18. Januar 2012

Unworte des Jahres 2011 Demokratische Sprachoffensive

Kommt lasset uns anbeten die Herrschaft des Volks

So schamlos haben sich die Demokratokraten in der Unwort-des-Jahres-Show noch selten selbst abgefeiert. „Döner-Morde“ auf Platz 1, Silber und Bronze für „Gutmensch“ und „marktkonforme Demokratie“: Man meint fast, dieser staatstragende Götze Demokratie schwanke schon genauso bedenklich im Winde wie die Herrschaft Baschar al-Assads, wenn zu seiner Verteidigung solche Rundumschläge nötig sind.

Da sind die „Döner-Morde“ auf dem Siegerpodest noch das harmloseste. Die Pressemitteilung erklärt dazu: „Der Ausdruck steht prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde. Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden.“

Was natürlich solange kein Problem war, wie die Täter noch „im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften“ verortet wurden, denn den Begriff gibts ja auch erst seit 2006 und da konnten ihn die Juroren schon mal fünf Jahre lang einfach übersehen. Aber, ha, wenn die Rechten kommen, dann läutet das Glöcklein! Sind die Täter womöglich wichtiger als die Opfer? Nötigt der Jury ein terroristischer Neonazi mehr Ehrfurcht ab als ein abgeknallter und anschließend auf ein Imbissgericht reduzierter Türke Mitleid?

Und jetzt geht’s los: „Gutmensch“. Ah wie originell. Zwar gibt die Jury zu, dass es den Begriff schon seit 20 Jahren gibt. Allerdings geistere er in jüngster Zeit vermehrt durch das, haltdichfest – Internet: Dort werde nämlich mit diesem Ausdruck regelmäßig „das ethische Ideal des ‚guten Menschen’ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch [widerspreche] Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in rationaler Diskussion gehören.“

Das ist kaum zu toppen an Schmierigkeit, Falschheit und Selbstgerechtigkeit. Wo anfangen bei all den Fehlern und Verzerrungen?

A.: „Gutmensch“ und „ethisch gut handelnder Mensch“ werden gleichgesetzt. Verlorene Liebesmüh, drauf hinzuweisen, dass die Prägung „Gutmensch“ nun gerade ironisch Menschen persifliert, die sich zwar für gute Menschen halten, deren Tun und Reden aber von ihren Kritikern gerade nicht als uneingeschränkt „gut“, sondern mindestens auch als selbstverliebt und ideologiebehaftet wahrgenommen wird.

B.: Im Lichte von Punkt (a) fällt der Vorwurf in sich zusammen, die Kritik geschehe „ohne Ansehung ihrer Argumente“. Denn kritisiert werden durch den Ausdruck „Gutmensch“ ja gerade keine Positionen („man muss den Armen helfen“), sondern eine Haltung zu sich selbst („es ist gut, wenn man – so wie selbstverständlich auch ich – den Armen hilft“).

C.: Im Lichte von Punkt (b) fällt auch der ohnehin reichlich absurde Vorwurf weg, „Gutmensch“-benutzende Zeitgenossen würden politisches Handeln ohne ethische Prinzipien propagieren. Denn gerade indem das Handeln von „Gutmenschen“ als ethisch fragwürdig kritisiert wird, wird die Ethik als Kategorie festgeschrieben. Auch wenn sich der Schwerpunkt von einer utilitaristischen auf eine Gesinnungsethik verschiebt.

D.: Und natürlich wird gleich die größte Kanone aus dem Arsenal gefahren: die Demokratie. Logisch gesehen natürlich überhaupt nicht notwendig. Mal angenommen, die Jury hätte recht, und wer den Ausdruck „Gutmensch“ benutze, wäre wirklich ein Anhänger unethischen Handelns und ein Feind gesamtgesellschaftlicher moralischer Werte: Dann wäre er eben einfach ein schlechter Mensch, ein Bandit oder ein Egoist. Aber nein, natürlich ist er sofort ein Feind der Demokratie, heißt übersetzt: ein absoluter Outlaw, das schlimmste, was man sich hierzulande zuschulden kommen lassen kann.

E.: Im Lichte von Punkt (d) stoßen einem Formulierungen wie „pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren“ oder „sein Diffamierungspotential als Kampfbegriff gegen Andersdenkende“ besonders sauer auf. Wer von einer Institution, die durch die Unwort-Verkündung gesamtgesellschaftliche Autorität in Anspruch nimmt und auch dementsprechend wahrgenommen wird, mittels schiefer Argumentation in die Ecke eines absoluten Outlaws gedrängt wird, der hört solche Vorwürfe bestimmt ebensogerne wie der Bettler den Hinweis des reichen Mannes, er möge sich doch auch mal einen so schönen Pelzmantel kaufen, dann würde er nämlich nicht so frieren.

Schließlich: „Marktkonforme Demokratie“. Man muss sich nur mal die Begründung („höchst unzulässige Relativierung des Prinzips, demzufolge Demokratie eine absolute Norm ist, die mit dem Anspruch von Konformität mit welcher Instanz auch immer unvereinbar ist“) auf der Zunge zergehen lassen wie die Hostie, die anzubeten man da soeben aufgerufen wird. Die Apotheose, die der Demokratie hier zuteil wird, hat schon fast nicht mehr religiöse, sondern eher wahnhafte Züge. Demgegenüber wirkt das erste Gebot „Ich bin der Herr, Dein Gott, Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ nachgerade liberal und tolerant. Wollen wir den Gedanken wirklich weiterdenken? Güte, Gerechtigkeit, Liebe, Mitleid, Vergebung sind keine Instanzen, die womöglich größer sind als Demokratie und diese gegebenenfalls auch in ihre Schranken weisen können? In was für einer Welt leben wir? Sind das Gutmenschen, die so etwas schreiben, oder sind es einfach nur Bürokraten und Apparatschiks, die noch nie einen Sonnenuntergang gesehen haben und noch nie weiter gedacht haben als bis zur Tür ihres Vorgesetzten?


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Martin Johannes Grannenfeld

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