23. Oktober 2011

Gaddafi ist tot Problembär erlegt, Ordnung wiederhergestellt

Die Welt des Bourgeois wird wieder ein Stück behaglicher

Ob Bruno oder Yvonne, Moby Dick oder King Kong, Lassie oder Flipper: Wir bewundern diese tierischen Rebellen. Dass Problembären und Extremhunde sich den üblichen Regeln entziehen, die im Tierreich – zumindest nach unserem Dafürhalten – gar noch strikter gelten als bei den Menschen, nötigt uns Respekt ab. Und wenn man diese Kreaturen abschießen will, weil sie Schafe reißen, Seemännern das Bein abbeißen oder Großstädte tyrannisieren, sind unsere Sympathien uneingeschränkt bei ihnen. Ihre Schandtaten spielen da keine Rolle. Wenn man sie dann tatsächlich erlegt, sind wir traurig, erbost, ernüchtert: Wieder ein Stück Märchenwelt, das von den – angeblichen – Notwendigkeiten der Wirklichkeit zerstört wird.

Nun hat man den libyschen Paradiesvogel Gaddafi, diese seltsame Kreuzung aus brüllendem Löwen, heulendem Kojoten und störrischem Esel abgeschossen. Die libyschen Schäfchen freuen sich – man kanns ihnen, den gerade noch von ihm drangsalierten, kaum verdenken. Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Ja: Schon wieder wurde ein Stück Surrealismus von der Übermacht der Vernünftigen zu Tode gehetzt.

Der Krieg in Libyen ist im Laufe des Jahres immer hässlicher geworden. Als die Revolte in Bengasi begann, war sie ein spontaner, von der Bevölkerung getragener Aufruhr, der in wenigen Tagen zum Erfolg führte. Dann schaltete sich die NATO ein. Es folgte ein monatelanges Patt. Bereits der Fall von Tripolis hatte nichts mehr von spontanem Volksaufstand, sondern war viel eher Ergebnis eines konventionellen Bürgerkriegs, in dem die eine Seite den Vorteil einer vierzig Jahre lang aufgebauten Infrastruktur hatte, die andere den Vorteil ausländischer Unterstützung. Abscheulich wurden schließlich die letzten beiden Monate. Die Gaddafi-Getreuen verloren immer mehr Rückhalt, der Krieg wurde immer asymmetrischer. Eine Hetzjagd der Starken auf die Schwachen begann.

Hatten die Fronten im Februar gelautet: Volk gegen Tyrann, im Sommer: Rebellen und NATO gegen Regierungstruppen, so lauteten sie im Herbst: Die westliche Welt gegen Sirte. Die Sieger duldeten keine Ausnahme. Die letzte Bastion musste geschleift werden. Der Gedanke des Nationalstaats, einst romantische Utopie, heute Standardinventar des internationalen Common Sense, ließ es nicht zu, dass ein von unbeugsamen Gaddafi-Anhängern bevölkertes Dorf nicht aufhörte, Widerstand zu leisten. Was Begeisterung à la Bengasi hier nicht vermochte, musste massierte Waffengewalt vollbringen. So fiel Sirte, und so fiel am Ende Gaddafi: Das war die letzte Front, ein wehrloser alter Mann gegen die hämischen Blicke der globalen Internetgemeinde.

„Pacare“, das haben wir einst im Lateinunterricht gelernt, ist ein perfides Wort. Es heißt „befrieden“, und Cäsar rühmt sich wieder und wieder, einen neuen Teil Galliens befriedet zu haben. Die zweite Bedeutung ist „unterwerfen“, und die weiteren Bedeutungen sind „niedermetzeln“, „Minderheiten in die Knie zwingen“, „gleichschalten“.

Libyen ist nun befriedet. Gaddafi ist befriedet. Geboren in Sirte, gestorben ebenda. Als macht- und wehrloses Beduinenkind zur Welt gekommen, als macht- und wehrloser Greis von ihr geschieden. Ein erstaunlich stimmiger Lebenslauf. Er könnte ein lokaler Goldschmied oder Zuckerbäcker gewesen sein. Fast vergessen haben die braven Schäfchen den bösen Wolf. Nun sind sie wieder angepflockt in Reih und Glied. Wir können uns auf unsere Latifundien zurückziehen und bukolische Elegien schreiben. Die Welt ist wunderbar.


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Martin Johannes Grannenfeld

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