08. September 2014

Uber Wider die Fortschrittsangst

Wie Unternehmen den Staat zu unserem Wohl herausfordern

Dossierbild

Der US-Taxidienst Uber bringt für viele Deutsche das Fass zum Überlaufen. Während die einen disruptive Innovation auf dem Transportmarkt ausdrücklich begrüßen, finden die anderen einen nicht enden wollenden Schwarm an Argumenten gegen mehr Qualität zu einem niedrigeren Preis.

Da fast alle Argumente gegen Uber – ob Sicherheitsbedenken, Versicherungsunklarheit oder Schwarzarbeit – auf Missverständnissen beruhen, die bereits an anderer Stelle ausgeräumt wurden, setzen die Gegner nun zunehmend auf Moral. Dabei haben sie ihr Ziel – den Schutz eines Kartells – eigentlich schon erreicht: Das Landgericht Frankfurt hat Uber deutschlandweit verboten.

Uber und andere neue Dienste der sogenannten Share Economy, wie der Unterkunftsvermittler AirBnB würden sich offensiv zu einer „libertären Ideologie“ bekennen, so kommentiert dies Stefan Schultz im „Spiegel“. Sie sind disruptive Unternehmen, die mit kreativer Zerstörung – so der Begriff des Ökonomen Joseph Schumpeter – Märkte innovieren.

Dies mag zu Lasten von Kartellen gehen, die sich auf ihren gesetzlichen Privilegien ausruhen, nutzt aber den Kunden in vielfältiger Hinsicht. Nicht ohne Grund macht Uber deshalb trotz Verbots weiter. Der Bedarf ist schließlich da – bis zu 590 Prozent höhere Anmeldungen konnte Uber in den 24 Stunden nach seinem Verbot verbuchen. Ähnlich wie beim Streik von Taxifahrern in Berlin im Juni zeigt sich nun wieder, dass Kunden sich nicht von gesetzlich zementierter Marktmacht beeindrucken lassen, sondern rational das bessere Produkt wählen.

Marktmacht kann man nur auf zweierlei Weise erlangen: durch ein besseres Produkt oder durch Ausschalten der Mitbewerber, oft durch staatliche Mitwirkung. Google und Amazon etwa stehen nun sinnbildlich für eine Orientierung am Produkt. Sie haben ihre Marktmacht nur, weil ihre Kunden ihre Produkte subjektiv für überlegen halten. Dienste wie Uber haben ein Transportmodell entwickelt, das den monopolistischen Strukturen auf dem Taximarkt in jeder Hinsicht überlegen ist. Preis, Komfort, Qualität und Sicherheit liegen weit über dem, was man bei gewöhnlichen Taxen erwarten darf: Einem unfreundlichen Fahrer, kaum der Landessprache mächtig, muss man den Weg erklären, den man selbst nicht kennt, während dieser verkehrswidrig über die Straßen rast, und am Ende muss man mehr zahlen als vereinbart. Natürlich gibt es auch viele Taxifahrer, die ihre Tätigkeit ernstnehmen. Genau diese müssen sich auch keine Sorgen machen. Der Markt etwa für alte fahrzeuglose Menschen, die mit den neuen Technologien nichts anfangen können, wächst rasant. Hier können traditionelle Taxiunternehmen weiterhin bessere Dienstleistungen anbieten, als es Uber möglich ist. Falls Taxifahrer wirklich das bessere Produkt besitzen, sollten sie es im Wettbewerb unter Beweis stellen, statt auf Zwang zu setzen. So entwickelte etwa ein Stockholmer Taxiunternehmen eine neue App, um mit den Diensten der Share Economy konkurrenzfähig zu bleiben und Ubers Expansion nach Schweden zu stoppen.

„Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo nennt das Modell der Share Economy „Plattform-Kapitalismus“. Plattformen wie Uber seien „ökonomische Ökosysteme, die Geld verdienen, indem sie Dritten ermöglichen, Geld zu verdienen“. Er erkennt dabei richtig, dass die Politik und Gesellschaft schlichtweg darauf nicht vorbereitet sind. Doch warum Neuerungen stoppen, wenn sie der Gesellschaft nur nutzen: nicht etwa nur den Kunden, sondern auch der Umwelt durch eine bessere Ressourcenallokation. Oder den Fahrern selbst, die nun endlich nach Leistung statt alle gleich bezahlt werden. Da die Eintrittshürden aber gleichzeitig deutlich geringer sind, eröffnet sich eine wertvolle Beschäftigungsperspektive für Arbeitslose und Geringverdienende. Selbst der Staat profitiert von Steuereinnahmen: Uber ist schließlich keine Einladung zur Schwarzarbeit, sondern die Selbständigen sind gefordert, ihre Einkünfte zu versteuern. Der Staat muss sich im Falle fehlender Zahlungsmoral fragen, warum dies nicht ordnungsgemäß geschieht – die Gründe dafür können vielfältig sein –, und die Steuermoral etwa durch Steuersenkungen heben. Einen Schwarzmarkt bildet hingegen das momentane Taxikartell: Die limitierten Konzessionen werden zu horrenden Preisen auf ihm versteigert, das Geld fließt am Staat vorbei.

Es ist verständlich, dass die Politik, die noch nicht einmal im Neuland Internet angekommen ist, Probleme mit diesem neuen Plattform-Kapitalismus hat. Da trotz fehlender staatlicher Rahmenbedingungen der technische Fortschritt jedoch ungehindert weitergeht, ist die Politik gefordert, hier schnell nachzuziehen. Die nächsten „Revolutionen“ auf dem Transportmarkt kommen schließlich schneller, als man denkt. Bereits jetzt legt sich das kalifornische Start-Up Shyp mit der oft monopolistischen Postindustrie an. Kunden müssen lediglich ihr zu versendendes Produkt fotografieren, die Zieladresse eingeben und ein nach kurzer Zeit erscheinender Kurier erledigt den Rest. Schon in wenigen Jahren könnte selbst dies jedoch Makulatur sein. Google, nicht ohne Grund an Uber beteiligt, plant bereits an führerlosen Fahrzeugen, die autonom die Straßen befahren können. Kombiniert mit Googles Gesprächen mit Elektroautohersteller Tesla liegt der Verdacht nahe, das wir sehr bald gar nicht mehr auf Taxifahrer oder Kuriere angewiesen sind. Künstliche Intelligenz wird uns zum absoluten Spottpreis absolut umweltfreundlich absolut sicher ans Ziel bringen.

Die Bedenken der Fortschrittsfeinde gegen diese Innovationen werden die momentane Empörung gegen Uber noch weit in den Schatten stellen. Während in Europa abseits Großbritanniens autonome Fahrzeuge aufgrund Rechtsunklarheit nicht einmal getestet werden dürfen, haben einige US-Bundesstaaten die Zeichen der Zeit besser erkannt. Ihre Unternehmen schaffen Fakten und fordern den Staat heraus. Sie brechen bewusst Gesetze, die sie für schädlich für das Wohl der Kunden halten. Sie setzen trotz Klagen ihrer Konkurrenten ihre Visionen einer besseren Welt durch. Diese Unternehmen gestalten unsere Welt – die Politik läuft nur panisch hinterher. Und das ist gut so!

In Deutschland steht man in Gefahr, für die letzten Zeilen nicht mehr ernstgenommen zu werden. Wen wundert dies in einem Land, in dem junge Menschen laut einer aktuellen Studie in allererster Linie nach subjektiver Sicherheit streben, wo fast zwei Drittel im öffentlichen Dienst oder staatsnahen Branchen wie Wissenschaft, Kultur oder Gesundheit arbeiten wollen? Gesetze brechen – unvorstellbar! Dabei täte ein wenig ziviler Ungehorsam gut – etwa trotz Verbots Uber weiter zu nutzen –, um der Politik die Absurdität vor Augen zu führen, mit der es sich bequem machende Kartelle panisch vor der Zukunft wehren wollen.

Vielleicht ist Deutschland aber auch dazu bestimmt, langfristig den Anschluss zu verlieren und ins wirtschaftliche Mittelmaß abzudriften. Hinter Wohlstand stehen in erster Linie innovative Unternehmen – das scheinen viele zu vergessen. Eine jüngere Facebook-Nutzerin brachte diese in unserer Gesellschaft leider weit verbreitete Einstellung kürzlich mit einem Kommentar zum Uber-Verbot sinnbildlich auf den Punkt: „Recht so. Mir gehen diese Rotzlöffel, die gestern die Uni abgebrochen haben und morgen Internetmilliardär sind, zunehmend auf die Nerven. Solchen Leuten gehört Respekt beigebracht und ja, ich bin fortschrittsmüde. Man muss nicht jeden Mist mitmachen, nur weil er neu ist.“ Man könnte sich jetzt fragen, warum die Dame denn dann Facebook nutzt. Oder ihr erläutern, dass niemand gezwungen wird, bei Uber mitzumachen: Kunden können nach wie vor traditionelle Taxen in Anspruch nehmen, solange sie ihrer bedürfen.

Auf alle Fälle kann man aber sehen, dass wir mehr Fortschrittsbegeisterung brauchen. Innovation braucht Freiheit. Politik und Gesellschaft sind gefordert, die Rahmenbedingungen für Fortschritt zu schaffen statt den Status quo zu verteidigen. In letzter Linie wird das ohnehin nicht gelingen – und das Potential, das etwa deutsche Neugründungen als Uber-Konkurrenten hätten, wird mit all seinen positiven Nebeneffekten verschenkt. Vielleicht reicht es am Ende daher, in die Vergangenheit zu schauen. Die Liberalisierung des Fernbusmarktes war ein voller Erfolg. Doch nicht etwa die Politik gab den Anstoß, sondern ein junger Start-Up. DeinBus forderte den mächtigen Monopol- und Staatskonzern Deutsche Bahn heraus und gewann das Gerichtsverfahren. Die Politik reagierte, schuf neue Rahmenbedingungen und setzte eine beispiellose Erfolgsgeschichte in Gang. Gleiches gilt auch für Uber und andere disruptive Dienste. Für Fortschritte darf man sich nicht auf die Politik verlassen, sondern muss sie herausfordern. Das bessere Produkt wird langfristig schließlich siegen. Der so betitelte „Marktradikalismus“ nützt uns allen.


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