26. Februar 2011

Neues von Muammar al-Gaddafi Wie wird der Da-da-Diktator seinen Abgang inszenieren?

Er gehört zu jenen Menschen, für die es keine Rente gibt

Tatsächlich: Die Revolution hat auch Libyen erreicht. Damit hatte vor zwei Wochen noch niemand gerechnet – auch ich nicht, als ich für das Schwerpunktthema „Arabische Revolution“ in der aktuellen ef-Ausgabe ein paar Betrachtungen über den „Dadaisten auf dem Königsthron“ Muammar al-Gaddafi geschrieben habe.

Massenproteste gegen Gaddafi – und einmal mehr hat der Revolutionsführer die Welt überrascht: Allerdings auf weit weniger amüsante Weise als bei seinen skurrilen Auftritten vor den Gremien der internationalen Politik. Rechnete man doch lange damit, Gaddafi würde den Unmut seiner Landsleute mit sozialen Wohltaten, mit petrodollarfinanzierten Preissenkungen und Lohnsteigerungen stillen – doch der selbsternannte König der Könige hat sich für eine sehr viel weniger aristokratische Alternative entschieden: Exzessiv und brutal lässt er sein eigenes Volk niederschießen – eine fatale Entscheidung, die nicht zuletzt seinen Untergang schneller besiegeln könnte, als es sich auch der optimistischste prodemokratische westliche Beobachter vor kurzem hätte träumen lassen.

Doch Gaddafi wäre nicht Gaddafi, wenn er nicht auch seinen Abgang ins Bizarre drehen würde. Nach tagelangem Schweigen meldet er sich in einer 22-sekündigen Videobotschaft zu Wort, aus einem Auto heraus, mit aufgespanntem Regenschirm in der Hand – kundgebend, er habe ja so gerne mit den jungen Demonstranten reden wollen, aber leider Gottes habe es dann zu regnen angefangen...! Herrje, ärgerlich aber auch – wäre das Wetter bloß besser gewesen, dann wäre uns das Blutvergießen erspart geblieben!

Aber nur 22 Sekunden? Gaddafi ist doch sonst kein Freund aphoristischer Verknappung. Da wundert’s wenig, dass er seiner asketischen Regenschirmperformance noch am selben Tag eine 74-minütige Mammutrede folgen lässt, in der er, ganz der Alte, herumschreit, brüllt und wütet, von einem Thema zum nächsten springt, nochmal sein ganzes Lebenswerk Revue passieren lässt und schließlich für die revolutionären Ereignisse eine ganz eigene Erklärung findet – nicht die Zionisten sind schuld, genausowenig die Amerikaner, nein: Al Kaida ist’s gewesen: Die Islamisten haben der libyschen Jugend nämlich nachts heimlich Drogen in ihren Nescafé gemischt - und von dieser schweizerisch-afghanischen Melange um den Verstand gebracht, ziehen die jungen Leute nun verwirrt gegen ihren Revolutionsführer auf die Straße.

Unterdessen verliert Gaddafi einen Getreuen nach dem anderen. Innen- und Justizminister, mehrere libysche Diplomaten, sogar sein Cousin haben sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen. Der Osten des Landes ist schon in Rebellenhand, Gaddafis Sturz scheint nur noch eine Frage der Zeit. Während der Machthaber seine Landsleute beherzt ermuntert, zu tanzen, zu singen und fröhlich zu sein, gar die universelle Bewaffnung des Volks zur Verteidigung gegen die ausländischen Aggressoren ankündigt, wird Stück um Stück die düstere Ahnung aus seinem 1995 verfassten Essay „Die Flucht in die Hölle“ Wirklichkeit: Die Massen, die ihrem Führer zujubeln, stehen nicht an, ihn schon im nächsten Moment vom Thron zu stürzen. In seiner historischen Beispielkette - Hannibal, Perikles, Savonarola, Danton, Robespierre, Mussolini, Nixon – kann sich Gaddafi allmählich selbst den nächsten Platz reservieren.

Wie wird es mit dem libyschen Exzentriker weitergehen? Gerüchte sahen ihn vergangene Woche bereits auf der Flucht zu seinem Kumpel Hugo Chavez nach Venezuela – eine Behauptung, der er durch seine Videobotschaft vor libyscher Kulisse rasch den Boden entzogen hat. Stattdessen kündigte er an, notfalls den Märtyrertod sterben zu wollen – und sein Ex-Justizminister mutmaßt, Gaddafi werde es „wie Hitler machen“ und Selbstmord begehen.

Unzweifelhaft jedenfalls, dass Gaddafi aus anderem Holz geschnitzt ist als seine gestürzten Kollegen Ben Ali und Mubarak. Einen geruhsamen Lebensabend in Saudi-Arabien, Scharm El-Scheich oder auch Venezuela kann – und möchte! – man sich bei ihm nimmermehr vorstellen. Trotz aller ironischen Brechung, trotz allem dadaistischen Verwirrspiel – oder vielmehr gerade deswegen? – ist der Mensch Muammar al-Gaddafi mit seiner politischen Rolle eins geworden. Er gehört zu jenen Menschen, für die es keine Rente gibt – Künstler, Mönche, Weltverbesserer, Punks, Erfinder, Propheten und alle anderen, denen die Nachsilbe -ung das wichtigste an ihrem Beruf ist. Von den erwähnten Protagonisten seiner Vorläuferkette sind nur zwei – Perikles und Nixon – eines natürlichen Todes gestorben. Savonarola, Danton, Robespierre und Mussolini kamen durch fremde, Hannibal durch seine eigene Hand ums Leben.

Ja, Hannibal. Ein Nordafrikaner wie Gaddafi – dessen Sohn vielleicht nicht zufällig den gleichen Namen trägt. Hannibal, Feldherr eines untergehenden Alten Orients, der einen zunehmend aussichtsloser werdenden Kampf gegen die übermächtige neue westliche Vormacht Rom führt – Gaddafi, Beduinensohn aus der libyschen Wüste, der einen nicht minder aussichtslosen Guerilla- und Windmühlenflügel-Kampf gegen die übermächtigen Konventionen und Regularien verordneter Langeweile in der (ebenfalls westlich geprägten) internationalen Politik ausficht.

Es wäre konsequent, wenn Gaddafis Ende dem Ende Hannibals gliche. Nur ist Konsequenz wirklich das allerletzte, was man mit Gaddafi in Verbindung brächte. Oder ob uns der zeitlebens Inkonsequente womöglich am Ende durch ungeahnte Konsequenz vor den Kopf stoßen sollte?

Egal. Lassen wir uns überraschen. Warten wir auf den nächsten – vielleicht den letzten – Haken, den der Dada-Diktator, der Anarcho-Monarch Muammar al-Gaddafi schlagen wird. Das Schlusskapitel ist noch nicht geschrieben.

Literatur

Martin Johannes Grannenfeld: Ausnahmeerscheinung al-Gaddafi: Dada auf dem Königsthron, in eigentümlich frei Nr. 110


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Martin Johannes Grannenfeld

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