Martin Johannes Grannenfeld

Der Autor, Jahrgang 1983, lebt in Berlin und arbeitet als Musiker, Performer, Autor und Blogger. Seine Website ist www.geistbraus.de.

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Zur Auseinandersetzung mit Wikipedia: Der Einzelne und der Schwarm

von Martin Johannes Grannenfeld

Warum eigentümlich frei und Wikipedia inkompatibel sind

13. November 2012

Ehrlich gesagt, die aktuellen Streitigkeiten zwischen eigentümlich frei und Wikipedia wundern mich überhaupt nicht. Ich habe für beide Medien geschrieben, und ich würde sagen: man kann sich kaum unterschiedlichere Ansätze publizistischer Arbeit vorstellen. Dass die Wikipedia-Autoren nun ef hartnäckig Nähe zu rechten und rechtsextremen Positionen unterstellen, schreibe ich daher weniger ihrer bösen Absicht zu als ihrer generellen Unfähigkeit, sich in die Gedankenwelt von eigentümlich frei hineinzuversetzen.

Wikipedia ist ein geschlossener, heimeliger Raum. Die Regeln für Artikel sind klar kommuniziert und kodifiziert: Relevanzkriterien, neutraler Standpunkt, enzyklopädischer Stil, Wissenschaftlichkeit, Zitierregeln usw. sind seit Jahren als formales Gerüst der Online-Enzyklopädie fixiert und werden streng überwacht. Ein so rigides Regelsystem ist sicherlich notwendig, wenn zehntausende mehr oder minder kompetente Autoren gemeinsam an Texten arbeiten. Es wird in dem Moment zum Problem, wo die strengregulierten Autoren auf ein anderes Medium treffen, in dem – überspitzt formuliert – vor allem die eine Regel gilt: Hab deine eigene Meinung, äußere sie in welcher Form auch immer, und je schräger sie zum Mainstream steht, desto besser.

Ich habe im Jahr 2007 angefangen, bei Wikipedia mitzuarbeiten. Das heißt, „angefangen“ ist übertrieben – ich habe im selben Jahr auch schon wieder aufgehört. Die Enzyklopädie begann damals gerade von der Allgemeinheit wahrgenommen zu werden, und ich wollte verstehen, wie die Textentstehung im Kollektiv funktioniert. Nachdem ich eine Weile lang konstruktiv mitgearbeitet hatte, machte ich ein Experiment – ich verfasste einen Artikel über einen mir recht unsympathischen Künstler, bei dem ich alle formalen Regeln peinlich genau beachtete, inhaltlich jedoch wild phantasierte. Ich unterstellte dem Künstler erbitterte Rechtsstreitigkeiten mit einem Kollegen im Jahr 1992, erfand längst vergangene Medienkampagnen gegen ihn und kolportierte schließlich gar Nazi-Vorwürfe gegen ihn. Alles minutiös belegt durch jahrealte Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften, die so schnell niemand zur Hand haben sollte.

Der Artikel wurde von den alten Wikipedia-Hasen wegen seiner „außergewöhnlich hohen Qualität“ gelobt und blieb vier Monate lang fast unverändert online. Einige Details zu Lebenslauf und neuen Werken wurden emsig nachgetragen. Dann entdeckte der Künstler selbst den Text und löschte die erfundenen Passagen. Dies wurde von den Wikipädisten rückgängig gemacht: Vandalismus. Erst nach langen Diskussionen und ausführlichen Begründungen wurde die Löschung akzeptiert.

Ich habe dem Künstler gegenüber immer ein etwas schlechtes Gewissen gehabt, aber die Aktion hat mir klargemacht, wie wichtig formale Kriterien bei der Wikipedia sind. Und: dass ich offensichtlich der falsche bin, an dieser Enzyklopädie mitzuarbeiten.

Was für ein Profil muss ein Wikipedia-Autor haben? Er erzeugt kein Wissen, er sammelt es. Er durchbricht keine Formen, er füllt sie. Er stellt keine Kategorien in Frage, er ordnet sie. Er formuliert nicht prägnant, sondern er zitiert prägnante Formulierungen. Er steigt in der Benutzerhierarchie nicht durch Wagnis und Tabubruch auf, sondern durch Fleiß und Wohlverhalten.

Bezeichnend ist, dass jeder Wikipedia-Artikel einer oder mehreren Kategorien zugeordnet ist, wobei diese Kategorien wiederum zu einer oder mehreren Oberkategorien gehören usw. Der Artikel „Eigentümlich frei“ gehört beispielsweise zur Kategorie „Libertarismus“, diese gehört zur Oberkategorie „Liberalismus“, diese gehört zu „Politische Ideologie“, diese zu „Politische Theorie und Ideengeschichte“, diese zu „Politikwissenschaft“, diese zu „Politik“, diese zu „Sachsystematik“ und diese schließlich zu „Hauptkategorie“. So entsteht ein hierarchischer Baum, der der Denkweise von Informatikern entspricht und im Bereich der Informatik auch sinnvoll ist, der aber in seiner vorgeblichen Klarheit, Eindeutigkeit und Stringenz der Komplexität der realen Welt nimmermehr gerecht wird. Die Enzyklopädisten der französischen Aufklärung, jahrhundertelang belächelt, feiern hier ihren späten Sieg. Nicht umsonst werden die Wikipedia-Autoren mit Bienen verglichen – für Descartes waren das (wie alle anderen Tiere auch) nichts als Maschinen. Allerdings sehr effiziente Maschinen.

Nun soll sich also eine solche wie geölt funktionierende Wikipedia-Maschine im Chaos des real existierenden Individualismus von ef zurechtfinden. Wo es gerade gilt, sich lustvoll genau zwischen die Kategorien zu setzen. Neue, aufregende, unkonventionelle und manchmal auf den ersten Blick gar widersprüchliche Positionen einzunehmen. Selbst zu denken, anstatt nur Wissen zu reproduzieren. Mit Darstellungsformen zu spielen – Journalismus, Wissenschaft, unternehmerische Praxis, Boulevard und Dada wild durcheinanderzuwürfeln, anstatt der stilistischen Norm der vermeintlich so objektiven und neutralen Wissenschaft zu huldigen.

Dem Wikipedia-Autor muss all das zweifellos verdächtig vorkommen. Ein Wesen aus der zweiten Dimension findet das Gerede von der „Kugel“ auch äußerst dubios. So unterstellt die Biene dem Freigeist Falschheit und taktische Verstellung. Und was sollte man zu verbergen haben, wenn nicht das Schlimmste, was es zu verbergen gibt: dass man heimlich rechtsextrem sei?

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