28. Juli 2011

Stoltenbergs Lieblingssatz Wie Norwegen demokratischer wird

Sprachhülsen und Mystik im hohen Norden

Die Missstände sind unübersehbar geworden. Die Hauptstadt ist im Ausnahmezustand. Gewalt entlädt sich auf offener Straße: Bomben explodieren im Regierungsviertel, Dutzende sterben bei Schießereien in den Vorstädten. Dann – endlich tritt der Regierungschef vor die Mikrophone und besänftigt seine Landsleute: Er werde nun auf die Gewalt reagieren und politische Reformen einleiten: „Mehr Offenheit, mehr Demokratie!“

So geschehen jüngst – nein, nicht in Syrien, nicht in Algerien, nicht in Libyen – in Norwegen! Und weil ihm der Satz gar so gut gelungen ist, hat Ministerpräsident Jens Stoltenberg ihn bislang nicht weniger als viermal wiederholt. Zunächst am 22. Juli als erste Reaktion auf die Osloer Anschläge: „Wir müssen zeigen, dass die Antwort auf Gewalt noch mehr Demokratie, noch mehr Offenheit ist“. Dann am 25. Juli bei der Trauerfeier in der Kathedrale: „Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit“. Danach am 26. Juli bei einer Rede vor 200.000 Menschen auf dem Osloer Rathausplatz: „Heute Abend demonstrieren wir: Mehr Offenheit, mehr Demokratie, Standfestigkeit und Stärke“. Und am 27. Juli bei einer Pressekonferenz: „Die Antwort Norwegens auf Gewalt ist immer mehr Offenheit, mehr Demokratie.“

Zugegeben, der Satz klingt wunderschön. Aber was meint Stoltenberg eigentlich damit? Auf dem Demokratieindex von 2010 liegt Norwegen auf dem ersten Platz. Der Aufruf zu „mehr Demokratie“ kann also wohl kaum bedeuten, dass es, wie 1969 in Deutschland oder 2011 in der arabischen Welt, diesbezüglich Defizite zu vermelden gäbe. Aber vielleicht denkt Stoltenberg, dass selbst die Besten noch besser werden können? Demokratischer werden als der demokratischste Staat der Welt? Doch selbst eine imaginierte norwegische Extremdemokratie, eine grenzenlose Ausweitung von Volksabstimmungen, Basisbewegungen, Dialogkulturen, Graswurzelprozessen usw. könnte wohl kaum etwas daran ändern, dass es nunmal immer wieder durchgeknallte Einzelgänger gibt, die von Zeit zu Zeit Jugendliche abschießen und Bomben hochgehen lassen.

Vielleicht kommen wir beim zweiten Teil von Stoltenbergs Statement weiter: „mehr Offenheit“. Eine logische Interpretation wäre, die Offenheit solle sich nicht nur auf die klassischen Lieblingskinder linksliberaler Integrationspolitik (lesbische behinderte Muslimas und Co.) erstrecken, sondern auch auf andere Sondergruppen, frustrierte Altabendländer, konservative Freimaurer oder christlich-esoterische Tempelherren. Dann könnte man nämlich Menschen wie Breivik rechtzeitig in den demokratischen Entscheidungsprozess miteinbeziehen, und sie hätten fürderhin keinen Anlass mehr, sich zum Märtyrer zu stilisieren und Blutbäder zu veranstalten.

Die Deutung klingt plausibel, aber Stoltenberg meint es nicht so. Er schickt seinem Lieblingssatz nämlich regelmäßig einen anderen voraus – Norwegen sei ein stolzes Land und werde niemals seine Werte aufgeben. Kein „Mehr“, keine Veränderung, keine kritische Selbsthinterfragung, sondern ein knallhartes „Weiter so“, mit dem Unterton „Jetzt erst recht“. Norwegen ist ein großartiges Land, ein gutes Land, ein offenes Land, ein demokratisches Land: „niemand wird uns mit Bomben oder Schüssen zum Schweigen bringen“. Stolz, Größe, Würde, Stärke: Stoltenbergs Rhetorik verbreitet ein demokratisch-patriotisches Pathos, das dem eines George W. Bush alle Ehren macht. Seine Funktion ist Identifikation, nicht Reflexion. Insofern war schon unsere Ausgangsfrage, „was meint Stoltenberg damit?“, falsch gestellt. Die Wahrheit ist: Er meint gar nichts. Das Wörtchen „mehr“ bedeutet bei ihm ungefähr soviel wie bei einem jungen Ehepaar, das sich am ersten Hochzeitstag zuflüstert „Ich liebe dich heute noch viel mehr als damals“.

Es ist eine Besoffenheitsrhetorik, die in den hohlen Phrasen der Demokratie schwelgt und dieselben überhöht, indem sie ankündigt, in Zukunft noch viel extremer darin schwelgen zu wollen. Wir sind gut, und im Angesicht des Bösen werden wir erst recht gut sein. Wir werden besser sein als gut, gleicher als gleich, offener als offen: ein Meister Eckhart hätte seine reine Freude an diesen mystisch-paradoxen Selbstübersteigungen. „Das Höchste und das Äußerste, was der Mensch lassen kann, das ist, dass er Gott um Gottes willen lasse“, so sein berühmtgewordener Ausspruch. Gott ist größer als der Gott, den wir begreifen können. Gott ist mehr als Gott, und Jens Stoltenbergs Demokratie ist mehr als Demokratie. Und wenn die Demokratie der Gott der Gegenwart ist, so ist Meister Jens der Eckhart des 21. Jahrhunderts.


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Martin Johannes Grannenfeld

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