02. Mai 2014

Pirinçci Deutschland, Deutschland unter alles

Akif trifft Robert Nozick

Mit seinem ersten Sachbuch „Deutschland von Sinnen“ hat der türkischstämmige Schriftsteller Akif Pirinçci die Republik gespalten. Seine Verfechter begrüßen es als eine längst überfällige Kritik an der hiesigen „links versifften“ Politik, seine Verächter vergleichen es dagegen mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“.

Man sollte ein Buch immer an seinem Anspruch messen. Im Fall von „Deutschland von Sinnen“ ist dies leider äußerst schwierig. Denn Akif Pirinçci benennt den Anspruch, den er mit seinem Werk erhebt, nicht. Wie es auf der Rückseite des Buches auch heißt, scheint sein Buch tatsächlich nur als ein „furioser, aufrüttelnder und brachialer Wutausbruch“ gedacht zu sein.

Tatsächlich bekommen bei Pirinçci denn auch alle üblichen Verdächtigen ihr Fett weg: Joschka Fischer, Claudia Roth, Markus Lanz, Christian Wulff, Andrea Nahles, Jürgen Trittin, Sibylle Berg, Ruprecht Polenz, Monika Sieverding, Judith Butler und all die übrigen grünen „Kinderficker“, archaischen „Klitorisabschneider“, deutschen „Islamheinis“, die „Halbtoten aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, die „Hampelmänner und Hampelfrauen aus der Politik“ sowie das „von aggressiven Lesben in die Welt gefurzte Gender Mainstreaming, wonach das Geschlecht des Menschen lediglich ein ‚soziales Konstrukt’ sei, das man wie einen Tampon jederzeit wechseln könne.“

Ohne Zweifel geht Pirinçci in manchen seiner Aussagen zu weit. So sind seine Behauptungen, dass es einen „schleichenden Genozid“ an deutschen Männern gebe oder „die Ausländer uns die Frauen wegnehmen“, haltlose Übertreibungen.

Doch diese Übertreibungen rechtfertigen es bei weitem nicht, das Buch mit Hitlers „Mein Kampf“ zu vergleichen oder Pirinçci sogar kurzerhand als „misogynen, homophoben und nationalistischen Rassisten“ zu verleumden. 

Sicher, seine Sprache ist nicht jedermanns Geschmack. So mag man sich zu Recht an der Formulierung stoßen, dass die Deutschen „sich ficken lassen und dafür auch noch den Schwanz ihres Vergewaltigers lecken.“

Doch von den Journalisten der „Zeit“, der „FAZ“ oder der „taz“, die das Buch rezensiert haben, sollte man eigentlich genügend Intelligenz erwarten, um zwischen der Form und dem Inhalt eines Buches differenzieren zu können.

Genauso irrelevant wie die Kritik an Pirinçcis Stil ist die Kritik, sein Buch würde Ausländerfeinden in die Hände spielen. Seine Behauptung, dass inzwischen überproportional viele Vergewaltigungen in Europa von Muslimen verübt werden, ist entweder wahr oder falsch. Für den Wahrheitsgehalt seiner Behauptung ist es vollkommen belanglos, ob sich Rechtsradikale beim Lesen seines Buches die Hände reiben. Zudem bedürfen hohlköpfige und kahlköpfige Neonazis keines Akif Pirinçci, um sich mit Munition für ihren irregeleiteten Kampf gegen Migranten und Asylanten zu versorgen.

Und schließlich pauschalisiert Pirinçci auch keineswegs in der Weise, wie es nahezu all seine Rezensenten immer wieder unterstellen. Selbstverständlich hat er nichts gegen „die“ Ausländer. Er ist selbst ein Ausländer. Er wünscht sich nur, dass die Menschen, die nach Deutschland kommen, es so halten würden, wie es seine eigenen Eltern getan haben. Sie hatten den Rat beherzigt, den man ihnen nach ihrer Ankunft gab: „Arbeitet, geht zur Schule, macht etwas aus eurem Leben, Ihr seid uns nichts schuldig, außer vielleicht, daß Ihr ein produktiver, kreativer und bereichernder Teil dieses Landes werdet und hier sogar Wurzeln schlagt, wenn es euch gefällt.“

Auch stellt Pirinçci unmissverständlich klar, wen genau er mit „Muslimen“ meint: „Wenn ich hier von Muslims spreche, so meine ich damit diejenigen, die den Islam auch tatsächlich praktizieren, demonstrativ in die Öffentlichkeit tragen und sich in seinem Namen eine menschen-, insbesondere frauenverachtende Sonderstellung erdreisten. Das sind nicht wenige, aber bei weitem nicht die Mehrheit der in diesem Land lebenden M-People. Ein überwältigend großer Teil von ihnen ist mit den hier vorgegebenen Sitten, Gebräuchen und Gesetzen völlig d’accord.“

Ein ganz besonderes Lob hat er für die türkischstämmigen Mädchen übrig: „Insbesondere die Frauen tun sich dabei wohltuend hervor. Sie sind gebildet, weltoffen, selbstbewusst und, sehr wichtig, haben mit Religion wenig bis gar nichts am Hut.“

Kurz, alles, was Akif Pirinçci will, ist, dass die Immigranten die Chance zu würdigen wissen, die ihnen dieses Land gewährt: „Erinnere Dich, weshalb du hier bist: Weil es hier besser ist als dort, woher Du stammst. Es ist okay, wenn Du religiös bist, aber übertreibe es nicht. Du lebst zwar in einem Land, das die Religion längst überwunden hat, doch wir drücken in Deinem Fall ein Auge zu, weil wir nett sind. Geh‘ aber Deutschland nicht damit auf den Sack. Und wenn Du nur hier bist, um es Dir auf unsere Kosten gemütlich zu machen, kannst Du gleich wieder abhauen.“

Wie spätestens an dieser Stelle deutlich wird, steht Akif Pirinçcis Buch „Deutschland von Sinnen“ in ein und derselben Tradition wie Hendryk M. Broders „Hurra, wir kapitulieren!“, Kirsten Heisigs „Das Ende der Geduld“, Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ und Heinz Buschkowskys „Neukölln ist überall“.

Alle fünf Autoren beklagen gleichermaßen die geradezu selbstzerstörerische Langmut, die der deutsche Rechtsstaat gegenüber der finanziellen Übervorteilung, den zunehmenden Gewalttaten und dem religiösen Fundamentalismus einer kleinen Gruppe von Immigranten zeigt.

Alle fünf Autoren scheinen sich auch darin einig zu sein, dass Deutschland seine Einwanderungspolitik nach dem Vorbilde Australiens, Kanadas und der USA ändern müsse, indem es nur diejenigen Menschen ins Land lassen solle, für die es auch ökonomisch Verwendung habe.

Dass man deutsche Unternehmer, Wissenschaftler oder Politiker wegen ihres Plädoyers für eine restriktivere Immigration einfach in die „rechte Ecke“ stellt, empfindet Pirinçci zu Recht als einen Skandal: „Es ist ein Skandal, die indigene Bevölkerung als einen Haufen von Reaktionären, Nazis, ja, verhinderten Mördern zu verunglimpfen, sobald sie mitbestimmen möchte, mit welcher Sorte von Menschen sie in ihrem eigenen Land zusammenzuleben wünscht und mit welcher nicht. Das hier ist immer noch Deutschland und nicht der Circus Roncalli.“

Pirinçci hat freilich auch eine Erklärung für die unendliche Langmut zur Hand, die Deutschland gegenüber den Immigranten zeigt. Es ist die „deutsche Schuld“! Die Deutschen meinen mit dem Holocaust jedes Recht verwirkt zu haben, über ihr eigenes Land selbst zu bestimmen. Angesichts der Greueltaten, die ihre Großväter an Polen, Tschechen, Russen, Sinti, Roma und Juden verübt haben, glauben sie, für die Sünden ihrer Vorväter büßen zu müssen. Kurz, nach Auschwitz darf ein Deutscher keinen Nationalstolz mehr haben, seine Heimat nicht mehr als Vaterland betrachten und muss jeden Einwanderer als eine wirtschaftliche, kulturelle und intellektuelle Bereicherung willkommen heißen.

Als gebürtiger Türke darf Pirinçci denn auch den Kult mit der Schuld kritisieren. Warum sollte man alle Deutschen für Hitler verantwortlich machen? Schließlich machen wir auch nicht alle Russen für Stalin oder alle Chinesen für Mao verantwortlich.

Wie nahezu jeder Ausländer hat er ein ganz anderes Bild von Deutschland. Wie für Franzosen, Engländer, Spanier oder Amerikaner steht Deutschland für ihn für Namen wie Bach, Beethoven und Brahms, für Kant, Schopenhauer und Nietzsche, für Goethe, Schiller und Herder, für Einstein, Heisenberg und Planck, für Mercedes, Siemens und Bosch.

Der zweite Grund, den Pirinçci für die hiesige „Muslimmania“ benennt, ist der deutsche Sozialstaat, der bekanntlich eine ganze Armada von Angestellten und Beamten unterhält, die von unseren Steuern leben und deren Gehälter nur so lange fließen, wie auch der Zustrom von Einwanderern fließt. Kurz, die gesamte „Integrationsindustrie“.

Wie der Untertitel seines Buches bereits verrät, stößt sich Akif Pirinçci aber nicht nur an dem Kult mit der Schuld, sondern auch an dem Kult um die Frauen und die Homosexuellen. Er ärgert sich wohlgemerkt nicht über Frauen und Homosexuelle, sondern lediglich um den Kult, der um sie gemacht wird. Wie irgendein Rezensent Pirinçci Misogynie und Homophobie unterstellen konnte, ist mir daher vollkommen schleierhaft. Ein bloßes Missverständnis kann es jedenfalls nicht sein, denn schon auf Seite 17 schreibt er ganz klar: „Um Missverständnissen vorzubeugen, sei vorab gesagt, daß es mir keineswegs darum geht, die Homosexualität als eine verachtenswerte Angewohnheit oder gar als eine üble Krankheit zu diffamieren und Menschen mit dieser sexuellen Orientierung einen verkommenen Charakter zu unterstellen. Homosexualität existiert, hat schon immer existiert, auch in der Tierwelt. Die Homosexualität zu verdammen, wäre das gleiche, wie wenn man die Verästelung eines Baumes verdammen würde, nur weil sie dem eigenen ästhetischen Empfinden nicht behagt.“

Doch zurück zu dem Anspruch des Buches. Selbst wenn es nur ein „furioser Wutausbruch“ sein will, stellt sich doch die Frage, ob Pirinçcis Zorn gerechtfertigt ist. Meines Erachtens kann die Antwort auf diese Frage nur „ja“ lauten. Ja, unsere Einwanderungsbestimmungen sind zu kurzsichtig; ja, unsere Justiz ist mit Migranten zu nachsichtig; ja, statt eine strikte Trennung von Staat und Kirche durchzuführen, lassen wir uns jetzt nicht nur von Klerikern, sondern auch noch von Imamen auf der Nase herumtanzen; ja, die Grünen sind für die zunehmende Wissenschafts- und Technologiefeindlichkeit verantwortlich; und ja, Gender Mainstreaming gehört genauso wenig an eine staatliche Universität wie die Theologie.

Was in der Debatte um Akif Pirinçci leider vollkommen verschwiegen wird, ist, dass er nicht nur Probleme beim Namen nennt, sondern durchaus auch eine Lösung vorschlägt. Da ich sein Buch nicht nur für lesenswert, sondern auch für kaufenswert erachte, will ich seine Lösung hier aber nicht verraten, sondern begnüge mich mit dem Hinweis: Akif Pirinçci trifft Robert Nozick.


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Edgar Dahl

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