16. April 2011

Nachruf Gerd-Klaus Kaltenbrunner

Lichtmystiker und Gegenwartsverweigerer

Gerd-Klaus Kaltenbrunner ist tot. Am Dienstag ist er mit 72 Jahren in Lörrach gestorben, nicht weit von jenem kleinen Dorf im Schwarzwald, wo er die letzte Zeit seines Lebens nahezu einsiedlerisch verbracht hat.

Wer ist Gerd-Klaus Kaltenbrunner? – Viele werden ihn nicht kennen. Um ihn, der in den 70er und 80er Jahren als konservativer Vor- und Querdenker bekannt, bewundert und bekämpft war, der zeitweise gar als wichtigster konservativer Publizist Nachkriegsdeutschlands gehandelt wurde, ist es in den letzten zwei Jahrzahnten fast gespenstisch still geworden.

Es war Anfang der 90er Jahre, als aus dem ehemals hochpolitischen Poltergeist, der viele Jahre für den Herderverlag die Anti-68er-Schriftenreihe "Initiative" herausgegeben hatte, ein tiefgläubiger Katholik wurde. Seit dieser Zeit hießen seine konservativen Idole nicht mehr Moeller van den Bruck oder Carl Schmitt, sondern Meister Eckhart, Leopold Ziegler und – vor allem – Dionysius Areopagita. Diesem frühkirchlichen Lichtmystiker und Engelslehrer hat er schließlich 1996 sein letztes Werk, das über tausend Seiten starke Opus Summum "Dionysius vom Areopag. Das Unergründliche, die Engel und das Eine" gewidmet: eine überbordende Gesamtschau christlicher Weltdeutung, in der er, ungetrübt von jeglicher aufklärerischen Denkungsart, weitherzig, hochgebildet und dennoch zutiefst katholisch-orthodox einen faszinierend buntschillernden Kosmos beschwört, der für Engelshierarchien, Heiligenlegenden, Kaisermystik, negative Theologie, indische Mythen, romantische Dichtung, Nonnenvisionen und antike Philosophie gleichermaßen Platz bietet. Es ist ein Kosmos, in dem Gott, die Engel und die Heiligen keine symbolischen oder kunstgeschichtlichen Topoi sind, sondern flammende Wirklichkeiten: so sehr war Kaltenbrunner von der Wirklichkeit der Engel überzeugt, dass er gar in einer Randbemerkung – vorsichtig flankiert vom Satz "ich frage bloß…" – mutmaßte, gewisse erschreckte Bewegungen, die man an Haustieren bisweilen beobachte, könnten, dem Muster von Bileams Esel folgend, auf Begegnungen der Tiere mit den himmlischen Heerscharen zurückzuführen sein…

Nun ist Gerd-Klaus Kaltenbrunner, der Verrückte-Entrückte, der Einsiedler im geistigen wie im realen Leben, gestorben. Es schmerzt mich ein wenig, dass ich ihn nie persönlich kennengelernt habe, schließlich war er über mehrere Jahre der wichtigste und inspirierendste Denker für mein eigenes Schauen und Begreifen. Die einzige persönliche Erinnerung, die ich von ihm habe, sind zwei handschriftliche Briefe aus dem Jahr 2006, überaus herzliche und liebenswürdige Zeilen, die er mir sandte, nachdem ich all meinen jugendlichen Übermut zusammengenommen und gewagt hatte, ihm ein Manuskript aus meiner Feder zuzuschicken.

Schon damals deutete er an, er sei gesundheitlich angeschlagen. Ihm falle das Schreiben schwer, er könne deshalb nicht immer antworten – ich möge mich aber dennoch gerne wieder bei ihm melden. Die Jahre vergingen, vieles kam dazwischen. Es kam nie wieder dazu, dass ich ihm einen Brief schickte, geschweige denn, dass ich ihn einmal in seinem Schwarzwaldrefugium besucht hätte – die einzigen beiden Wege, die einem offenstanden, wenn man mit dem zurückgezogenen Schriftsteller Kontakt aufnehmen wollte.

So bekam ich nichts mehr von ihm mit. Er publizierte schon seit 1996 nicht mehr. Zu seinem siebzigsten Geburtstag 2009 erschienen eine Handvoll Artikel. Gelegentlich recherchierte ich im Internet, ob es womöglich Nachrichten über sein Ableben gäbe. Heute nun, leider, wurde ich fündig. Ich hatte es schon geahnt, denn auf meinem Weblog, wo ich ihn gelegentlich zitiert hatte, waren vermehrt Besucher aufgetaucht, die über Google nach seinem Namen gesucht hatten.

Die öffentlichen Reaktionen? Fast keine. Bisher – jedenfalls soweit es für Google News greifbar ist – sind ganze zwei Nachrufe erschienen: einer in der "Jungen Freiheit", ein anderer in der Zeitschrift "Sezession". Beide sind eilig in die Vergangenheitsform gesetzte Adaptionen von bereits früher erschienenen Artikeln. Der vorliegende Nachruf ist in den ganzen Weiten des Internets der erste – und vielleicht wird es der einzige bleiben –, der eigens zu Kaltenbrunners Tod verfasst wurde.

Was traurig erscheint, ist eigentlich nur konsequent. Kaltenbrunners archaisch-katholische Wende Anfang der 90er Jahre – von manchem seiner politischen Mitstreiter bedauert, von manchem belächelt – ist die radikalstmögliche Opposition, die ein Mensch von heute gegenüber dem Zeitgeist betreiben kann. Als sich Kaltenbrunner in den 70er Jahren aktiv ins politisch-intellektuelle Geschehen einmischte, hatte er, indem er eine erklärte Gegenposition zum linksrevolutionären Mainstream einnahm, das herrschende Kategoriensystem dennoch ex negativo bestätigt. Zwanzig Jahre später scherte ihn nicht mehr, was die Gegenseite dachte – für den Vereinzelten gab es ohnehin keine Gegenseite mehr. Er hatte eine geistige Unabhängigkeit erreicht, die ihresgleichen sucht: ich bin ihr in diesem Ausmaß bei keinem anderen mir bekannten zeitgenössischen Denker begegnet.

Der Einsiedler betreibt Subversion gegen die Welt und ihre Normen, indem er sie ignoriert. Er verweigert sich der totalsten Diktatur, die es gibt: der Diktatur der Gegenwart. Niemand kann in der Zeit zurückreisen, auch von den größten Heiligen wird das nicht berichtet. Aber man kann sich seiner Zeit verweigern. Man kann, körperlich in dieser Welt verbleibend, eintauchen in vergangene, in erträumte, in himmlische Welten. In jene Welten, in denen Gerd-Klaus Kaltenbrunner jetzt endgültig angekommen ist.


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Martin Johannes Grannenfeld

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