25. März 2015

Studien zur Bevölkerungsentwicklung Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Zur Demographie von Humanismus, Buddhismus – und Frankreich

Dossierbild

Die Zusammenhänge von Religion(en) und Demographie sind multidimensional und komplex – und manchmal hatte ich schon leise Zweifel, ob sich das bisher erarbeitete Wissen gegen die verbreiteten Unsitten des nur oberflächlichen Lesens und kruden Vereinfachens jemals behaupten würde. Doch nachdem Michel Houellebecq im „Spiegel“ 10/2015 den demographischen „Tod“ von Humanismus, Aufklärung und Republik sowie den Sieg der kinderreichen Religion(en) und vor allem des Islam verkündet hatte, erreichten mich viele Anfragen von Leuten, die es genauer wissen wollten. Auf dieses erfreuliche Interesse habe ich mit einem Artikel, „Der Humanismus ist nicht tot. Auch nicht demographisch“ im „Diesseits“-Magazin geantwortet. Der durchschnittlich höhere Reproduktionserfolg religiöser Menschen resultiert eben nachweisbar nicht einfach aus patriarchalen Familienverhältnissen, wie Houellebecq zu vermitteln versucht.

Und wo wir gerade bei Frankreich sind: Auch hier überprüfte Thomas Baudin in einer in „Demographic Research“ veröffentlichten Studie den Zusammenhang von Religiosität und Kinderreichtum an französisch-katholischen Christinnen und Christen – und fand ihn ebenfalls bestätigt: Während ein nur nominaler, kaum gelebter Glaube auch kaum demographische Auswirkungen hat, geht gelebter, französischer Katholizismus mit durchschnittlich deutlich erhöhten Kinderzahlen einher.

Ebenfalls in „Demographic Research“ erschien eine neue Studie zur Demographie des asiatischen Buddhismus von Vegard Skirbekk und anderen, die ich als der auch im Abspann genannte „anonymous reviewer“ bereits mit großem Interesse gelesen hatte (und anonym geblieben war, da sich das Team unter anderem auch mit meinen Arbeiten befasst hatte). So hatte ich in der Auswertung der Schweizer Volkszählung bereits eine verblüffend niedrige Geburtenrate von Buddhistinnen vorgefunden und in „Religion & Demografie“ (sciebooks 2014) die kulturelle Evolution vom buddhistischen Antinatalismus zu einem nur „gemäßigten Pronatalismus“ beschrieben. Nun liefert die genannte Studie weiteres empirisches Material für die Annahme, dass der nicht- beziehungsweise quasi-theistische Buddhismus über weniger reproduktives Potential verfügt als andere religiöse und spirituelle Traditionen. Das wird für künftige religionsvergleichend informierte Forschungen noch ein spannendes Forschungsfeld!

In der Summe stelle ich also fest: Zwar nährt sich das Eichhörnchen mühsam und haben die meisten Menschen (auch in der Wissenschaft) bislang allenfalls eine rudimentäre Vorstellung von Religionsdemographie – doch sowohl das öffentliche Interesse als auch das Forschungswissen wächst. Darüber freue ich mich natürlich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Natur des Glaubens.

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