03. März 2012

Athanasios die Glosse Welthauptstadt Hellas

Wie rette ich einen gescheiterten Staat?

Jorgos Chatzimarkakis nennt sich einfach „Schatzi“, entweder um sich bei den Deutschen lieb Kind zu machen oder weil er ihnen nicht zutraut, seinen Namen richtig auszusprechen. Bei Maischberger wollte er diese Woche gleich sein ganzes Vaterland umbenennen lassen, wie einen Monat zuvor schon in der „Bild“: „Im Zuge eines ehrlichen Neuanfangs sollte die griechische Verfassung neu geschrieben und das Land in allen Sprachen konsequent ‚Hellas‘ genannt werden. Das Land braucht ein neues Image.“

Das ist ein vernünftiger Vorschlag, denn der Name „Griechenland“, angelehnt ans lateinische „Gräzien“, könnte die Deutschen vergrätzen. Dagegen klingt „Hellas“ nach deutscher Griechenfreundlichkeit, nach Philhellenismus. Schon Hölderlin ließ seinen Hyper-Hellenen Hyperion im griechischen Befreiungskrieg sprechen: „Wenn mich einer einen Griechen nennt, so wird mir immer, als schnürt’ er mit dem Halsband eines Hundes mir die Kehle zu.“ „Gr“ klingt ja auch wie das Knurren eines Hundes, „Hellas“ hingegen verbreitet Frohsinn wie „Helau“ und „Alaaf“. So oder so ähnlich muss schon die bayerische Regentschaft gedacht haben, als sie 1834 die Hauptstadt in ein Schafsdorf zu Füßen der Akropolis verlegte und klassizistische Bauten errichtete, um ihrem „failed state“ ein antikisierendes Antlitz anzuschminken. Athen war im 19. Jahrhundert die Welthauptstadt Germania der Bourgeoisie: weit zurückgedacht, doch kurz nach vorn.

Schatzi sollte eigentlich „Chatzis“ heißen. So darf sich der Grieche nennen, wenn er nach Jerusalem gepilgert ist, wie der Muslim sich „Haddsch“ nennen darf, nachdem er in Mekka gewesen ist. Wenn er es nur bis zum Babelbau in Straßburg schafft, heißt er Schatzi und bekommt statt dem Pilgersegen einen Schmatzi. Es kann niedlich oder fröhlich klingen, ein Wort im Pilgermantel in eine fremde Sprache zu schicken. Kann, muss nicht. Im Französischen klingt „Hellas“ wie „hélas“, ach, Griechenland, weh!


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