28. Juni 2011

Zeitgeist Epoche des "Immerschlimmerismus"

Anlasspolitik durch Alarmisierung statt Weitsicht

Der britische Sozialanthropologe Dr. Benny Peiser von der Liverpool John Moores Universität bezeichnet unser aktuelles Zeitalter gerne als "neo-catastrophism". Der deutsch-österreichische Zukunftsforscher Matthias Horx spricht gerne von der Epoche des "Immerschlimmerismus". Beide meinen damit einen Zeitgeist apokalyptischer Angst, der sich politisch und wirtschaftlich vor allem zu einem Zwecke hervorragend eignet: Menschen zu manipulieren!

Überaus raffiniert versorgen Lobbying-Agenturen (für ihre Klienten) unsere Mainstream-Medien mit angeblichen Katastrophen. Die geneigte Leserschaft dankt diese künstliche Aufgeregtheit den Medienunternehmen durch höhere Absatzzahlen. So hat sich eine Win-Win-Symbiose aus Lobbying-Agenturen auf der einen Seite und Medien auf der anderen Seite etabliert. Für Politiker ist die mühsame gestalterische und weitsichtige Steuerung ihrer Gesellschaften dadurch nicht mehr attraktiv. Im Sinne einer kurzfristigen Stimmenmaximierung lässt sich zum jeweils aktuellen Aufreger die Rettung der Welt mit besorgter Miene deutlich einfacher den Wählern verkaufen.

Angst macht mobil

Eine alte Weisheit des politischen Geschäfts lautet: Gelingt es, menschliche Existenzängste anzusprechen, dann öffnen diese bereitwillig ihre Geldbörsen und akzeptieren auch tiefgreifende Eingriffe in ihr Leben. Der US-amerikanische Psychiater Gregory Berns hat solche menschlichen Phänomene untersucht und ist zu folgender Analyse gekommen: „Jemand kann die beste Idee der Welt haben, doch das spielt keinerlei Rolle, wenn er andere Leute nicht davon zu überzeugen vermag.“ Das gilt auch umgekehrt. Eine Idee muss weder besonders gut sein, noch muss sie der Wahrheit entsprechen. Es genügt einfach, genug Menschen davon zu überzeugen – schon wird daraus ein Erfolg. Von Matthias Horx stammt dazu auch folgende Aussage: "Wir leben im Zeitalter des Strafgerichts. Nur ist es diesmal nicht der Erzengel Hesikel, der uns mit dem Flammenschwert aus dem Paradies ausweist (diesmal dem industriellen Paradies). Sondern die Medien und Klimapropheten. Nie war es so schlimm wie heute. Ihr müsst opfern!"

Tatsächlich hat sich beispielsweise die Anzahl der dokumentierten Naturkatastrophen unbestrittenerweise in den vergangenen hundert Jahren verfünffacht. Gleichzeitig hat sich aber die Anzahl der bei Naturkatastrophen getöteten Menschen auf ein Zehntel reduziert. Wie lässt sich das erklären, wo doch eine rasant steigende Weltbevölkerung eigentlich sogar zu einer rasch steigenden Anzahl Toter bei Katastrophen durch eine dichtere Besiedelung führen müsste? Neue Technologien sowie Tempo und gestiegene Vielfalt der Medienwelt sind Ursache für den gefühlten Anstieg von Naturkatastrophen. Die tatsächliche Anzahl an Naturkatastrophen hat sich faktisch nicht verändert. Durch die Erfindung von Internet, Digitalkameras und Mobiltelefonen werden schlicht und einfach immer mehr Fälle von immer mehr Menschen auf diesem Planeten dokumentiert und via Medien von uns allen konsumiert.

Rückversicherer: Bilanzen widersprechen der Katastrophenstimmung

Sowohl US-Hurrikanforscher als auch Meteorologen in Europa bestätigen, dass weder die Anzahl noch die Stärke von Orkanen und Hurrikans signifikant zugenommen haben. Studien haben auch gezeigt, dass in Europa die Anzahl großer Hochwasser rückläufig ist. Die konstant steigenden Gewinne der großen Rückversicherer bestätigen dieses Faktum indirekt. Mehr Menschen auf diesem Planeten und gestiegener Wohlstand führen zwar zu höheren Schadenssummen durch Katastrophen, werden den Versicherungsunternehmen aber gleichzeitig durch viel mehr Versicherte und höhere Versicherungsprämien vergoldet.

Während Naturkatastrophen vorrangig von der Politik genutzt werden (zum Beispiel Ausstieg Atomenergie nach Tsunami, Klimawandel für Steuererhöhungen), hat sich die Wirtschaft diesen Mechanismus natürlich auch längst zunutze gemacht. Nicht nur Versicherungen nutzen ihn schamlos. Augenscheinlich dürften uns in regelmäßigen Abständen heimtückische Pandemien heimsuchen. Vogelgrippe, Schweinegrippe, H1N1 oder aktuell EHEC sorgten für großes mediales Aufsehen. Von Pharmakonzernen wohlwollend unterstützte Mediziner nutzen verlässlich diese Gelegenheit, um auf entsprechende Impfungen oder Medikamente (beispielsweise Tamiflu) hinzuweisen. Sie können sich bei jedem dieser Anlässe verlässlich darauf freuen, dass ihre Ordinationen gestürmt werden und sich besorgte Menschen gegen alles und jedes impfen lassen wollen.

Die aufwändige langjährige Werbung der Pharmakonzerne und Ärzteschaft für "FSME-Impfung" ist ein typisches Beispiel dafür. Angeblich soll das Gemeinwohl damit vor den Folgen von Zeckenbissen geschützt werden. In der Praxis ist die Gefahr, nach einem Zeckenbiss an FSME zu erkranken, allerdings extrem gering. Jene, an Borreliose zu erkranken, ist im Vergleich dazu viel höher. Vor Borreliose schützt die FSME-Impfung aber nicht, was die Werbewirtschaft klarerweise nicht davor abhält, für die FSME-Impfung als "Zeckenimpfung" zu trommeln.

Trotz jährlich zahlreicher erheblicher Nebenwirkungen in Form neurologischer Folgeerkrankungen nach FSME-Impfschäden, die deutlich weniger als 100 FSME-Infizierten jährlich gegenüberstehen, hat sich der Großteil der Österreicher längst brav gegen FSME impfen lassen – aktuell beträgt die FSME-Impfrate in Österreich 86 Prozent. Aber zumindest haben sie damit Ärzten und Pharmakonzernen eine Freude gemacht.

Und wie sagt der Werbespruch der Österreichischen Wirtschaftskammer? Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut.

Informationen und Literatur:

Werner Becher ist Unternehmer und Manager in Österreich sowie Ex-Bundesparteivorsitzender des Liberalen Forums (LIF).

Aktuelles Buch von Werner Becher: „Weicheier machen nicht satt. Eine Abrechnung mit Feiglingen, Mitläufern und Ja-Sagern.“ Wien 2011.



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Werner Becher

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