06. Januar 2012

Währung Gold verzinst sich nicht: Euro „verzinst“ sich!

Wer ist klüger, der Dieb oder der Bestohlene?

Gold ist in aller Munde, jeder redet darüber. Fast genauso oft hört man den Spruch „Gold verzinst sich nicht“, was als Nachteil von Gold gegenüber Euro, Dollar oder anderen Papierwährungen dargestellt wird. Nicht nur Journalisten, sondern selbst renommierte Persönlichkeiten wie Staats- und Zentralbankpräsidenten, Analysten, ja sogar Goldbefürworter oder Goldverkäufer sprechen diesen Unsinn aus. Letztere wohl, um besonders unvoreingenommen zu wirken, als wögen Sie neutral Vor- und Nachteile von Gold als Investitionsklasse ab.

Doch Tatsache ist, auch der Euro verzinst sich nicht. Lediglich ein vertraglich mit Zinsforderungen belegter Kredit vergeben in Euro verzinst sich. Überhaupt verzinsen sich alle verzinsten Kreditforderungen und sonst nichts! Und die Verzinsung muss auch erst real bezahlt werden. Es gilt, das Ausfallrisiko des Schuldners und die Entwertung des Geldes, auf das die Kreditforderung lautet, zu berücksichtigen. Auch Gold verzinst sich, wenn man es verleiht. Alles kann sich verzinsen, wenn man es verleiht, nicht nur Euro.

Streng genommen müsste man auf Euro mindestens zehn Prozent Zinsen erhalten, um nach einer Abgeltungssteuer von fünfundzwanzig Prozent bei einem Eurogeldmengenwachstum M3 von durchschnittlich um die sieben bis acht Prozent sein Vermögen überhaupt zu erhalten. Denn wer sein Eurogeldvermögen nach Steuern weniger vermehrt, als die Eurogeldmenge steigt, verliert relativ zu dem gesamten Vermögen aller anderen Menschen. Aber auch wenn man die amtliche Inflationsrate zu Grunde legt, die in letzter Zeit bei etwa drei Prozent liegt, ist die Euro-„Verzinsung“ ein grottenschlechter Deal.  Denn auf kaum ein Sparbuch bekommt man mehr als ein Prozent  Zinsen, seriöse Tagesgeldanbieter zahlen Zinsen von rund zwei Prozent und die Verzinsung von als sicher geltenden zum Beispiel zehnjährigen deutschen Staatsanleihen liegt ebenfalls bei um die zwei Prozent. Die Verzinsung gleicht die Geldentwertung nicht aus.

Das einzige, das beim Euro sicher ist, ob verzinst oder nicht verzinst, ist also, dass man mit dem Euro verliert. Das Geschäft mit den Sparern in Euro ist ein Geschäft mit uninformierten Anlegern, die durch irreführende Werbung in den finanziellen Aderlass gelockt werden. Für Bundesanleihen wirbt die Bundesfinanzagentur beispielsweise mit einer Schildkröte, einem Maskottchen namens „Günther Schild“.  Das possierliche Tierchen – Sicherheit , Ruhe, Vitalität und Langlebigkeit ausstrahlend – sagt zum Beispiel Dinge wie: „Mit Geld ist es wie mit Salat. Wenn ich es in Ruhe wachsen lasse, bringt es mir am meisten“, oder: „Ich schätze die sicheren Dinge im Leben. Davon profitiert die ganze Familie“.

Wem soll man dabei die Schuld geben? Dem Dummen, der in Euro spart und etwas für Verzinsung hält, das in Wahrheit Abzocke ist? Oder dem Schlauen, der sich in Euro verschuldet und als Verzinsung anpreist, was in Wahrheit Abzocke ist? Darf Dummheit keinen Preis haben? Auch Banken preisen ihre Zinsen auf Euro mit Wörtern wie „Gewinn“ und „Top-Zins“ an, dabei bedeuten diese Zinsen real alle Verlust. Die Zinsen in Euro bekommen die Anleger dann aber umso sicherer. Man mag dazu moralisch stehen, wie man will, aber wer ist der Klügere? Der Gewinner oder der Verlierer?


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Ralph Bärligea

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