08. Juli 2011

Rating-Agenturen Verbieten, und schon sind alle Schulden weg?

Warum die Finanzwirtschaft nicht so funktioniert, wie sich das der Vogel Strauß vorstellt

Rating-Agenturen sind kein ausschließlich US-amerikanisches Phänomen. Auch in unseren Breiten wimmelt es regelrecht von solchen Unternehmen. So bieten beispielsweise der Kreditschutzverband von 1870 (KSV), der Alpenländischer Kreditorenverband (AKV), Coface, Dun & Bradstreed (D&B) und Creditreform in Österreich Dienstleistungen wie Gläubigerschutz und Wirtschaftsbewertungen an.

Wäre unser Heimatland eine Nussschale und nicht Teil einer globalisierten Weltwirtschaft, wäre die Sache relativ einfach. In der internationalen Wirtschaftswelt ist aber nicht nur relevant, wie gut es einem einzelnen Unternehmen selbst geht, sondern auch in welchen Ländern ein Unternehmen oder ein Konzern überall tätig ist. Wie sogar wirtschaftlich vollkommen Unbedarften klar sein wird, erachtet die Finanzwelt Unternehmen in Österreich, Deutschland oder der Schweiz als solider als beispielsweise welche in Weißrussland, Nordkorea oder Äthiopien. Aus diesem Grund reicht es nicht, dass Rating-Agenturen einfach nur ihre Finanzinformationen über Unternehmen (bspw. Liquidität von Lieferanten) anfertigen und kostenpflichtig an ihre Auftraggeber liefern. Rating-Agenturen müssen für eine internationale Vergleichbarkeit ihrer Unternehmensbewertungen auch ökonomische Faktoren der jeweiligen Staaten einfließen lassen, in denen die zu prüfenden Firmen tätig sind. Genau dazu und nur dazu werden nach klar definierten Kriterien auch Ratings für alle wirtschaftlich signifikanten Staaten der Welt von ihnen erstellt.

Rating ist nur das Angebot von Information

Vereinfachend könnte man sagen, Rating-Agenturen sind nicht mehr als auf Finanzinformationen spezialisierte Medienunternehmen. So wie auch andere Medien, verbreiten sie manchmal wissentlich oder unwissentlich Falschinformationen. Ungenügende Recherchen, politischer Druck, Korruption, minderqualifiziertes Personal, fehlerhaftes Datenmaterial und viele andere Punkte können Ursache dafür sein.

Für mich unverständlicherweise wird angesichts der Schuldenkrise in Griechenland und den anderen PIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland und Spanien) derzeit häufig ein Verbot von Rating-Agenturen gefordert. Würden Sie, lieber Leser, auf die Idee kommen, irgendeine Zeitung verbieten zu wollen, weil es der Autor eines Artikels mit der Realität nicht ganz so genau genommen hat? Zwingt Sie, lieber Leser, irgendjemand, die besagte Zeitung zu lesen? Haben Meinungs- und Medienfreiheit nicht einen hohen Stellenwert in demokratischen Gesellschaften?

Auch die Informationen von Rating-Agenturen muss niemand lesen, und niemand wird gezwungen, deren Bewertungen ernst zu nehmen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich selbst ein Regelwerk verpasst, das ihr nur dann die Akzeptanz von Sicherheiten wie beispielsweise Staatsanleihen erlaubt, wenn Rating-Agenturen dafür eine entsprechend solide Bewertung abgegeben haben.

Rating-Agenturen: Der Feind im Bett der EZB?

So wie sich die EZB dieses Regelwerk selbst verpasst hat, könnte sie es auch einfach wieder selbst ändern, wenn sie Rating-Agenturen für unseriös oder gar "böse" hält. Die Rating-Agenturen würde das übrigens nicht einmal jucken, denn die bekommen keinen Cent für die Bewertung von Staaten, sondern benötigen diese Länderbewertung nur intern für ihre Unternehmensbewertungen.

Griechenland ist pleite und wird seine Schulden niemals zurückzahlen können! Dazu braucht es keine Rating-Agenturen, sondern es reicht ein Blick in die volkswirtschaftlichen Kennzahlen von Hellas. Die Forderungen nach einem Verbot von Rating-Agenturen gleichen deshalb dem ebenfalls wenig aussichtsreichen Versuch, das Staatsschuldenproblem Griechenlands dadurch zu lösen, indem man den Kopf in den Sand steckt. Einfach wegschauen oder den Überbringer der schlechten Nachricht zu töten, funktioniert nicht als Problemlösung – da sich an der Ursache des Problems absolut nichts verändert.

Trotzdem ist Kritik an Rating-Agenturen selbstverständlich berechtigt. Und auch die Analyse, dass Rating-Agenturen wesentlich Anteil an den aktuellen Problemen der Weltwirtschaft haben, würde ich sofort unterschreiben. Im Unterschied zu jenen, die ein Verbot von Rating-Agenturen anlässlich der Abwertungen von Griechenland und Portugal auf Ramschstatus fordern, bin ich allerdings der Meinung, dass sie derzeit sehr viel richtig machen. Ihre großen Fehler haben die Rating-Agenturen in der Vergangenheit gemacht, als sie durch zu positive Bewertungen die Immobilienkrise und damit die Finanzkrise erst ermöglicht haben.

Aus Immo-Krise gelernt - und dafür gerügt!

Die Abwertungen der vergangenen Monate zeigen meiner Einschätzung nach hingegen, dass sie aus diesen Fehlern gelernt habe. Genau diese Abwertungen gefallen aber vielen Vogel-Sträußen in Europa nicht. Perverserweise fordern sie indirekt von den Rating-Agenturen ein, das weiterhin zu tun, was Auslöser der Krise war. Und weil da die Rating-Agenturen nicht mehr mitspielen, sollen sie jetzt verboten werden. Und wenn man sie schon nicht verbieten kann, dann soll Europa wenigsten eine eigene große Rating-Agentur aufbauen, die dagegenhalten kann.

Auch diesen Vorschlag halte ich bei näherer Betrachtung für sehr naiv. Denn für eine solche europäische Rating-Agentur stünden nur zwei Möglichkeiten offen. Entweder wäre sie ein Staatsunternehmen und würde demnach von Beamten geführt werden. Eine solche Rating-Agentur hätte genau null Glaubwürdigkeit, weil politische Einflussnahmen per Definition auf der Tagesordnung stehen würden. Niemand würde sich für so ein bürokratisches Monster interessieren, das politisch genehme Analysen publiziert.

Lügen europäische Agenturen besser?

Alternativ dazu könnte aber auch eine private Rating-Agentur europäischer Eigentümer aufgebaut werden. Aber auch mit diesen – dann "guten", weil nicht "bösen" US-amerikanischen – Rating-Agenturen würden die Vogel-Sträuße nicht glücklich werden. Denn auch sie müssten wohl oder übel Griechenland und Portugal auf Ramsch-Status setzen, um als objektiv wahrgenommen und damit wirtschaftlich überleben zu können.

Wie man es dreht und wendet, die Staatsschulden wurden von Politikern verursacht und nicht von Rating-Agenturen. Auch ganz ohne Bewertung von Rating-Agenturen würde kein vernünftiges Finanzunternehmen der Welt Griechenland noch neue Kredite geben. Und wenn, dann nur zu Wucherzinsen.

Wie bereits in einem früheren ef-Kommentar von mir gefordert, wird kein Weg an einer Insolvenz ("Hair-cut") von Griechenland und weiteren europäischen Staaten vorbeiführen. Auch putzige Vorschläge, wie jenen von Frankreich, die Schulden Griechenlands ein paar Mal im Kreis zu schicken und auf ein paar weitere Jahre zu verstecken, bewerten die Rating-Agenturen deshalb – meiner Meinung nach absolut richtig – als Humbug!

Das Versteckspiel und sich gegenseitig in den Sack lügen muss ein Ende haben. Nur wenn Politiker endlich nicht mehr permanent mehr Geld in ihren Staaten ausgeben als sie einnehmen, wird das Problem zu lösen sein. Denn nur so kann man neue Schulden verhindern. Um die bestehenden abzubauen, wären für viele Jahrzehnte höhere Staatsüberschüsse erforderlich, wie jedes Milchmädchen ausrechnen kann. Daran glaubt der gelernte Mitteleuropäer aber nie und nimmer.

Informationen und Literatur:

Werner Becher ist Unternehmer und Manager in Österreich sowie Ex-Bundesparteivorsitzender des Liberalen Forums (LIF).

Aktuelles Buch von Werner Becher: „Weicheier machen nicht satt. Eine Abrechnung mit Feiglingen, Mitläufern und Ja-Sagern.“ Wien 2011.



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Werner Becher

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