22. Dezember 2014

Pegida, fremde Federn Festival des Wahnsinns

Hendrik M. Broder bringt es auf den Punkt

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Heute wollen sie Weihnachtslieder singen in Dresden, die Unmenschen der Pegida. Natürlich berichten nur ganz wenige Zeitungen darüber, zu sehr erinnert die Aktion an den alten Spruch vom Wo-man-singt-da-lass-dich-ruhig-nieder-denn-böse-Menschen-haben-keine-Lieder. Gerade ist es der Politik im engen Schulterschluss mit der Medienmaschine ja gelungen, die Protestler von Dresden zu Nazis, Fremdenfeinden, Islamhassern und missbrauchten Dummköpfen zu erklären. Das darf man nun nicht mehr gefährden.

Besteht doch der Kniff der Verächtlichmachung im Grunde darin, die zuvörderst gegen das politische und mediale Establishment gerichtete Bewegung zu einer Themendemo zu erklären. Es ist dann doch wieder Hendrik M. Broder, einer der letzten Klardenker im Land, der in einem Beitrag darlegt, worum es wirklich geht. Mit Pegida wachse auseinander, „was nicht zusammengehört: Auf der einen Seite die Politik, auf der anderen das angeblich dumme Volk“, schreibt er unter dem Titel „Fest des Wahnsinns“.

Der gleicht einer Obduktion der politischen Verhältnisse im Deutschland des Jahres vier nach Thilo Sarrazin, bei dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ zum ersten Mal deutlich wurde, wie weit sich die gefühlte Öffentlichkeit in Politik und Medien von der Gefühlslage vieler Menschen entfernt hat. „In Deutschland gibt es zwar die Demonstrationsfreiheit. Aber es ist kein Platz für Hetze und Verleumdung von Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen“, zitiert Broder die Kanzlerin, die mit diesem Satz einmal mehr in vorderster Front stand beim Versuch, aus der lebendigen Demokratie, die vom Meinungsstreit lebt, eine gelenkte Demokratie zu machen, in der deren Repräsentanten ihren Wählern vorgeben, was zu denken, zu glauben und zu sagen erlaubt ist.

Broder kommt dem Phänomen nahe, indem er zitiert. „Das sind keine Patrioten, das sind Nationalisten und Rassisten, die Ängste der Menschen schüren und die Gesellschaft spalten wollen“, sagt der Fraktionschef der SPD im Bundestag, Thomas Oppermann. Von „Neonazis in Nadelstreifen“ spricht der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger, ebenfalls SPD.

Hendrik M. Broder erklärt, was das meint: „Wo die Demonstrationsfreiheit aufhört und Hetze und Verleumdung anfangen, bestimmt die Kanzlerin.“ Die SPD ihrerseits habe „einen Lackmustest entwickelt, um Patrioten von Nationalisten und Rassisten unterscheiden zu können“. Wer bei diesem Test durchfalle, werde in der Abteilung „Nazis in Nadelstreifen“ entsorgt und sei nach Wolfgang Schäuble „eine Schande für Deutschland“.

Es geht hier nicht darum, warum ein Volk, das sich zu großen Teilen noch vorstellen kann, selbst zu denken, sich das gefallen lässt. Es geht nur darum, den Vorgang an sich zu beschreiben. Keiner kann das besser als Broder: „Was wir seit einigen Monaten in Deutschland erleben, ist ein Festival des Wahnsinns, dessen Protagonisten keine wildgewordenen Kleinbürger, keine Nationalisten und keine Rassisten sind, schon gar nicht Nazis in Nadelstreifen, sondern seriöse und staatstragende Politiker, die sich wie Feudalfürsten am Ende des 18. Jahrhunderts benehmen, Regenten, die ihre Macht und ihre Privilegien mit niemandem teilen wollen.“

Der streitbare Kolumnist sieht das Ende der Demokratie gekommen. „So viel Paternalismus war lange nicht mehr“, klagt er. Nicht nur, dass immer mehr Projekte für „alternativlos“ erklärt würden – der Euro, die Energiewende, das Klima –, nein, die Politiker wetteifern geradezu miteinander darum, „die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, als wären diese Invaliden oder Rekonvaleszenten, die nicht aus eigener Kraft gehen können oder zu blöd sind, eine Fahrkarte an einem Automaten zu ziehen“.

Wer das dennoch tut und zu anderen Schlüssen kommt als Führungsfiguren der Republik, die für sich selbst längst schon beschlossen haben, sich nicht unbedingt an Recht und Gesetz halten zu müssen, ist ein „Angstbürger“, „Nationalist“, „Rassist“ oder „Nazi in Nadelstreifen“, der frech von einem Grundrecht Gebrauch macht, das ihm – inhaltlicher Fehler seiner Ansichten – gar nicht zusteht.

Es ist ein enthüllender, aber auch tröstlicher Text, den Broder geschrieben hat. Eine Zustandsbeschreibung, die auf den Punkt bringt, was viele denken werden, die das, was sie denken, weder in Politik noch in Medien repräsentiert finden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Politplatschquatsch.

Der beschriebene Broder-Artikel findet sich hier.

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