18. Februar 2011

Athanasios die Glosse Die Guttenberg-Fibel

„E pluribus unum“

Auf Eigentumsrechte versessene Kritiker behaupten, die Doktorarbeit unseres Verteidigungsministers sei ein Plagiat. Zeitungen mit weiter Verbreitung wollen durch Grafiken belegen, dass der Baron seinen Doktorhut durch den Raub fremder Textstellen erworben hat. Dabei ist versäumt worden, eine Methode der Textkritik anzuwenden, die Jorge Luis Borges in „Pierre Menard, Autor des Quijote“ zur Vollendung gebracht hat: die mikroanalytische Kollation.

Vergleicht man nämlich nach dieser Methode den Anfang von Guttenbergs Doktorarbeit mit Barbara Zehnpfennigs „FAZ“-Essay über das Vorbild Amerikas für Europa, sticht ins Auge, dass von geistigem Diebstahl kaum die Rede sein kann. Hier der Zehnpfennig-Text: „‚E pluribus unum’, ‚Aus vielem eines‘ – so lautete das Motto, unter dem vor rund 200 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden, und dieses Motto ist programmatisch zu verstehen.“ Dagegen die von der Hand Guttenbergs gegossenen Lettern: „‚E pluribus unum’, ‚Aus vielem eines‘– so lautete das Motto, unter dem vor über 215 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden. Ein Motto, das programmatisch zu verstehen ist.“ Welches Motto hier als Programm zu verstehen sei (jenes aus dem vorangehenden Satz oder doch ein anderes, geahntes?) bleibt elegant in der Schwebe. Muss die Politologin ein Freimaurer-Motto heranziehen, das gerade einmal 200 Jahre auf dem bürgerlichen Buckel hat, so ist es für den Baron ein Leichtes, aus dem Gewölbekeller der überreichen Familiengeschichte eine 15 Jahre gereifte heraldische Devise zu schöpfen. Vom schneidigen Umbruch des Dissertationstextes, vom kleinlichen Zeitungsgehäcksel (sechs Trennungsstriche nacheinander!) soll hier vornehm geschwiegen werden.

Wer von meiner Kollation zur Ehrenrettung des Ministers nicht überzeugt ist, dem sei zum Troste ein Wort ins Ohr geflüstert: „E pluribus unum“, aus vielen Texten ein Nachschlagewerk zu den „konstitutionellen Entwicklungsstufen in den USA und der EU“, ist nur das passende Motto zur Guttenberg-Fibel –eine paratextuelle Anspielung, kein politisches Bekenntnis. Karl-Theodor zu Guttenberg ist nämlich gar kein „echter“ Atlantiker.


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