05. Mai 2011

Mein Vorschlag für Griechenland Haare ab!

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende

Eines der ersten Bücher über Strategie hat der Chinese Sun Tzu geschrieben. Sein Werk "Die Kunst des Krieges" genießt bis heute hohes Ansehen und ist vor allem bei Management-Trainern sehr beliebt. Nachdem König Ho Lu etwa 500 vor Christi Geburt von dem Werk erfahren hatte, ließ er Sun Tzu zu sich rufen. Er wollte ihn auf die Probe stellen und fragte, ob er bereit wäre, seine Theorien auch an Frauen zu beweisen. Sun Tzu stimmte zu. Der König ließ seine 180 Konkubinen aus dem Palast kommen und stellte ihm die Aufgabe, aus diesen 180 Frauen Soldaten zu machen.

Wie ging Sun Tzu ans Werk? Als ersten Schritt teilte er die Konkubinen in zwei Gruppen und machte je eine der Lieblingskonkubinen des Königs zur Anführerin. Im nächsten Schritt lehrte er sie zwei Kommandos: "links um" und "rechts um". Die zwei Anführerinnen bekamen den Auftrag, diese beiden Kommandos mit ihren Gruppen nun zu üben und als Mannschaft zu beherrschen. Nach wenigen Stunden kam Sun Tzu zurück und ließ sich von den beiden Anführerinnen zeigen, was ihre Mannschaften gelernt hatten. Doch nach den Kommandos der Anführerinnen brachen die Konkubinen nur in Gelächter aus. Sun Tzu analysierte, dass die Anführerinnen alleine schuld am Ungehorsam wären und ordnete an, die beiden Anführerinnen unverzüglich vor Ort zu köpfen. König Ho Lu intervenierte angesichts des drohenden Verlusts seiner beiden Lieblingskonkubinen und meinte, die Demonstration sei gelungen. Doch Sun Tzu lehnte ab und ließ die beiden Anführerinnen vor den Augen der anderen auf der Stelle köpfen. Danach ernannte er zwei beliebige andere aus den beiden Gruppen zu Anführerinnen und ließ sie die beiden Befehle wiederholen. Plötzlich nicht mehr von richtigen Soldaten zu unterscheiden, führten die Konkubinen die Befehle vorbildlich aus und König Ho Lu machte Sun Tzu zum General seiner Armee.

Haircut à la Sun Tzu?

Doch was hat das alles mit Griechenland und seinen wohlwollend als "marode" zu bezeichnenden Staatsfinanzen zu tun? Ganz einfach: Auch für Griechenland wird derzeit ein sogenannter "Haircut" diskutiert, der in Wahrheit aber wohl eher einer Köpfung gleichkommen würde. Anstatt Haircut wird auch häufig der Begriff "Umschuldung" verwendet, wobei auch dieser Begriff nur beschönigend die halbe Wahrheit zum Ausdruck bringt, weil die Schulden nicht irgendwo anders hin umgeschuldet, sondern den Griechen einfach geschenkt werden sollen.

Würde es sich nicht um einen Staat, sondern um ein Unternehmen handeln, würde man wohl schlicht von einer Insolvenz sprechen, die in Form eines Ausgleiches mit einer noch zu definierenden Quote abgewickelt werden soll. Jedenfalls würden die Gläubiger griechischer Schulden zur Kasse gebeten werden.

Komplett anders verhält es sich mit dem zweiten möglichen Szenario für Griechenland: dem Bailout. In dieser von der Europäischen Zentralbank (EZB) und vielen Politikern bevorzugten Variante zahlen nicht die Griechen selbst und auch nicht wie beim Haircut, die Gläubiger die Schulden retour, sondern die europäischen Steuerzahler. Aber auch das ist nicht die ganze Wahrheit, denn in der ökonomischen Realität würden nicht alle Europäer mitzahlen, sondern freundlicherweise wie üblich nur die Nettozahler. Also wir in Deutschland, Österreich & Co.

Werden Banken und EZB wohl lieber zahlen lassen oder selbst Forderungen abschreiben? Dazu muss man wissen, dass im Wesentlichen zwei große Gruppen Gläubiger der griechischen Schulden sind. Einerseits sind das europäische Banken und andererseits ist es die EZB selbst, die in den vergangenen Monaten blindlings griechische Staatsanleihen aufgekauft hat. Logischerweise haben diese beiden Gruppen wenig Interesse daran, Forderungen aus Griechenland abschreiben zu müssen und damit hohe Verluste einzufahren.

Dummerweise handelt es sich dabei auch noch um genau jene beiden Gruppen, die auch Gläubiger der Staatsschulden von Österreich, Deutschland & Co sind. Wie man bereits an den mehr als großzügigen Bankenrettungspaketen vor wenigen Monaten (ebenfalls ungeniert zu Lasten der Steuerzahler!) sehen konnte, ist deren Einfluss auf nationale Politiker mittlerweile gigantisch groß. Politiker tun eher das, was ihnen Banken anschaffen, als das, was Wähler von ihnen erwarten würden.

Umverteilung in alle Richtungen

Ich persönlich bin klar gegen einen Bailout, weil wir bereits mehr als genug Geld innerhalb der Nationalstaaten umverteilen. Die paar wenigen verbliebenen Nettosteuerzahler und damit Leistungsträger sollen angesichts des globalen Wettbewerbs nicht auch noch eine zusätzliche Umverteilung zwischen den einzelnen Euro-Ländern in Form einer europäischen Transferunion tragen müssen. Ich halte es für wirtschaftspolitisch nicht schlau, den Luxus unserer Hypersozialstaaten auch noch mutwillig um eine großzügige Finanzierung Resteuropas zu ergänzen.

Griechenland hat nur drei Möglichkeiten: Die erste und naheliegendste, nämlich eine drastische Reduktion der Staatsausgaben in Griechenland ("Sparen") wird realistischerweise politisch nicht durchsetzbar sein. Vor einer Bailout-Regelung und damit einer ab sofort langfristigen Finanzierung Griechenlands durch die europäischen Nettozahlerländer graut mir. Warum? Weil dies, wie in den vergangenen Monaten nur dazu führen würde, dass griechische Politiker Sparpakete zwar ankündigen, aber dann mit einem Augenzwinkern in Richtung ihrer Wähler nicht ernsthaft in die Tat umsetzen würden. Warum sollten sie auch? Wir stecken ihnen ohnehin das fehlende Geld im Staatshaushalt aus unserem Steuergeld hinten rein!

Risiko an die Gläubiger statt Milliardengrab

Damit bleibt als einzig sinnvolle Lösung die dritte Variante: eine Insolvenz Griechenlands und der Konsequenz eines Haircuts. Anstatt den Kopf weiter im Sand zu lassen und Milliarde um Milliarde nachzuschießen, wäre meine Präferenz klar: Der nachhaltig ökonomisch sinnvollste Weg ist ein Schuldenschnitt, der auch den Gläubigern klare Signale geben würde. Nämlich dass auch Staatsanleihen, wie jede Anlageform, mit Risiken behaftet sind, die auch einmal schlagend werden können. Denn eines ist klar: Selber zurückzahlen werden die Griechen ihre gigantischen Schulden sicher nie können. Womit sich nur die Frage stellt, ob wir noch einige weitere Monate oder gar Jahre einfach Geld unter dem lieblichen Decknamen "Bailout" überweisen wollen und dann später einen viel teureren Haircut machen oder gleich jetzt. Ein Haircut hätte überdies den „Vorteil“, dass sich griechische Politiker danach auf die „bösen“ Märkte ausreden könnten – denn so einfach wie jetzt werden sie danach keine Kredite mehr für neue Staatsschulden bekommen. Die Griechen wären danach gezwungen, ihre Staatsausgaben den tatsächlichen ökonomischen Möglichkeiten des Landes anzupassen – ein Schritt, der jedem Menschen mit Hausverstand als unumgänglich einleuchten muss, aber offenbar nur so politisch umsetzbar ist.

 

Informationen und Literatur:

Werner Becher ist Unternehmer und Manager in Österreich sowie Ex-Bundesparteivorsitzender des Liberalen Forums (LIF).

Aktuelles Buch von Werner Becher: „Weicheier machen nicht satt. Eine Abrechnung mit Feiglingen, Mitläufern und Ja-Sagern.“ Wien 2011.


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Werner Becher

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