08. September 2014

EZB Der Draghödie nächster Teil

Die massiven Zinsmanipulationen können die Wirtschaft nicht beleben

Als aufmerksamer Investor ist es Ihnen nicht entgangen: Am gestrigen Donnerstag hat die Europäische Zentralbank (EZB) unter der Führung ihres Präsidenten Mario Draghi den Leitzins für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld von 0,15 Prozent auf 0,05 Prozent gesenkt. Auch der Zinssatz, den Banken für ihre Einlagen bei der EZB normalerweise erhalten, wurde weiter herabgesetzt. Er liegt jetzt bei minus 0,2 Prozent, nachdem er bereits im Juni auf minus 0,1 Prozent festgesetzt wurde. Das bedeutet, dass die Banken nicht wie in normalen Zeiten üblich eine Verzinsung für ihr Geld erhalten, sondern ganz im Gegenteil eine Art Steuer auf ihre Zentralbankguthaben zahlen müssen. Das ist ein weitreichender Schritt, wenn man bedenkt, dass Sparen aufgrund seiner herausragenden volkswirtschaftlichen Bedeutung normalerweise belohnt werden muss.

Jetzt fragt sich jeder: Wie schlimm steht es um Europa wirklich?

Wie schlimm muss es also um die europäische Wirtschaft stehen, wenn Zentralbankbürokraten zu derart drastischen und ökonomischen Grundwahrheiten widersprechenden Mitteln greifen? Selbst unter zentralbankgläubigen Analysten wird zumindest hinter vorgehaltener Hand bereits von einem symbolischen Schritt gesprochen, der keine realwirtschaftlichen Effekte haben wird, sondern wirkungslos verpufft. Denn die weitere Reduzierung der ohnehin längst extrem niedrigen Zinsen wird die Kreditvergabe nicht beflügeln und auch nicht für zusätzliche Investitionen sorgen. Allenfalls kann sie die Spekulation an den Finanzmärkten vielleicht noch etwas weiter anheizen. Immerhin stieg der DAX nach dem Verkünden der Zinssenkung um ein Prozent. Aber auch dieser Effekt dürfte sich in sehr engen Grenzen halten, weil der Unterschied zwischen 0,15 Prozent und 0,05 Prozent mit zehn Basispunkten überaus gering ist.

Mario Draghi hat die Zinsen de facto abgeschafft

Trotzdem fühlen sich viele Anleger jetzt sicher wie nie. Das erinnert mich sehr stark an die Zeit im Jahr 2000, kurz bevor die Internetblase platzte. Erinnern Sie sich noch an die vielen Aktien-Millionäre, deren Gier nicht zu bremsen war? Bis der Einbruch kam und viele alles verloren. Ich warne Sie daher sehr eindringlich, sich nicht von den Jubelschreien blenden zu lassen. Oder haben Sie es schon einmal erlebt, dass jemand reich geworden ist, weil er mehr ausgegeben hat, als er verdient?

Bei diesem ganzen geldpolitischen Irrsinn darf man auch nicht vergessen, dass die US-Zentralbank ihre Anleihenkäufe bereits deutlich reduziert hat. Da die USA immer noch die Leitposition an den Finanzmärkten innehalten, werden bald viele Anleger ganz schnell aus ihrem Dornröschen-Schlaf erwachen. Denn eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Auch diese Blase wird platzen! Und zwar mit einem sehr lauten Knall.

Eins ist sicher: Die Blase wird platzen

Ich wünschte, es wäre anders, aber mein Freund Roland Leuschel und ich haben den Hergang der sich weiterhin entfaltenden Krise in ihren groben Zügen bereits zu einer Zeit korrekt vorhergesagt, als sich die meisten Analysten das, was jetzt geschieht, überhaupt nicht vorstellen konnten. Wir hätten zwar nie zu glauben gewagt, dass die Notenbank-Mächtigen das Spiel so weit würden treiben können, ohne einen gewaltigen Aufschrei der Bevölkerung. Denn die zumindest teilweise sehr offensichtlichen Probleme der Überschuldung haben sie mit ihren Maßnahmen ja nicht etwa gelöst, sondern sogar deutlich vergrößert. Deshalb wird auch dieses Mal die Rechnung ihrer verfehlten und verantwortungslosen Politik wie schon in den Jahren 2000 und 2008 auf dem Fuß folgen, und die unvermeidliche Bereinigungskrise wird entsprechend heftig ausfallen.

Denn die EZB und andere Zentralbanken befinden sich inzwischen in einer ausweglosen Lage, auf die wir schon während des Entstehungsprozesses immer wieder hingewiesen haben. Sie haben ihr geldpolitisches Pulver längst verschossen, aber der erhoffte selbsttragende Aufschwung auf breiter Front ist wie von uns prognostiziert ausgeblieben. Nur an den Finanzmärkten hat ein Boom stattgefunden, der sowohl an den Aktienmärkten als auch an den Rentenmärkten zu gewaltigen Spekulationsblasen geführt hat. Und nun?

Das EZB-Pulver ist bereits verschossen – Jetzt geht es ans Eingemachte

Die Wirtschaft befindet sich weiterhin oder schon wieder am Rande einer Rezession. Und sobald die Blasen platzen, wird sich ein ähnliches Szenario entfalten wie 2008. Im Unterschied zu damals sind die Zinsen aber schon bei Null. Und auch für neue keynesianische Ankurbelungsprogramme besteht kein Spielraum mehr, da die Staatsverschuldung seit 2007 weltweit bereits drastisch ausgeweitet wurde. Das wird sich natürlich auch dann nicht ändern, wenn die EZB die von ihr zum Besten gegebene Draghödie demnächst um den Akt „Ankauf von Unternehmenskrediten“ erweitert. Schließlich heißt das eigentliche Problem ja Überschuldung. Und wie ich oben schon erwähnt habe, ist noch keiner durch Geldausgeben und Schuldenmachen reich geworden.

Weitere Analysen und Anlagehinweise finden Sie in Claus Vogts Börsenbrief „Krisensicher Investieren“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Claus Vogt

Über Claus Vogt

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige