22. Juli 2011

Ideologen Kommt nach dem Rauchverbot das Fleischverbot?

Die Verbotsgesellschaft der Weltretter plant den nächsten Kreuzzug

Seit wenigen Monaten hat nun auch die Religionsgemeinschaft der – Achtung, frech! – „Körndlfresser“ eine Bibel. Johathan Safran Foer hat sie geschrieben und mit seinem Beststeller „Tiere essen“ voll den Zeitgeist getroffen. Wobei: Einfach nur „Vegatarier“ nennt sich heute kaum noch einer. Bei Prosecco und Tofu diskutieren Weltretter gerne in schicken Innenstadt-Cafés den feinen aber angeblich „ur-wichtigen“ Unterschiede zwischen Veganern, Flextariern,  Prescetariern, Freeganer, Ovo-Lacto-Vegetariern, Fruganern und vielen weiteren Ausprägungen mehr.

Grundsätzlich geht es ihnen dabei um eine grundlegende philosophische Frage. Nämlich ob und wenn ja welche Rechte wir Tieren zugestehen sollten. Eine an sich richtige und auch wichtige Frage für eine zivilisierte Gesellschaft, wie Sie mir sicher bestätigen werden, lieber Leser. Auf den Punkt gebracht, könnte man die Frage aber auch so stellen: Können und sollen die Menschenrechte uneingeschränkt auch für Tiere gelten?

Geschmäcker sind verschieden

Gegen eine selbst gewählte Ablehnung der Schlachtung von Tieren und dem kategorischen Verzichten auf jeglichen Fleischkonsum ist in einem freien Land selbstbestimmter Individuen absolut nichts einzuwenden. Erwachsene Menschen sollten wohl in der Lage sein, selbst zu entscheiden, was ihnen schmeckt und was nicht. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Gesellschaftliche Probleme beginnen deshalb wie immer dort, wo eine ideologisch motivierte Gruppe andere Menschen davon überzeugen möchte, sich doch ihrem Lebensmodell anzupassen. Sollten dieser anfangs meist freundlichen Einladung allerdings nicht allzu viele Menschen folgen, entwickeln sich manche dieser Gruppen rasch zu modernen „Religionsgemeinschaften“. Offenkundig mit einem Übermaß an Weltretter-Genen ausgestattete Missionare dieser neuen Religion ziehen dann bald mal zu Kreuzzügen aus. Man darf gespannt sein, wann die ersten Forderungen laut werden, nach dem Rauchen auch den Fleischkonsum aus Lokalen zu verbannen.

Realität vs. Etikettenschwindel

Vor Johathan Safran Foer haben schon andere die moralischen Rechte des Menschen gegenüber Tieren thematisiert – etwa Aristoteles, Voltaire oder Immanuel Kant. Tiere zu töten, um sie zu essen oder anderweitig zu verwenden (etwa Kleidung), geht moralisch aus Sicht der großen Philosophen in Ordnung. Auch Foer missioniert übrigens nicht („Ich würde jedenfalls niemandem zum Vorwurf machen, Würste zu essen“) und verdammt nicht den  Fleischkonsum generell.  Der Kern seiner Betrachtung ist das Quälen von Tieren in Massentierhaltungen (die 99 Prozent der Fleischproduktion abdeckt). Sogar Kant, der Tiere als „Sachen“ bezeichnet, spricht dem Mensch jedes Recht für Grausamkeiten gegen andere Kreaturen ab.

Radikal denken? – Dann konsequent!

Aber lassen Sie uns doch die Perspektive wechseln. Wie sieht es denn mit Tierschutz generell aus? Ist ohne vordergründige Quälerei alles tierfreundlich? Mitnichten!

Bei der Getreide- und Gemüseernte sterben unzählige Insekten, Vögel, Mäuse, Hasen und Rehe, die vielfach in den vegetarischen Produkten dann auch enthalten sind – aber eben in gehäckselter und damit für Realitätsverweigerer offenbar nicht wahrnehmbarer Form. Ähnlich absurd verhält es sich mit einem genialen Marketingbegriff der Agrarlobby: die artgerechte Haltung. Ganz so, als könnte das Einsperren von Tieren in irgendeiner Form „artgerecht“ sein. Wirklich artgerecht wäre wohl nur vollkommene Freiheit für Tiere! Entsprechend sind die Haltung von Haustieren und Zoos zu hinterfragen. Oder kennen Sie, lieber Leser, irgendein Tier, das sich in der freien Wildbahn irgendwo selber einsperren würde?

Differenzierte Betrachtung – differenzierte Märkte

Lassen sich Menschen missionieren – beispielsweise zum Fleischverzicht –, wird vielleicht tatsächlich der Bedarf geringer. Und damit irgendwann das Angebot. Wer aber sagt, dass in einer dermaßen vereinheitlichten Gesellschaft die „bösen“ Anbieter auf der Strecke bleiben?

Anstatt Andersdenkende bekehren zu wollen, sollte eine wirtschaftliche Chance gesehen werden: Vegetarier (Veganer…) sind eine Zielgruppe – für Handel, Gastronomen, Kochbuchverlage. Genauso kann die Lebensmittelindustrie eine Chance in „Tiere essen“ sehen: Menschen, die gerne Fleisch essen, aber nicht Hormone und – egal, ob aus geschmacklichen oder Gewissensgründen – gut gehaltenes Vieh bevorzugen. Fleisch zu verdammen ist wirtschaftlich völlig irreal (alleine in Österreich übersteigt der Produktionswert der Fleischwirtschaft 3 Milliarden Euro). Wir müssen differenzierter, transparenter und eigenverantwortlicher mit der Thematik umgehen. 

Denn: Was ist sonst, wenn jemand herausfindet, dass auch Pflanzen Lebewesen sind und gleiche Rechte auf diesem Planeten haben sollten. Was machen wir dann?

Informationen und Literatur:

Werner Becher ist Unternehmer und Manager in Österreich sowie Ex-Bundesparteivorsitzender des Liberalen Forums (LIF).

Aktuelles Buch von Werner Becher: „Weicheier machen nicht satt. Eine Abrechnung mit Feiglingen, Mitläufern und Ja-Sagern.“ Wien 2011.


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Werner Becher

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