15. November 2011

FDP-Mitgliederentscheid Nachtrag zum offenen Brief an die FDP vom 11.11.2011

Ein Beitrag zur Desillusionierung

Einigen Reaktionen, die ich zu meinem offenen Brief vom 11.11.2011 erhalten habe, konnte ich entnehmen, dass offensichtlich von mir nicht ausreichend deutlich begründet worden ist, warum ich die Situation, in der wir uns derzeit befinden, für ausweglos halte. Insbesondere konnte ich offenbar nicht vermitteln, warum die Bereitstellung von neuen Krediten – oder auch nur die Haftung dafür – nicht geeignet sind, die Situation zu verbessern. Deshalb dieser Nachtrag.

 Es liegt in der Natur unseres heutigen Geldsystems, dass das Geld, das als Kredit weitergegeben wird, erst bei der Erzeugung dieses Kredits entsteht – quasi aus dem Nichts. Der immer noch weit verbreitete Glaube aus der Vor-Teilreservesystem-Zeit, es würde Geld verliehen, welches Sparer bei der Bank vorher deponiert hätten, ist ein falscher Glaube. Diese systemische Eigenschaft bedeutet zweierlei: Kreditgewährung ist in der heutigen Zeit auch ohne vorhergehenden Verzicht – von wem auch immer – möglich. Kreditgewährung ist auch ohne nachträglichen Verzicht möglich; aber nur für den einen Fall, dass der Kredit so rentabel eingesetzt wird, dass er seinen eigenen Kapitaldienst (Zins und Tilgung) selbst generiert. Regelmäßig ist dies bei einer erfolgreichen Investition der Fall. Nur für diesen einen Fall kann dieses System ohne Verzicht funktionieren. Alle anderen Fälle der Kreditgewährung sind unweigerlich mit Verzicht verbunden. Entweder erfolgt der Verzicht vorher durch die Bildung von Ersparnissen (Konsumverzicht) – oder nachher durch Rückzahlung des Kredits und dadurch notwendig werdenden Konsumverzicht (Nachsparen). Da man sein Einkommen nur sparen (investieren) oder konsumieren kann, gibt es hier keinen dritten Weg. Dieser schlichte Zusammenhang gilt nicht nur für Privatpersonen, sondern gleichermaßen auch für Staaten. Da insbesondere Staaten aber die Kreditmittel, die sie aufnehmen, zum allergrößten Teil konsumtiv verwenden, ist ein Nachsparen unerlässlich. Da Staaten nur ungern sparen, werden stets ihre Bürger durch Steuererhöhungen und kalte Progression zur Kasse gebeten und so zum Konsumverzicht gezwungen. Einer muss die Zeche halt bezahlen, oder wie es Ludwig Erhard ausgedrückt hat: „Jede Mehrausgabe des Staates beruht auf einem Verzicht seiner Bürger.“

Wobei „seiner“ Bürger heute nicht mehr richtig ist. Die Landesgrenzen verwischen. Die Deutschen sollen für den Überkonsum fremder Staaten zahlen.

 Am besten wird die Ausweglosigkeit der Situation durch einem Satz beschrieben, den Ludwig von Mises im Jahr 1949 veröffentlicht hat und auf dessen Gedankengebäude sich Frank Schäffler implizit bezieht: „Es gibt keine Möglichkeit, den finalen Zusammenbruch eines Booms zu verhindern, der durch Kreditexpansion erzeugt worden ist. Die einzige Alternative lautet: Entweder die Krise entsteht früher durch die freiwillige Beendigung der Kreditexpansion – oder sie entsteht später als finale und totale Katastrophe für das betreffende Währungssystem.“

 Die einzige Motivation, die Frank Schäffler antreibt, ist die Verhinderung dieser finalen Katastrophe durch eben diese freiwillige Beendigung einer weiteren Kreditvergabe. Diese Kreditvergabe kann nichts mehr bewirken, da der produktive und wohlstandsmehrende Einsatz dieser Kreditmittel ausgeschlossen ist. Es werden damit nur noch Löcher gestopft, die durch übermäßigen Konsum oder Fehlinvestitionen entstanden sind. Zur Stützung dieser Tatsache werden im folgenden drei Quellen angeführt, die nicht das Außenseiterimage haben, das Herrn Schäffler gerne angeheftet wird.

 Als erstes ist hier Altbundespräsident Horst Köhler zu nennen; jemand, dem man aufgrund seiner Vergangenheit als IWF-Chef zutrauen muss, dass er mit den Funktionsmechanismen unseres Geldwesens bestens vertraut ist. Er antwortete im manager magazin 11/2008, S. 95 auf die Frage, ob angesichts der desolaten Lage der Weltwirtschaft das angelsächsische Modell abgewirtschaftet habe: „Abgewirtschaftet hat die Vorstellung, man könne aus nichts Geld machen, und das dauerhaft.“

 Ich habe damals beim Bundespräsidialamt nachgefragt, ob ich diese Aussage so zu verstehen habe, dass Herr Köhler unser bestehendes Geldsystem als gescheitert ansehen würde. Ich habe nie eine Antwort erhalten.

 Als zweiter Leumund sei hier die Bundesbank angeführt. Auch die Bundesbank stützt die Auffassung von Herrn Schäffler – natürlich nicht explizit. In einer Ausarbeitung über die Funktionsweise des Bankensystems erfahren wir im Kapitel „4.4 Geldschöpfung der Banken“ folgendes:

 „Geld entsteht durch ’Geldschöpfung’. Sowohl staatliche Zentralbanken als auch private Geschäftsbanken können Geld schaffen. […] Das so geschaffene Giralgeld kann der Kunde nutzen, um den Kauf von Waren und Dienstleistungen zu bezahlen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, der Kreditkunde sei durch die Geldschöpfung reicher geworden. Doch dem ist nicht so. Denn seinem durch die Kreditaufnahme entstandenen Guthaben steht eine gleich hohe Verbindlichkeit gegenüber, nämlich die Pflicht, den Kredit wieder zu tilgen. Zudem muss er für den Kredit fortlaufend Zinsen zahlen. Im Zwang zur Zinszahlung liegt ein starker Anreiz, Kredit nur aufzunehmen, wenn die damit verbundenen Mittel auch tatsächlich benötigt werden. Für ein Unternehmen bedeutet dies, dass es mit dem Kredit produktiv umgehen muss, damit es einen Ertrag erzielt, aus dem zumindest der Zinsaufwand gedeckt werden kann. Kreditvergabe und damit verbundene Geldschöpfung führen so zu Investitionen, erhöhter Produktion und volkswirtschaftlicher Wertschöpfung. Allerdings ist diese Wertschöpfung nicht auf den Akt der Geldschöpfung selbst zurückzuführen, sondern vielmehr – angeregt durch den Zins – durch den produktiven, wertschöpfenden Einsatz des Kredits.“

 (Quelle: Deutsche Bundesbank – Das Bankensystem: Kapitel 4.4 Geldschöpfung der Banken, Stand 8/2009. Das Kapitel ist in der aktuellen Version dieser Ausarbeitung nicht mehr vorhanden.)

 Dass dieses Geldsystem also nur wertschöpfend funktionieren kann, wenn Kredite produktiv verwendet und nicht zum Stopfen von Löchern aus der Vergangenheit benutzt werden, ist somit auch Ansicht unserer „Stabilitätshüterin Nummer eins“ – der Bundesbank. Unsere Entscheidungsträger sollten sich dies zu Herzen nehmen und ihr Augenmerk darauf lenken, wie sie die aufgenommenen Kredite verwenden.

 Als letzter Zeitzeuge soll noch Dieter Schnaas zu Wort kommen – „Chefreporter“ der Wirtschaftswoche. Er schreibt in seinem lesenswerten und sprachlich herausragenden Buch „Kleine Kulturgeschichte des Geldes“:

 „Die volkswirtschaftlichen Kosten der organisierten Verantwortungslosigkeit sind beinahe unermesslich – und doch fallen sie gering aus im Vergleich zu dem Schaden, den unser Geld-Welt-Verständnis nimmt. Weil die Billionen, mit denen die Staaten ihren Banken und sichselbst zu Hilfe eilen, keine Zukunft mehr bewirtschaften, sondern Vergangenheit, hat das moderne Kreditgeld nicht nur seine Funktion, sondern auch seine Legitimation eingebüßt. Jeder weiß, dass frisch geschöpftes Geld heute nicht mehr produktiv und fruchtbar ist, weil sich an seinen Einsatz die Erwartung seiner Vermehrung knüpfen würde, sondern dass dieses Kreditgeld ans Gestern verschwendet, unproduktiv und zeugungsunfähig ist. Die Schulden, die wir heute machen, zaubern kein Stück Zukunft mehr ins Heute, sondern tischen uns die verpassten Chancen der Vergangenheit auf. Das Geld „arbeitet“ nicht mehr mit Blick auf sein Mehr; es stottert eine Gegenwart ab, die ihre künftigen Potentiale schon verbraucht hat. Jeder neue Kredit schöpft kein Geld mehr, mit dem wir Schulen bauen könnten, sondern klärt uns darüber auf, dass wir in einer bereits hinter uns liegenden Gegenwart die Zukunft aufs Spiel gesetzt – und verloren haben. […] Wir leben in einer Übergangszeit, an der Schwelle zu einer neuen Epoche des Kapitalismus, in dem wir es (wieder) mit profanem Geld zu tun haben werden, mit Geld, das nicht kultisch beschworen, sondern verantwortlich bearbeitet wird. Die Bewirtschaftung seiner selbst hat das Geld in seine dynamische Selbsterschöpfung getrieben; nun ist es an uns, ihm einerseits seine Grenzen aufzuzeigen – und ihm andererseits jenseits des bankrotten Finanzmarktkapitalismus neue Zugriffsmöglichkeiten zu eröffnen. Es geht jetzt darum, dass wir mit dem Geld nicht mehr unsere Zukunft verwetten, sondern dass wir mit ihm unsere Zukunftsfähigkeit zurückgewinnen. […] Wir haben diese Zukunft als Möglichkeitsraum verloren, weil uns das Geld für sie fehlt, weil wir das Geld heute ‘arbeiten’ lassen, um die Vergangenheit abzubezahlen – und weil eine Zukunft, die keine Spielräume kennt, keine Zukunft ist.“

 Wir sollten uns diese Spielräume wieder neu erarbeiten. Optionen in der Zukunft setzen Verzicht in der Gegenwart voraus. Sind wir hierzu nicht bereit, sind die Alternativen Hyperinflation oder Japan – das perfekte Hamsterrad, das irgendwann mit seinen selbst erzeugten Fliehkräften durch einen Nabenbruch aus der Bahn geworfen werden wird.

 Es ist immer schwierig, als Unternehmer mit Politikern zu diskutieren, weil die Kommunikationsebenen nicht identisch sind. Während Politiker stets die Motivationsebene bedienen und danach handeln, was wünschenswert oder auch notwendig erscheint, achten Unternehmer vordringlich auf die Konsequenzen ihrer Handlungen. Die Motivation, einen Systemcrash zu vermeiden, ist verständlich. Verantwortlich ist es nicht, wenn man die einfachen Wahrheiten, die unser Geldsystem für uns bereit hält, beherzigt. Dieser Crash kann nicht mehr vermieden, sondern nur noch verschoben und vergrößert werden.

 Der Abschwung, das V, das uns erwartet, wird sicher etwas tiefer gehen und nicht so spitz sein wie das V der Nach-Lehman-Zeit. Aber es wird ein V sein; schlimmstenfalls ein U. Verglichen mit dem, was uns andernfalls erwartet, wird es jedenfalls harmlos sein.

 Unser Geldsystem basiert auf der Illusion beinahe mühelosen Wohlstands. Aber Illusionen sind nur wirksam, solange sie nicht als solche enttarnt sind. Die Desillusionierung läuft; aber es gibt noch zu viele, die diese Illusion aufrecht erhalten wollen.


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Barthel Berand

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