichen Handlungen. Um die Freiheit nicht gänzlich zu verlieren, bedarf es derartiger Korrektive. Überall wo der Mensch schrankenlos seinen Bedürfnissen und Wünschen nachgehen kann, scheitert er.

Der Zerfall unserer Währungssysteme, die endlos ausufernden Staatsverschuldungen und damit die Gefährdung unseres wirtschaftlichen Wohlstandes, sind Ergebnis des Fehlens dieses Korrektivs in der Geld- und Zinswirtschaft. Solange die Geldvermehrung durch das Fehlen eines Warenstandards menschlichen Bedürfnissen ausgeliefert ist, wird das Ergebnis immer die Zerstörung des Geldes sein. Wohlstand braucht Wettbewerb und echtes Geld.

Das Korrektiv für eine Politik, die die Selbstregierung der Masse darstellt, ist viel schwieriger zu finden. Kaiser Franz Joseph sagte einmal, er sehe seine Aufgabe darin, seine Völker vor ihren Regierungen zu schützen. Wer oder was kann uns heute vor unserer Regierung, vor den Vollstreckern der Bedürfnisse der Massenseele schützen?

Es könnte nur eine Rückkehr zum Prinzip des „rex sub lege“, zur Festlegung unabänderlicher Prinzipien und Gesetzte sein, die quasi zum kategorischen Imperativ jeder Politik werden müssten. Die Etablierung solcher unabänderlicher Prinzipien in einem System des Rechtspositivismus stellt fast eine Unmöglichkeit dar. Es wäre jedoch die einzige Chance, langfristig die Werte Eigentum und Freiheit, abseits kurzfristiger, aktuellen Anlässen geschuldeter politischer Minimalsiege, zu erhalten.

Literatur

Erik R. V. Kuehnelt-Leddihn, „Freiheit oder Gleichheit“

Alexis de Tocqueville, „Über die Demokratie in Amerika“

Gustave Le Bon, „Psychologie der Massen“

Felix Somary, „Krise und Zukunft der Demokratie“

Hans Hermann Hoppe, „Eigentum, Anarchie und Staat“

Ludwig von Mises, „Vom Wert der besseren Ideen“

F. A. von Hayek, „Die Verfassung der Freiheit“


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Jürgen Fuchsberger

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