20. Juli 2011

Athanasios die Glosse Scolapastik für Spaghettimonster

Religion und Staat

„Kopfbedeckungen sind nicht erlaubt, Ausnahmen sind aus religiösen Gründen zulässig.“ Als er diesen Passus für ein Passfoto in den Bestimmungen des österreichischen Innenministeriums las, kam Niko Alm von der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters folgender Gedanke: „Bei einer konsequenten Trennung von Staat und Religion sollte der Staat den höheren hierarchischen Wert haben.“ Also holte er ein Nudelsieb aus der Küchenschub-Lade und ließ sich damit für den EU-Führerschein, die neueste Staatsikone, ablichten.

Damit hat sich der bekennende Atheist öffentliche Verehrung gesichert, nicht aber das rechte Verständnis seiner fröhlichen Botschaft. Ihm geht es nämlich nicht darum, das Lächerliche an den Religionen bloß-, sondern die Erhabenheit des Passes herauszustellen. Sie kommt zur Geltung, wenn der Staatsbürger so abgebildet wird, wie der Staat ihn schuf: nackt und messbar. Nicht umsonst ist es immer wieder die Kirche, die ihr Volk gegen den biometrischen Personalausweis auf die Straße ruft. Mit ihren Vorschriften zur Verhüllung will sie verhindern, dass der oberste Hierarch seine Schafe in persona zur Schlachtbank ruft. Anders die Staatskirche des Spaghettimonsters: Sie hat für ihren Gottesdienst das Nudelsieb vorgesehen, weil es durch seine Löcher mehr preisgibt, als es verhüllt. Und das macht diese Kopfbedeckung so verteufelt human.

Man darf dem Niko von der Alm deshalb unterstellen, er folge mit dem Nudelsieb (italienisch ‚scolapasta‘) einem inneren Bedürfnis: ein Zeichen zu setzen, das der Würde seiner Weltanschauung angemessen ist. Wohlan, ich fordere ergonomische Nudelsiebe für biometrische Atheistenköpfe! Und ich fordere Nudelsiebzwang für Ungläubige auf der Straße. Oder ist es eine verdrängte Angst, die den Wiener zum religiösen Eiferer gemacht hat: die Angst, vom Kessel der Vorhölle in den Ausguss zu flutschen, wenn auch die Spaghetti Diabolo zum Mahl gerufen werden?


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