20. Dezember 2011

Rezension „Schlagseite“

Eine kontrafeministische Bestandsaufnahme

„Irgendwie sind wir heute alle Feministen“. Dieser Satz eines Zeitgenossen ist mir mit gewisser Erheiterung im Gedächtnis geblieben. Gemeint hatte er damit, dass feministisch zu sein eben dem Zeitgeist entspreche und jeder, der dagegen wettere, sich des Reaktionismus verdächtig mache. Nun, er hatte nicht zwingend Unrecht, zumindest was den ersten Teil seiner Mutmaßung anbelangt.

Feminismus ist keine Bewegung mehr, er hat sich „totgesiegt“, wie es die Publizistin Beate Kricheldorf einmal treffend beschrieb. Was vom Feminismus die Gegenwart seither überdauert, ist nicht weniger als eine Geisteshaltung, eine bestimmte Art des Denkens, eine spezielle Weise, die Welt wahrzunehmen und zu interpretieren, eine feministische Wertungs- und Deutungs-Hegemonie, eine Sicht, welche stets die Belange der Frauen unbedingt in den Mittelpunkt stellt, gleichwohl aber jene der Männer hinten anstellt, sie abwertet oder gar zur Gänze ausblendet. Diese Denkart ist uns allen in Fleisch und Blut übergegangen, sie erscheint uns natürlich. Sie ist wie ein Grundrauschen, an das man sich gewöhnt, man hört es bald nicht mehr. Nur wer angestrengt und bewusst hinhört, merkt, dass dieses Rauschen nicht zufällig ist, dass es eine Struktur und einen Ursprung hat. Insofern gebe ich besagtem Zeitgenossen gerne recht, insofern sind wir tatsächlich alle Feministen. Lediglich in der hieraus abzuleitenden Konsequenz sind wir uns uneinig.

Es existiert ein mehr als simples ethisches Gebot, das uns anweist, unsere Aufmerksamkeit stets auf jene zu richten, die bedürftig sind – ungeachtet ihrer Herkunft und Identität. Wir beobachten aber, dass die individuelle Bedürftigkeit zunehmend in den Hintergrund tritt. Gruppenzugehörigkeiten werden mehr denn je zum bestimmenden Kriterium. Ein Auswuchs hiervon sind die sogenannten „positiven Maßnahmen“, zu denen unter anderem auch die Frauenquote gehört. Die hochqualifizierte Akademikerin wird gefördert, der arbeitslose Lagerist hingegen erfährt ebenso wenig Unterstützung wie die arbeitslose Putzfrau. Eine Gesellschaft, welche das genannte Gebot so ins Gegenteil verkehrt, gerät früher oder später in Schieflage. Es verhält sich wie bei einem Boot mit Schlagseite: Es fährt noch, ist womöglich noch manövrierfähig, doch ein mulmiges Gefühl stellt sich ein. „Schlagseite“ ist darum auch der Titel eines neuen Buches, das sich mit den Folgeerscheinungen dieses Phänomens auseinandersetzt. Es handelt sich dabei um eine feminismuskritische Essaysammlung verschiedenster Autoren, welche die Thematik aus unterschiedlichsten Perspektiven und Erfahrungswelten beleuchten: Gender-Beratung, Psychotherapie, Gleichstellungs-Arbeit, Rechtswissenschaften, Soziologie.

Gerhard Amendt, emeritierter Professor am Institut für Geschlechterforschung an der Universität Bremen, analysiert den gegenwärtigen Stand der Gleichstellungspolitik. Die Debatte um Frauenquoten, die systematische Bevorteilung von Frauen durch einseitige Frauenförderung und das stete Schaffen von Schutzräumen zeugen nach Ansicht Amendts alles andere als von einem modernen Rollenverständnis. Der hiermit einhergehende „Protektionismus“ führe zu einer „Passivierung der weiblichen Rolle“. Die traditionelle Rolle der versorgten Frau werde damit lediglich auf eine andere Ebene übertragen. Amendt folgend verbirgt sich dahinter Etatismus – Feminismus will den starken Staat, der in dirigistischer Weise die Rolle des Versorgers übernimmt. Die klassische Frauenförderung – eine Politik der Bevorteilung – enthalte somit „indirekt traditionelle Weiblichkeitsentwürfe“.

Darüber hinaus merkt Amendt an, dass der Diskurs stets das Geschlecht als zentrale Kategorie voraussetzt, dabei aber völlig verkannt wird, dass andere Kategorien wie Bildung oder Schichtzugehörigkeit unser Leben in weit größerem Maße bestimmen. Diese Ansicht teilt er mit Günter Buchholz, Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Fachhochschule Hannover. Buchholz legt uns nahe, dass sich Rollenunterschiede nüchternerweise stets aus einer Arbeitsteilung mit entsprechenden Spezialisierungen ergeben hätten. Diese wiederum seien an den zur jeweiligen Zeit geltenden Produktions- und Lebensweisen ausgerichtet gewesen. Den wesentlichen Denkfehler bei der Bewertung von Rollenunterschieden macht Buchholz daran fest, dass historische und schichtspezifische Unterschiede ignoriert würden. Folgt man Buchholz, so greift das Geschlecht als einzige, allumfassende Kategorie zu kurz.

Einen der größten hierauf fußenden Fehlschlüsse erklärt Buchholz anhand der Besetzung von Professuren. Nach ihm baut die Forderung von Frauenquoten bei Professuren auf der falschen Grundannahme auf, es seien stets ausreichend weibliche Bewerber vorhanden. Findet man keine, so wird unterstellt, dass man eben nicht gründlich genug gesucht habe oder andere, nicht näher beschriebene, diskriminierende Mechanismen würden Frauen den Zugang zur Bewerberwarteschlange versperren. Das Problem wird somit bei den Nachfragern, also bei denen verortet, welche die Stelle ausschreiben. Das Problem sieht Buchholz jedoch auf der Angebotsseite. Männer entscheiden sich demnach eher denn Frauen für eine langwierige und riskante Hochschulkarriere. Als maßgebliches Hemmnis sieht er die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf, diese sorgt seiner Ansicht nach für die Angebotsknappheit auf Bewerberinnenseite.

Der Soziologe Alexander Ulfig geht davon aus, dass ein ideales Bewerbungsverfahren, in welchem nur die individuelle Qualifikation den Maßstab bildet, von allein diskriminierungsfrei wäre. Darum fordert er, sämtliche Bemühungen auf die Verbesserung von Auswahlverfahren statt auf Quoten zu konzentrieren und macht hierzu auch einige konkrete Vorschläge.

Ähnliche Schlussfolgerungen wie Buchholz zieht auch Peter Döge, Politologe und Gender-Berater. Für ihn verlaufen die Probleme in Führungspositionen nicht entlang einer Geschlechter-, sondern entlang einer Familienfrage. Aus seiner Tätigkeit als Berater weiß Döge zu berichten, dass Frauen und Männer in Führungspositionen sich bezüglich ihres Familienengagements kaum unterscheiden. Männer, so Döge, stoßen jedoch meist auf Unverständnis, sofern sie Elternzeit einfordern.

Döge betont, dass das von vielen geschmähte Gender-Mainstreaming gerade für die Anliegen von Männern Potential birgt. Gender-Mainstreaming war ursprünglich dafür gedacht, die klassische Frauenpolitik in eine moderne Geschlechterpolitik für Männer und Frauen zu überführen. Allerdings, und dies führt uns Döge vor Augen, unterliege Gender-Mainstreaming einer „gleichheitsfeministischen Engführung“. Gender-Mainstreaming werde auf Geschlechterrollen und deren Angleichung verkürzt. Dabei geht für Döge der Gender-Begriff weit über Geschlechterrollen hinaus, er sieht darin auch die Kultur zwischen den Geschlechtern enthalten.

So gesehen kann und muss Gender-Mainstreaming die Unterschiedlichkeit der Geschlechter mit einbeziehen. Dass Gender-Mainstreaming in der Praxis zumeist auf Gleichmacherei und bloße Frauenförderung hinausläuft, ist schlicht diversen Fehlleistungen derer geschuldet, die dieses Instrument steuern. Peter Döge spricht hierbei von „pfadorientierter Politik“. Gemeint ist damit der Umstand, dass neue Ansätze oftmals von Menschen umgesetzt werden, die noch in altem Denken und alten Strukturen verhaftet sind.

Von dieser alten Denke weiß Monika Ebeling, ehemals Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar, zu berichten. So erzählt sie beispielsweise von ihren Erlebnissen unter Kolleginnen, wo sie bisweilen auch auf Frauen stieß, denen das Gender-Mainstreaming-Konzept keineswegs willkommen war. Denn sie sahen darin genau das, was auch Peter Döge damit verbindet: Gleichstellung für Männer und Frauen und somit eine Ablösung der klassischen Frauenpolitik. Eben viele Gleichstellungsbeauftragte verstehen sich heute aber immer noch als reine Frauenbeauftragte.

Wir erinnern uns: Monika Ebeling wurde als Gleichstellungsbeauftragte ihrer Stadt abgesetzt, da sie sich für ein ganzheitliches Verständnis von Gleichstellungspolitik einsetzte. Konkret bedeutet dies, dass sie sich ebenfalls für die Belange von Männern und Jungen stark machte. Die Betonung liegt auf „ebenfalls“, sie tat es nicht ausschließlich. Genau das wurde ihr jedoch in verzerrender Weise zum Vorwurf gemacht.

Abgesetzt wurde sie mit der Begründung, sie habe sich fast ausschließlich für männliche Anliegen eingesetzt. Kehrt man die Vorzeichen um, so müssten womöglich beinahe sämtliche Gleichstellungsbeauftragte dieses Landes ihren Hut nehmen. Dass diese sich zumeist nur für Frauen einsetzen, stört niemanden. Die Geschichte hatte Symbolkraft, da sie exemplarisch den alten, verstaubten Gleichstellungsmuff bloßstellte. Darum auch wurde darüber mitunter im „Focus“, „Spiegel“ und im „Stern“ berichtet.

Die Notwendigkeit, sich auch der Belange von Jungen und Männern anzunehmen, verdeutlicht zudem das im Buch enthaltene Interview von Astrid von Friesen mit dem Psychiater und Psychoanalytiker Dieter Katterle. Astrid von Friesen ist Gestalt- und Traumatherapeutin und bezeichnet sich selbst als Feministin. Im Gespräch zwischen den beiden erhalten wir Einblick in die Geschlechterbeziehungen im Kontext psychotherapeutischer Praxis. Katterle benennt eine zunehmende systematische Männerverachtung unserer Kultur, die er unverhohlen auf eine Stufe mit „Ausländerhass und fundamentalistischen Ismen“ stellt. Bereits Kinder würden damit aufwachsen, was wohl weder Mädchen noch Jungen gut bekommt. Mädchen, so Katterle, könnten keine individuelle Wertschätzung gegenüber Männern entwickeln, mit ihren späteren Partnern stellten sich so zwangsläufig Probleme ein. Jungen hingegen fänden keine gesellschaftliche Akzeptanz.

Besonders deutlich schlägt sich die generelle Männerabwertung in Scheidungsszenarien nieder. Männern, so Katterle, werde pauschal ihre Fähigkeit zur Liebe abgesprochen. Kämpfen sie um ihre Kinder, so werde gerne angenommen, sie täten dies aus Eigennutz und Machtstreben. Friesen und Katterle thematisieren in ihrem Gespräch ausgiebig das Phänomen der Eltern-Kind-Entfremdung (PAS). Gemeint ist damit die gezielte Verächtlichmachung und Ausgrenzung eines Elternteils durch den anderen. Diese Beziehungsstörung findet in Sorgerechtsverfahren in Deutschland noch zu wenig Beachtung. Für Katterle erfüllt ein solches Verhalten jedoch klar den Tatbestand der Kindesmisshandlung, die zu „Trauma-assoziierten Borderline-Persönlichkeitsstörungen“ führe. In der therapeutischen Praxis mit Erwachsenen werde darum auch zunehmend die Biografie der Betroffenen auf PAS hin untersucht. Da mehrheitlich Mütter die Täter sind, ist PAS zum Gegenstand des Geschlechterkampfes geworden. Die Mutter als Täterin passe laut Katterle nicht zum vorherrschenden, idealisierten, mit Männerabwertung gepaarten Frauenbild.

Peter Tholey, der bereits in verschiedenen Väterorganisationen tätig war und etliche Väter in Scheidungs- und Sorgerechtsverfahren begleitet und beraten hat, rechnet uns vor, wie Väter durch Scheidungsverfahren und Unterhaltsforderungen in die Armut getrieben werden können. Besonders kritisiert er den Umstand, dass Betreuungsleistungen den Vätern nicht zum Unterhalt angerechnet werden. Verbringen die Kinder viel Zeit beim Vater, muss er dennoch Unterhalt in einer Höhe leisten, als ob die Kinder ausschließlich bei der Mutter seien. Nicht wenige Väter, die wegen Unterhalt selbst auf Hartz-IV-Niveau leben, könnten sich die zeitweise Betreuung ihrer Kinder wegen der zusätzlichen Kosten nicht leisten.

Es gelingt kaum, die Autoren des Buches einer bestimmten Richtung oder politischen Couleur zuzuordnen. Gerne wurde die Männerbewegung in der Vergangenheit als rechte und konservative Bewegung eingeordnet. Manche der Autoren sind hingegen bekennende Linke, andere nicht. Es finden sich immer wieder linke Argumentationsmuster, wie etwa wenn Gerhard Amendt und Günter Buchholz einfordern, die Schichtzugehörigkeit und eben nicht das Geschlecht als die dominierende Größe anzusehen. Orientierung hierzu bietet am Ende des Buches Arne Hoffmann, Schriftsteller und Feminismuskritiker der ersten Stunde. Er verschafft uns einen Überblick darüber, wie die Männerbewegung politisch und gesellschaftlich einzuordnen ist und beschreibt sie als staatskritische Bewegung, welche die persönliche Freiheit in den Mittelpunkt stellt. Eben darum publizieren ihre Anhänger hauptsächlich in libertären respektive radikalliberalen Medien wie „Freie Welt“ oder eigentümlich frei. Der Ursprung des Liberalismus – die Aufklärung – spiegelt sich nach Hoffmann in dem „Hang zu Sachlichkeit und überprüfbarem Wissen“ wieder, durch welchen sich viele männerpolitische Werke ausweisen. Zudem stellt Hoffmann den Feminismus und die Männerbewegung gegenüber und zeigt an ihren Gegensätzen auf, dass die Männerbewegung weit davon entfernt ist, rückwärtsgewandt zu sein, und dass der moderne Feminismus alles andere als humanistisch ist.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die Autoren überhaupt für eine „Männerbewegung“ sprechen. Schließlich enthält das Buch ebenso Beiträge weiblicher Autoren, die den Feminismus von einem weiblichen Standpunkt einer Kritik unterziehen und dabei eben nicht als Fürsprecherinnen für die männliche, sondern für ihre eigene Sache auftreten. Wie nun wollen wir diese Bewegung nennen, für welche die Autoren sprechen? Eine Männerbewegung ist sie nicht. Antifeministisch ist sie auch nicht, die feministische Bewegung als solche wird nicht negiert, allenfalls das, was aus ihr wurde. Lassen Sie uns doch einfach ein neues Wort erfinden, wie wäre es mit Kontrafeminismus?

Kuhla, Eckhard: Schlagseite – MannFrau kontrovers, 379 Seiten, 19,95 Euro, Klotz Verlag 2011


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Kevin Fuchs

Autor

Kevin Fuchs

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige