27. Oktober 2011

Nürnberger Parteitag der CSU Peter und die bösen Buben

Gauweilers Niederlage ist eine Niederlage des bayerischen Anarchismus

Jemand, der Peter heißt, hat keine Depressionen. Er ist der nette Junge von nebenan, kein Genie, aber solide, ein verlässlicher Freund, ein guter Familienvater. Peter ist ein so feststehender Fels, dass man mit seinem Allerweltsnamen allerlei Schindluder treiben kann, Ziegenpeter, Miesepeter, Hackepeter, Wackelpeter, Struwwelpeter aus ihm machen kann, und es wirft diesen grundanständigen Menschen nicht aus der Bahn. Die meisten Peter, die ich kenne, sind Sozialarbeitertypen, gerne evangelische Pfarrer oder katholische Pastoralreferenten, mit Dreitagebart und nicht mehr ganz neuem Jackett, jugendlich, aufgeschlossen und freundlich, jedenfalls solange man sich an die Spielregeln hält. Sobald man ausschert, kritisiert und provoziert, beginnt der Fels zu wanken: denn das ist in Peters Kosmos nicht vorgesehen. Peter wird dann nicht laut, aber er ist unmerklich gereizt. Gerne klärt er uns über die Spielregeln auf, und warum es für uns alle besser ist, sich daran zu halten. Und wenn wir diesen wohlmeinenden Ratschlag ignorieren, ist der Ofen ziemlich schnell aus. Peter zieht sich dann von uns zurück und wendet sich unkomplizierteren Kreaturen zu, verlässlicheren Menschen, mit einem Wort: anderen Petern nach seinem Bilde.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Eine von ihnen ist Peter Gauweiler. Und dass es nicht gutgehen kann, wenn ein solcher Schwarzer Peter gegen einen netten Klischeepeter wie Ramsauer zur Kampfabstimmung antritt, hätte man beinahe schon geahnt. Pascal sagt in seinen „Gedanken“, zwei ähnliche Gesichter, von denen keines für sich alleine zum Lachen reize, erregten nebeneinander gesehen durch ihre Ähnlichkeit Gelächter. Dasselbe funktioniert auch mit Namen. Peter Gauweiler, Peter Ramsauer, zwei Peter mit ähnlich klingenden Nachnamen, beides Oberbayern, beides CSUler – und doch so unterschiedlich, wie man es sich nur denken kann. Hier der brave Berufspolitiker und Parteisoldat, der eine politische Musterkarriere hingelegt hat, dort der ewige Rebell und Quertreiber, der Konservative, der sich auf dem Münchner Nockherberg im Schulterschluss mit Oskar Lafontaine zeigt, der Intellektuelle, der ständig aus der Parteilinie ausschert und auch mal Interviews erbost abbricht, wenn ihm die Fragen nicht passen.

Vor die Wahl gestellt zwischen Good Boy und Bad Boy haben sich die CSU-Delegierten am 8. Oktober auf ihrem Nürnberger Parteitag für den netten Nachbarsjungen entschieden. Peter Ramsauer wird stellvertretender Parteichef, Peter Gauweiler scheitert knapp. Was einen in der Merkelpartei nicht mehr verwundert (dass der intellektuell herausragende Norbert Lammert bei der Bundespräsidentenkür vor dem Langweiler Wulff zurückstehen musste, ist bislang der traurige Höhepunkt), überrascht in der bayerischen Schwesterpartei dann doch. Denn das Eigenbrötlerische, das Verstockte, das Querdenkerische ist eigentlich mit dem Bajuwarentum untrennbar verbunden: Noch nie hat sich der Huaberbauer vom Grinzlerhof irgendwas vom Gruaberbauern vom Gwandlerhof sagen lassen – die heimliche bayerische Nationalhymne, die Jennerweinballade, besingt bezeichnenderweise einen Wilderer. Und in einem Film des bayerischen Urgesteins Herbert Achternbusch heißt es hermetisch: „In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten, und die wählen alle die CSU.“

Da wäre der bayerische Anarcho-Traditionalist Gauweiler sicher die erste Wahl. Umso mehr, als Achternbuschs Diktum seit Franz-Josef Straußens Zeiten keineswegs an Aktualität eingebüßt hat – das konnte man zuletzt 2008 sehen, als mit Horst Seehofer ausgerechnet ein Wendehals mit durchaus anarchischen Zügen als letzter Rettungsanker in den Chefsessel gehoben wurde. Freilich, für Seehofer und Gauweiler, für den Wendehals und den Betonschädel, gilt ebenfalls Pascals Aphorismus.

Aber auch 2008 holte man Seehofer erst, als der schmierig-servile Erwin Huber Schiffbruch erlitten hatte. Sind die Zeiten, da für knorrige, widerständige Persönlichkeiten in der CSU genügend Platz reserviert war, vorbei? Anders, aber bedeutungsgleich, gefragt: Hat die CSU aufgehört, legitime Vertreterin des bayerischen Weltgeists zu sein? Vielleicht ist im Moment die bürgerliche Chaotentruppe der Freien Wähler die bayerischste aller Parteien.

Derweil wird Gauweiler in den Medien als „Mann von gestern“ abgehakt. Er repräsentiere nichts als die Sehnsucht nach jenen Zeiten, in denen die CSU noch mächtig war, der Krieg noch kalt, der Tobak stark und die Reden bierselig. Zeiten, die vorbei sind, natürlich. Man ergänze: endgültig. Woher die Kommentatoren – zuvörderst preußische, die für die Machart bayerischer Uhren wenig Gespür haben – solch klares Geschichtsbild nehmen, ist unbekannt. Es erinnert fatal an jenes Ende-der-Geschichte-Geseiere der 90er Jahre (welches Bin Laden 2001 weggebombt hat): die großen Konflikte seien vorbei, die Demokratie setze sich allgemein durch, Politik werde zur Verwaltung. Keine Frage, für ein solches Szenario sind Ramsauer, Merkel und Wulff die richtigen Protagonisten. Bloß gibt es ein solches Bild auf Dauer nicht. Dass die Araber heuer einen netten Frühling hatten, ist schön, aber keine welthistorische Zäsur. Wer weiß, was Bin Ladens Kinder für 2012 ausgeheckt haben? Wer weiß, ob wir nicht 2014 einen Krieg im eigenen Land haben? Oder Hungersnöte? Oder die Pest? Die Europäer von 1911 hätten genauso vehement bestritten, dass es 1914 im zivilisierten Europa einen barbarischen Krieg geben könne.

Die Wege der Geschichte sind verschlungen. Wer Peter heißt und nett und geradlinig ist, ist dafür blind. Er sieht, was vor Augen ist. Er sieht die Gegenwart und setzt sie absolut. Er sieht: Demokratie, und folgert: Demokratie gestern, heute und in Ewigkeit. In 100 Jahren sind alle Peter vergessen. Für die Schwarzen Peter, für die Querdenker, die intellektuellen Rebellen und Wilderer gibt es hingegen zwei Möglichkeiten: Entweder sie werden von der Übermacht der netten Peter schon zu Lebzeiten kleingehalten. Dann sind sie in 100 Jahren ebenfalls vergessen. Oder aber sie werden zu jenen Siegern, die bekanntlich die Geschichte schreiben.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 31. Oktober erscheinenden November-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 117


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Martin Johannes Grannenfeld

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